Recherche unter Lebensgefahr
"Blut muss fließen knüppelhageldick und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik", brüllen die Neo-Nazis. Er ist mittendrin. In dem Saal drängen sich hunderte Glatzen, aggressiv, brutal und gewaltbereit. Unter Lebensgefahr macht er die einzigen Bilder, die wir von diesen konspirativen Nazi-Konzerten sehen können.
Wir nennen ihn Thomas Kuban. Seinen wahren Namen hält er geheim – zu brutal sind die Gewaltandrohungen gegen ihn, den "Verräter". Seit zehn Jahren macht er öffentlich, was die Neo-Nazis am liebsten geheim halten: Er zeigt die Extremisten beim Hitlergruß und veröffentlicht die Texte ihrer gewalttätigen Lieder. Um nicht aufzufliegen, muss er mitsingen. Sein Grundsatz: "Man muss selber entscheiden, welche Mittel der Zweck rechtfertigt."
Mit mehr als 40 Internet-Pseudonymen gleichzeitig hat er sich getarnt, bei Konzerten ist er niemals derselbe. Die ständige Verwandlung ist seine Legende: "Niemand darf etwas über mich wissen, das ist die einzige sichere Variante". Als Neueinsteiger nimmt er Kontakt zur Szene auf. Er liest die einschlägigen Magazine und hört fast täglich Nazi-CDs. Er weiß dadurch über viele Bands und Konzerte Bescheid. Die Liedtexte kennt er inzwischen besser als die meisten Nazis. Auf Konzerten wird er einer von ihnen – eine akribische Vorbereitung ist seine Lebensversicherung. Würde Kuban irgendein winziges Detail vergessen oder einen anderen Fehler machen, könnte das einem Todesurteil gleichkommen. Er sieht aus wie ein Nazi und redet wie ein Nazi. "Man muss sich unauffällig verhalten", sagt Thomas Kuban. Er hält emotionale Distanz, obwohl er seiner Rolle bei Konzerten sehr weitgehend spielen muss: "Ist man einmal drin, ist man Nazi bis zum Schluss. Auch vor der Polizei."
Zu Beginn kam Kuban durch Zufall in die Nazi-Szene. Ein Journalisten-Kollege half ihm, verdeckt einzusteigen. "Die Szene arbeitet sehr konspirativ, ohne Kontakte kommt man da nicht rein", sagt Thomas Kuban. Mittlerweile ist er auf die Nazi-Musikszene spezialisiert und tourt für Konzerte durch ganz Europa. Für die Veranstaltungen kann man natürlich nicht einfach Tickets kaufen. Doch Kuban findet die Konzerte in der Regel. Meist erfährt er einen Ort, einen Parkplatz oder eine Raststätte. Dort machen die Nazis eine Gesichtskontrolle, verteilen Einladungen oder fahren in Kolonne zum Konzert. Kuban hat immer seine Miniatur-Kamera dabei und trickst selbst Metalldetektoren aus. Wie, das verrät er nicht. Schnell gewinnt er das Vertrauen der Nazis, denn "auch Nazis sind Menschen und ticken folglich ähnlich". Mit Anerkennung bis hin zur Bewunderung könne man fast jeden für sich gewinnen – egal, aus welchem Lebens-Kontext er komme. Wichtig sei es, in Folge des Adrenalinstoßes "beim Konzert nicht übermütig und leichtsinnig zu werden". Kubans Motto: "Lieber ein bisschen mehr Zeit investieren, aber es passiert mir nichts".
Bis zum Schluss bleibt Thomas Kuban unerkannt, obwohl zwischendurch Filme und Berichte von ihm in den Medien erscheinen. Die Nazis verdammen den Verräter, doch sie jagen ein Phantom. Ehe Kuban seine Recherchen beendet hat, war nicht einmal bekannt, dass es eine einzelne Person ist, die über all die Jahre die Nazi-Szene dokumentiert hat. Die Szene hatte in Internet-Foren spekuliert, dass es womöglich der deutsche Verfassungsschutz oder der israelische Geheimdienst "Mossad" seien, die Video-Kameraden infiltrierten.
