Reagieren statt Stagnieren
Über die Online-Aktivitäten der Verlage wird viel diskutiert und proklamiert. Aber auch die Nutzungsgewohnheiten der User und deren Auswirkungen auf die "alten" Medien sind für die Entwicklung der Medienbranche maßgebend. Zwei Studien haben sich diesen Themen gewidmet - eine Bestandsaufnahme.
Basierend auf den Webangeboten der 100 auflagenstärksten Zeitungen Deutschlands hat sich Steffen Büffel, Mediencoach, in seiner Studie "Zeitungen Online 2008" mit den Veränderungen der letzten Jahre in Bezug auf multimediale und interaktive Inhalte befasst. Seine diesjährige Studie kommt dabei zu dem Schluss, dass die klassischen interaktiven Angebote wie Foren und Chats stark rückläufig sind. In Zahlen ausgedrückt lässt sich feststellen, dass nur noch 39 Prozent der Online-Auftritte der 100 auflagenstärksten Zeitungen über ein Forum verfügen und nur noch 9 Zeitungen einen Chat anbieten. Die entsprechenden Zahlen für das vorherige Jahr, bei dem eine ähnliche Untersuchung vorgenommen wurde, liegen bei 58 Prozent bzw. 19 Zeitungen.
Diese Studie setzt die beiden 2006 und 2007 von Alexander Svensson, Falk Lüke, Igor Schwarzmann und Steffen Büffel durchgeführten Untersuchungen fort. Die Kernfrage der Studie lautete: Wie reagieren Zeitungen in ihren Onlineangeboten auf das sich wandelnde Mediennutzungsverhalten? Wie bereits bei den Vorgängerstudien basiert die Untersuchung auf den Online-Auftritten der 100 auflagenstärksten deutschen Tageszeitungen. Der Erhebungszeitraum war der September 2008.
Büffel sieht den Grund in der Personalpolitik der Verlage verankert: "Die wenigsten Medienhäuser haben es geschafft, funktionierende Foren aufzuziehen. Technisch ist das zwar kein Problem, aber die Diskussionen anzukurbeln, am Laufen und in geordneten Bahnen zu halten, ist eine sehr arbeitsintensive Aufgabe, die nur in wenigen Häusern gelungen ist." Der zweite Grund könnte in der Ablösung der Forumsdiskussionen durch die Kommentarfunktion liegen. Denn diese wird deutlich häufiger in die massenmedialen Internetpräsenzen integriert: Im Jahr 2009 boten über die Hälfte aller untersuchten Websites diese Funktion an. 2008 waren es noch 44 Prozent. Gleichzeitig hat diese Form der Meinungsäußerung aber auch an Anonymität eingebüßt, da immer mehr Zeitungen auf die Registrierungspflicht bestehen. Mit knapp einem Drittel hat sich diese Praxis zwar noch nicht weitreichend etabliert, aber im Vorjahr lag die Zahl bei gerade mal 8 Zeitungen.
Vom Monolog zum Dialog
Den Umgang mit der Kommentarfunktion kritisiert Büffel jedoch: Denn die Kommentare sollten von der Redaktion aufgegriffen und nicht wie üblich einfach im Webangebot stehen. Büffel fügt eine klare Forderung an: "Ein Umdenken muss stattfinden vom Monolog hin zum Dialog. Wer das nicht ernst nimmt, sollte erst gar nicht in diese Richtung gehen. Gleiches gilt für crossmediales Arbeiten. Zwar reden viele in der Branche darüber, als sei es eine Binsenweisheit, dass Crossmedia die Zukunft sei, aber ich finde, dass es die falsche Sichtweise ist. Ziel der Verlage kann es nicht sein, crossmedial zu arbeiten, sondern lesernah."
Journalisten mit übersteigertem Ego sterben aus
Es geht also nicht nur darum, verlorene Zielgruppen anzusprechen, sondern vielmehr um Lesernähe, bei der Crossmedia Mittel zum Zweck, aber nicht das Ziel sein sollte. Vielmehr werde es immer wichtiger, bei den journalistischen Produkten die Nutzersicht nicht aus den Augen zu verlieren, um überleben zu können. An eine Zukunft des Printjournalisten glaubt Büffel daher durchaus, knüpft diese aber an bestimmte Charaktereigenschaften und die Arbeitsphilosophie der Redakteure: "Journalisten, die den Sinn, die Qualität und den Wert ihrer Arbeit rein über das Trägermedium, ihr Ego und mit einem Qualitätsverständnis bemessen, das nicht an den Bedürfnissen der Leser, User, Zuschauer und Zuhörer ausgerichtet ist, werden auf Dauer am Markt nicht mehr gebraucht."
