Soziale Netzwerke
Recherchetipps für Social Media
Soziale Netzwerke sind als Rechercheinstrument in vielen Redaktionen immer noch verpönt, bestenfalls belächelt. Dabei lassen sich mit Twitter, Xing und Co. entscheidende Informationen gewinnen.

- Boris Kartheuser
Wie man mit sozialen Netzwerkplattformen und Kommunikationsdiensten wie Twitter im Web 2.0 tiefgreifende Recherchen anstellen kann, zeigt Boris Kartheuser. Der investigative Journalist hat seine Methoden der verdeckten und offenen Recherche im Netz schon oft erprobt und so zum Beispiel Geschichten über Lobbyarbeit ans Licht gebracht. Ebenfalls hat er auf diesem Weg Protagonisten aus dem arabischen Frühling gefunden.
Sein wichtigster Ratschlag: Für jede Recherche muss man sich vorher das richtige und geeignete Netzwerk aussuchen. Hier einige Tipps und Beispiele für das Vorgehen.
Twitter ist bewährt
Zur Informationsgewinnung eignen sich einige Methoden und Netzwerke. Bei aktuellen Ereignissen hat sich Twitter bewährt. Zu einem Thema kann man sich hier sämtliche Tweets (Twitternachrichten) anzeigen lassen. Um den richtigen Hashtag (mit # gekennzeichnetes Schlagwort) zu einem Thema zu finden, müssen erst die Tweets dazu verfolgt werden. Der korrekte Hashtag, mit dem dann ganz gezielt gesucht werden kann, ergibt sich "basisdemokratisch", erklärt Kartheuser.
Dann beginnt die genaue Suche nach Augenzeugen oder Protagonisten. Dazu sollte man sich die einzelnen Tweets eines Accounts anschauen: Haben sie eine Relevanz, inhaltlich und zahlenmäßig? Wie ist die Follower-Entwicklung des Accounts? Hat man einen Twitterer gefunden, der relevant zu sein scheint, beobachtet man den Account und gleicht die Tweets mit anderen Informationen und anderen Tweets ab. So lässt sich herausfinden, ob beispielsweise Ortsinformationen realistisch sind. Letztendlich muss aber versucht werden, zu der Person hinter dem Account Kontakt aufzubauen. Dies kann zunächst einmal über Twitter geschehen, um dann eventuell persönlichere Kontaktdaten wie E-Mail-Adresse oder Telefonnummer zu bekommen. Sollte der Twitterer auf ein eigenes Blog verweisen, lassen sich auch hier Daten finden.
Wer twittert wo?

- GeoChirp zeigt die Lokalität eines Twitterers.
Eine weitere Möglichkeit Informationen zu generieren ist GeoChirp: GeoChirp zeigt in einem Mashup mit Google Maps Twitterer in einem bestimmten Umkreis eines festgelegten Ortes an, die über ein bestimmtes Thema twittern. So kann man gezielt nach Orten suchen und erkennen, welche Accounts sich dort aufhalten. Die Software ist allerdings nicht ganz sicher, erklärt Kartheuser, und Angaben lassen sich auch fälschen. Auch hier muss also wieder verifiziert und gegenrecherchiert werden.
Wer twittert über was?
Als aufschlussreiche Anwendung lässt sich auch die Website mentionmapp nutzen: Hier werden Follower und Hashtags visualisiert, also zu wem und worüber ein Account schreibt. Mit der Eingabe eines Nutzer-Namens bei Twitter wird das Netzwerk des Accounts mit seinen Erwähnungen und Hashtags gezeigt. Durch die unterschiedliche Dicke der Verbindungsbalken wird angezeigt, wie intensiv dieser mit anderen Accounts in Kontakt steht. Auch alle anderen angezeigten Accounts und Hashtags lassen sich als Mittelpunkt eines neuen Netzwerkes anzeigen und so analysieren. Ein Doppelklick auf die Namen führt zum jeweiligen Twitterprofil, ein Doppelklick auf die Hashtags zeigt, wer diesen wann und wie oft nutzt.
Einzelne Twitter-Accounts kann man, wenn sie einmal verifiziert sind, auch langfristig nutzen, um Entwicklungen zu beobachten, wie es sich zum Beispiel bei der arabischen Revolution angeboten hat.
Lobbyarbeit aufdecken
Eine weitere Recherchemethode in sozialen Netzwerken ist das Aufdecken von politischen oder wirtschaftlichen Verbindungen. Für solche beruflichen Kontakte eignet sich zum Beispiel die Plattform Xing. Hier kann man sich die Kontakte bestimmter Personen, die möglicherweise durch eine Recherche verdächtig geworden sind, anzeigen lassen. Wirtschaftliche und politische Netzwerke und Thinktanks sowie Lobbygruppen können so ans Licht gebracht werden. Kartheuser betont aber bei dieser Art der Recherche, dass oft auch mit verdeckten Profilen gearbeitet werden muss. Inwieweit diese investigative Methode gerechtfertigt ist, muss anhand des Öffentlichkeitsinteresses im Einzelfall entschieden werden. Anders als es der Boulevard praktiziert, schließt Kartheuser eine Anwendung bei Jugendlichen aus.
Bei allen hier beschriebenen Techniken gilt aber: "Das ist viel Fleißarbeit, manchmal stupide und doof." Und immer muss die virtuelle Welt mit der "Welt 1.0" abgeglichen werden.
Weitere Infos
Suchmaschine speziell für soziale Netzwerke
Ein kleines Video-Interview mit Boris Kartheuser
GeoChirp
mentionmapp
Text: Natascha Tschernoster
Fotos: drehscheibe.org, Screenshots


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