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Reisetagebuch Warschau

Anfang Februar war es so weit: Nach gut 13 Stunden Zugfahrt erwarteten uns zwei Tage straffes Programm. Zwischen Zeitungen, Fernsehsendern und Korrespondentenbüros sahen wird den historischen Kern von Polens Hauptstadt fast nur durch Busfenster. Was unsere Füße und Ohren in diesen 48 Stunden zum Qualmen brachte, erfahren Sie in diesem Text.

Blick vom Kulturpalast | © Max Heilig

Nach einer langen, abenteuerlichen Zugreise empfängt uns eine moderne Stadt mit Hochhäusern, stylischen Glasfassaden und einem Hard-Rock-Café gegenüber dem Bahnhof. Die Spitze des Kulturpalastes versinkt im Nebel. Das "Art-Hostel" mit Namen Oki-Doki empfängt uns mit gemütlichen, aber eigenartigen Unterkünften. Im Zimmer "Rasperry Thicket" muss man sich durch Himbeerdickicht schlagen und sein Spiegelbild morgens zwischen zahllosen puffigen Blüten ausfindig machen. Im Zimmer "Afrika" müssen Tierfelldecken beiseite gejagt werden, um ins Bett zu gelangen. Dieses Hostel hat es eigentlich nicht nötig, mit dem billigsten Bier der Stadt zu werben.

Oki-Doki Hostel

Am nächsten Morgen geht es mit der U-Bahn zum ersten Termin. Das Abenteuer beginnt schon beim Ticketkauf, der auf Englisch unmöglich ist. Zum Glück begleitet uns mit Magda eine Muttersprachlerin, die mit Erasmus an der TU Dortmund zu Gast ist. Für deutsche Ohren klingen die Stationen verdammt ähnlich. Beim vierten Stopp steigen wir Gott sei Dank aus und sind mitten in einem Wohngebiet. Wir sehen sozialistische Architektur, wie man sie sich vorstellt: Siebenstöckige Mehrfamilien-Betonbunker, die alle von einer schmierigen Staubschicht überzogen sind. Irgendwo vor dem grauen Himmel zwischen den grauen Häuserblöcken an einer der grauen Seitenstraßen muss das Studio der ARD liegen.

Stop 1: ARD

Unterwegs zum Studio der ARD

In einer kleinen weißen Villa hinter einem Sicherheitszaun am Stadtrand hat das Korrespondentenbüro der ARD seinen Sitz. Chef-Journalist Thomas Rautenberg versucht hier, die Rundfunkanstalten mit Informationen aus dem Nachbarland zu versorgen. Er erzählt von seinen Bemühungen, die Wogen zwischen polnischen und deutschen Zeitungen zur Zeit der Fußball-EM zu glätten. Nachdem polnische Zeitungen die abgetrennten Häupter von Ballack und Co. gezeigt hatten, schoss die Bild-Zeitung verbal zurück. Brisant: Die polnische Zeitung Fakt, die den Streit anzettelte, gehört auch zur Springer-Verlagsgruppe. Medienkonzerne kennen keine Ländergrenzen, wenn es um hohe Auflagenzahlen und Geld geht.

Thomas Rautenberg in seinem Korrespondentenstudio

Rautenberg plaudert weiter über das Selbstbild der polnischen Journalisten. Als kritische Begleiter sähen sich die wenigsten. Eher als Streiter mit Feder und Block für ein erklärtes Ziel, eine politische Mission. Rautenberg hatte in den vergangenen Jahren daher nicht immer einen leichten Stand. Ehrliche Meinungen und regierungskritische Töne seien zur Zeit der Kaczynski-Doppelherrschaft nicht gern gesehen gewesen. Als wir ihm erzählen, dass wir auch einen Termin bei der konservativen Zeitung WProst haben, lacht Rautenberg: "Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich überhaupt mit einer deutschen Studentengruppe treffen." Er hat Recht: Wenig später sagt WProst das Treffen telefonisch ab. Der Redakteur habe keine Zeit.