Steffen Büffel arbeitet freiberuflich als Medien- und Verlagsberater. Dabei möchte er Medienhäuser als Trainer und Coach in der Entwicklung zukunftsfähiger Konzepte im redaktionellen Bereich unterstützen. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Online-Auftritten und Crossmedia-Strategien. Auch journalistische Weiterbildungen für crossmedial tätige Redakteure gehören zu seinem Repertoire. Seine Verlagsberatung heißt Media-Ocean.
Wie der Prototyp der "überlebenden" Journalistengattung konzipiert sein sollte, weiß er ebenfalls - und eines ist dabei Voraussetzung: Er beherrscht sein Handwerk und denkt nicht mehr an sein Trägermedium, sondern an Verbreitungswege. Nach dem Motto: "Wie erreiche ich welche Leser über welchen Kanal zu welcher Uhrzeit in welchem Kontext am besten?" Demnach erscheint es als wahrscheinlich, dass Medienhäuser auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen werden und es keine "reinen" Radiosender oder Zeitungsredaktionen geben wird. Ein Pool von Journalisten, die crossmedial ausgebildet sind und sich bei jeder Geschichte die passende Aufbereitung überlegen, ist daher wahrscheinlich.
Internet und Innovationsfeindlichkeit sind Schuld
Dass viele Zeitungen zukünftig vom Markt verschwinden werden, ähnlich wie in den USA, scheint dabei genauso wahrscheinlich. Nur die Gründe werden nach Büffels Einschätzung andere sein: "Während das Zeitungssterben in den USA teils ohne größere Not nur durch nicht erfüllte Renditeerwartungen verursacht wurde, wird es bei uns aufgrund der Innovationsfeindlichkeit und der Zögerlichkeit so mancher Verleger und Verlage dazu kommen." Auch die Tatsache, dass die regional sehr ausdifferenzierte Medienlandschaft primär von digitalen Medien übernommen wird, sei ein Grund für die Reduzierung des "Holzmediums". Nicht zuletzt das Innovationspotenzial der Online-Plattformen steht den begrenzten Möglichkeiten der Zeitung entgegen. Und dass die gegenwärtige Online-Landschaft wenig Berührungsängste mit Innovationen hat, zeigt der sprunghafte Anstieg der Websites, die Social Bookmarking anbieten. 19 Zeitungen hatten im Jahr 2007 diese Funktion übernommen, ein Jahr später knapp ein Drittel.
Annäherung an redaktionelle Inhalte
Tendenziell ist eine Annäherung der Userdiskussionen an journalistische bzw. redaktionelle Inhalte erkennbar. Diskussionen finden nicht mehr in Foren oder Chats statt, denn RSS-Feeds und Social Bookmarking bieten eine technisch leicht lösbare Variante und benötigen kaum redaktionelle Betreuung. Für die Diskussion um die Zukunft der Zeitung sind die Entwicklungen im Online-Bereich von besonderer Bedeutung.
Die seit 1997 jährlich durchgeführte ARD/ZDF-Online-Studie zeigt Trends und Veränderungen im digitalen Bereich und beschäftigt sich auch mit der Nutzergruppe.
Übersetzt bedeutet es soviel wie "Soziales Lesezeichen". Die klassische Lesezeichenfunktion, die einen schnellen Zugriff auf zuvor gespeicherte Seiten ermöglicht, ist allgemein bekannt. Bei dieser Weiterentwicklung handelt es sich um Internet-Lesezeichen, die mithilfe von Browser-Oberflächen durch verschiedene Nutzer indexiert werden. Es werden also verschiedene "Sammlungen" angefertigt, beispielsweise Links, Nachrichtenmeldungen oder auch Podcasts.
In der aktuellen Studie zeigt sich ein besonders markanter Anstieg beim Nutzungsverhalten der User innerhalb der letzten 6 Jahre. Im Jahr 2003 haben sich 48 Prozent der befragten Personen häufig über aktuelle Nachrichten im Internet informiert, 2009 waren es bereits fast zwei Drittel. Auch im Service-Bereich ist das Internet immer mehr auf dem Vormarsch und verzeichnet einen Anstieg von 3 Prozent. Dies ist für die inhaltliche Gestaltung der künftigen Zeitungsformate wichtig, ebenso wie die Tatsache, dass aktuelle Regionalnachrichten inzwischen von fast der Hälfte der Befragten häufig online abgerufen werden. Darauf berufen sich auch viele Prognosen zum zukünftigen Aus vieler Regionalzeitungen, es sei denn, man entwickelt entsprechende Strategien, um sich auf dem Zeitungsmarkt behaupten zu können.