Kuban hat bei seinen Recherchen erlebt, unter welchen Bedingungen die demokratische Gesellschaft den Nazis Paroli bieten kann und wann kaum – oder gar nicht. Seine Erfahrung: Egal, ob Medien, Politik, Verwaltung oder Polizei – je mehr von diesen Akteuren versagen, desto eher bekommt eine Gemeinde ein Naziproblem.
Immer wieder bekommt Thomas Kuban Absagen von Redaktionen. Eine der gängigsten Varianten: "Das Thema hatten wir schon" – auch, wenn es nachweislich nicht stimmt. Kuban beklagt den Hang vieler Fernseh-Redakteure, "Beiträge nach Schema F" einzufordern. Durch die Kürzung der ARD-Polit-Magazine und die dadurch meist kürzeren Beiträge sei dieses Phänomen noch verstärkt worden, sagt er. "Viele wollen in knapp fünf Minuten jemanden inhaltlich an die Wand stellen. Wenn diese Schwarz-Weiß-Malerei nicht funktioniert, weil das Thema etwas facettenreicher ist, dann wird es abgelehnt." Kuban berichtet von "gelangweilten Redakteuren", die er teilweise am Telefon hatte. Was Kuban einerseits freut, in letzter Konsequenz aber ärgert: "Die Geschichten über meine verdeckte Recherche-Arbeit sind besser gelaufen als die eigentlichen Rechercheergebnisse." Den Redaktionen gefällt es wohl, eine geheimnisvolle unbekannte Person zu zeigen, die sich in Lebensgefahr begibt. Das ist dann die Attraktion, nicht die skandalösen Veranstaltungen der Neo-Nazis.
Viele Redaktionen fürchten zudem das rechtliche Risiko. "Einige Sender versuchen, das Rechtsrisiko auf die Journalisten abzuwälzen, während sie sich selbst möglichst viele Bildrechte sichern wollen." Kuban hat sich dagegen gewehrt: Er hat die Sende-Rechte nur beschränkt vergeben, sich Informantenschutz zusichern lassen und teilweise darüber hinaus juristische Risiken in vertraglicher Form auf die Sender übertragen.
Leben konnte Thomas Kuban von dieser Arbeit nicht. "Mir ist es bis zum Abschluss meiner Recherchen nicht einmal gelungen, die Kosten zu decken. Den Zeitaufwand kriege ich folglich erst recht nicht bezahlt", sagt er. Teure Video-Recherchen, die in keinem Beitrag münden, könnten über die verkauften Themen nicht mitfinanziert werden, "obwohl genau das eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit wäre".
Thomas Kuban weiß, dass es investigativen Kollegen mit anderen Themen ähnlich geht. Recherchen, die existenziell wichtig für eine demokratische Gesellschaft, aber auch kostspielig seien, würden gerade von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten oft nicht ausreichend bezahlt und schon gar nicht in Auftrag gegeben. Thomas Kuban hat seine Arbeit aufgegeben – aus finanziellen Gründen. Vergangenes Jahr hat er sein letztes Nazi-Konzert besucht – für ihn ein Abschied von brüllenden Glatzen und Hassparolen. Für die Gesellschaft ein Abschied von einem Kämpfer für die Demokratie.
Der NDR berichetet im Medienmagazin ZAPP über die riskante Recherche.
Thomas Kuban im Interview bei Stern.de
Auch epd-Medien berichtet über Thomas Kuban.
"MUT gegen rechte Gewalt" - ein Internetportal gegen Rechtsextremismus
Text: Katharina Kruppa
Teaserfoto: sxc.hu/mmagallan
Fotos: sxc.hu/mmagallan, Thomas Kuban (3)