Stop 2: Gazeta Wyborcza

Viel zu spät machen wir uns auf den langen Weg quer durch die Stadt zum nächsten Termin. Der klebrige Staub und der Zeitdruck werden uns die nächsten Tage nicht loslassen. Doch das Gebäude von "Gazeta Wyborcza" wirkt in alledem wie eine Oase: Hinter der Fassade aus Glas und Holz locken freundliche Lichthöfe und ein kleiner Hydropflanzen-Dschungel. Gazeta ist Polens größte überregionale Zeitung mit einer Auflage von rund 400.000 verkauften Exemplaren.

Slawomir Zagorski

Hier empfängt uns Slawomir Zagorski, der Leiter des Wissenschaftsressorts. Er berichtet über einen wahren "Nauka"-Hype. "Nauka" ist das polnische Wort für Wissenschaft und die ist derzeit sehr gefragt. In den vergangenen Jahren haben fast alle überregionalen Titel täglich eine Seite über Forschungsthemen und Alltagswissenschaft im Blatt. (Mehr dazu im Beitrag Wissenschaft in Warschaus Medien)

"Das Journalismusgeschäft kann man nicht in Vorlesungen lernen, sondern nur, wenn man rausgeht, Geschichten recherchiert und die aufschreibt", antwortet der studierte Biologe auf die Frage, ob er ein Journalistik-Studium für sinnvoll erachte. Dieser Einstellung begegnen wir in Warschau noch häufiger.

Als einige Studenten von ihrer freien Mitarbeit neben dem Studium erzählen, erfahren sie eine weitere Besonderheit des polnischen Mediensystems: Zagorski bewältigt die anfallende Arbeit mit seinen fünf Wissenschafts-Redakteuren. Freie Zulieferer gibt es nur extrem selten.

Stop 3: wiadomosci24.pl

In der Mensa duftet es nach Kartoffelsuppe mit Kichererbsen und nach mit Kraut gefüllten Piroggen, polnischen Maultschen. Zwischen Bäumen, die sich bis zur Decke emporstrecken, gönnt sich unsere Gruppe eine kleine Verschnaufpause. Dann steigen wir wieder in den Bus und wundern uns, dass wir in dem Labyrinth aus immer gleichen Plattenbauten wieder unseren Weg zum Ziel finden. Mit deutscher Pünktlichkeit können wir in Warschau leider nicht glänzen.

Pawel Nowacki

Pawel Nowacki empfängt uns trotzdem sehr gastfreundlich beim Internet-Nachrichtenportal wiadomosci24.pl. Hier haben die Bürgerjournalisten das Sagen. Die Seite veröffentlicht rund 100 Geschichten pro Tag von interessierten Laien, die Spaß am Schreiben haben (Die ganze Erfolgsgeschichte erfahren Sie im Beitrag Jeder Bürger ein Journalist). "Die Zukunft des Journalismus ist der Bürgerjournalismus, professionelle Schreiber sind bei uns nur noch zum Redigieren der Texte angestellt", sagt Nowacki.

In Polen gibt es darüber hinaus kein Volontariat. Die meisten Journalisten fangen nach der Schule oder einem fachfremden Studium mit einem Praktikum bei einer Tageszeitung an. Doch viele Medienmacher in Polen bemühen sich, den Zugang zum Journalistenberuf zu begrenzen, und rufen nach einer Ausbildung. Auch in Polen herrschen unterschiedliche Verständnisse von Qualität in der Berichterstattung (Mehr dazu erzählen wir im Beitrag Nur die Praxis zählt in Polen).

Stop 4: Verlegerverband

Warschauer U-Bahn-Linie

Um den Weg zum nächsten Termin zu beschleunigen, versuchen wir, einen Metro-Fahrplan zu bekommen. Nach einer zehnminütigen Konversation mit Händen, Füßen und Langenscheidt erfahren wir, dass es so etwas nicht gibt. Bei genauerer Betrachtung der Karte in der überfüllten Metro-Station wird auch klar, warum: Es gibt nur eine Linie. Wir steigen auf die jetzt noch vollere Straßenbahn um.

17 Uhr – der letzte Termin an diesem Tag. Der polnische Verlegerverband empfängt uns in einer schönen Villen-Gegend. Kurz vor dem prunkvollsten Gebäude mit einer märchenhaft beleuchteten Vorfahrt müssen wir leider rechts abbiegen. Der Verlegerverband residiert in einem immer noch sehr schmucken Haus, das einst der adeligen französischen Familie Bourbon gehörte und im Zweiten Weltkrieg als Krankenhaus diente. Einzig die Information über das Gebäude ist bei diesem Termin von Belang. Der fünfte Vortrag an diesem Tag über den polnischen Medienmarkt ist entweder in der Übersetzung oder im Geräuschpegel der Nachbarräume untergegangen.

Unterwegs

Der Rückweg führt am Kulturpalast vorbei, dem Warschauer Eiffelturm. Der 237 Meter hohe Wolkenkratzer im Baustil des sozialistischen Klassizismus versinkt zur Hälfte im Nebel oder in den Wolken – jedenfalls im Grau der Stadt. Irgendwo auf der Turmspitze soll eine Uhr sein. Ob wir die noch zu sehen bekommen?

Tag 2 - Stop 5: Axel Springer

Im Springer-Verlag

Vor fünf Jahren hat sich der Springer-Verlag auf dem polnischen Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt breit gemacht. Viele Titel sind schlicht ein Import aus Deutschland. Die Geschichte des polnischen Bild-Klons Fakt und des zweiten Standbeins Dziennik erzählen wir im Beitrag BILD dir einen neuen Markt. Daneben gibt Springer noch weitere erfolgreiche Wirtschafts- und Nachrichtenmagazine heraus.

Der Axel-Springer-Verlag ist in Polen ein großer Mitspieler in der Medienlandschaft und einigen ein Dorn im Auge. Nach dem Antrag ans Kartellamt, ein weiteres Konkurrenz-Blatt aufzukaufen, gab es zunächst eine informelle Zusage. Doch dann setzte Landespräsident Kaczynski kurzerhand einen neuen Minister ein, der den Antrag zurückwies. "Alles innerhalb einer Woche", berichtet Vorstands-Chef Florian Fels.

Stop 6: TNV

Sicherheitsschleuse bei TVN

Nach einer zweistündigen Odyssee in unzähligen Nahverkehr-Bussen kommen wir endlich bei TVN an. Gut 20 Satellitenschüsseln auf dem Dach verraten, dass hier Fernsehen gemacht wird. Nach einem sehr scharfen Sicherheitscheck dürfen wir die Sendeanstalt betreten. Später erfahren wir, dass man immer Angst vor Verrückten habe und den Sendebetrieb nicht gefährden dürfe.

Im TVN-Nachrichtenstudio

Adam Pieczynski ist Programmverantwortlicher der privaten Sendeanstalt. Er führt uns durch das prestigeträchtige Gebäude und die sehr gut ausgestatteten Studios. "Hier wird professionelles, gewinnorientiertes Fernsehen gemacht", sagt er. "Es gibt kaum Unterschiede zum deutschen Privatfernsehen. Außer dass man hier inoffiziell noch unter einer sozialistischen Regierung steht." Die Auffassung, dass der Sozialismus in Polen noch keine Geschichte, sondern politische Gegenwart ist, teilt er mit vielen Medienmachern, die wir während der Exkursion treffen (Wie TVN den noch jungen polnischen Privatfernsehmarkt erobern will, erklären wir im Beitrag Polens private Programmgestalter).

Der Kulturpalast
© Jarosław Pocztarski

Auf dem Weg nach draußen müssen wir wieder am Sicherheitscheck vorbei. Unwillkürlich drängen sich Vergleiche zu einem Flughafen-Terminal auf. Wie gerne würden wir unsere 13-stündige Zugfahrt gegen einen komfortablen Flug tauschen. Bei der Fahrt zum Bahnhof erleben wir dann zumindest doch noch das Wunder von Warschau: Die graue Wolkendecke wird heller und wir können kurz die Uhr an der Spitze des Kulturpalastes sehen. Wir steigen in den Zug nach Dortmund und nehmen viel mehr als nur den klebrigen Staub der Stadt an unseren Schuhen mit.

Text: Christina Müller, Tim Gabel
Bilder: Christoph Schmidt, Christina Müller

Veröffentlicht: 15.08.2009
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