Fernsehen verliert politisches Monopol
Jedoch verbirgt sich in diesem Ranking auch ein starker Einfluss auf das Fernsehgeschäft, dessen Kernaufgabe die aktuelle politische Berichterstattung und damit die politische Meinungsbildung darstellt. Blickt man beispielweise auf den US-amerikanischen Wahlkampf, so wird die steigende Bedeutung des Online-Mediums und die Entziehung früherer Kompetenz im TV-Bereich deutlich: Hillary Clinton gab ihre Kandidatur als erstes via Onlinevideo bekannt, Parteien nutzten das World Wide Web, um Helfer zu mobilisieren, und Barack Obama erhielt über 500 Millionen Dollar Spendengelder über das Internet. Twitter ist wohl einer der Hauptaspekte, weshalb Aktualität inzwischen primär mit Internet verbunden wird. Erste Aufnahmen einer geglückten Airbus-Notlandung im Januar 2009 erschienen beispielsweise zuerst auf dieser Plattform. Dass bei dieser Entwicklung auch die Qualität steigt oder zumindest auf gleichem Niveau bleibt, ist anzuzweifeln. Denn die Mehrzahl der rezipierten Nachrichten stammt nicht von Nachrichten-Websites, sondern ist das Angebot von Providern oder Suchmaschinen.
Internet ist Nummer 1 bei Jugendlichen
Dieser Trend setzt sich auch in Amerika durch. Dort informierten sich nach Angaben des PEW-Instituts 2008 mehr Amerikaner online über aktuelle Geschehnisse als mithilfe von Tageszeitungen. Jedoch hat das Internet, trotz steigender Werte, in Deutschland das Fernsehen als tagesaktuelle Quelle noch nicht abgelöst. Betrachtet man jedoch nur die Zielgruppe der 14- bis 19-Jährigen, so liegt das Internet bereits an erster Stelle. Erste Erosionen sind also erkennbar und eine langfristige Entwicklung wird die Vormachtstellung wohl aufheben. Das Internet hat jedoch auch das Potenzial, Radiohörer abzuwerben oder zumindest die Hörerquote der klassischen Verbreitungswege zu verringern. Immerhin ein Viertel der Befragten hört gelegentlich Radio über das Internet. Interessant ist hierbei aber, dass zwei Drittel der User im Allgemeinen auf ihr gewohntes Radioprogramm zurückgreifen und man insofern nicht von einer Abwanderung an Hörern, sondern lediglich einem neu entstandenen Verbreitungsweg neben Kabel, Satellit und Antenne reden kann.
Radio noch "immun" gegen Konkurrenz
Da das Audiomedium seit jeher mobil und bei Autofahrten, bei der Arbeit und auch Zuhause allgegenwärtig ist, verliert das Onlinehören seinen Reiz. Nur 4 Prozent hören täglich im Internet Radio, was hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands einen verschwindend geringen Anteil von drei Prozent ausmacht, besonders unbedeutend im Vergleich zu den 75 Prozent, die täglich einen der weiteren Verbreitungswege nutzen. Die Zahlen im Audiobereich sind in den letzten Jahren auch lediglich im Bereich des Live-Streams von Radioprogrammen gestiegen. In allen anderen Bereichen, wie der Nutzung von Podcasts, stagnieren die Zahlen oder sind sogar leicht rückläufig.
Diese Online-Studie wird seit 1997 jährlich durchgeführt und ist zur Messlatte für Internet-Entwicklungen in Deutschland geworden. Der Erhebungszeitraum für die diesjährige Studie war im März/April 2009. 1806 Erwachsene wurden dabei zu Nutzungsverhalten- und -gewohnheiten befragt. Die Interviews wurden telefonisch über Computer Assisted Telephone Interviews (CATI) erhoben. Die Ausschöpfungsquote der Ausgangsstichprobe lag zwischen 70 und 72 Prozent. Für die Durchführung der Interviews und die Betreuung der Studie ist seit 1997 das Institut für Medien- und Marketingforschung, Enigma-GfK, in Wiesbaden zuständig.
Rasant gestiegen ist jedoch die Gesamtzahl der Möglichkeiten rund um Video-Material-Nutzungen im Internet. Innerhalb der letzten vier Jahre hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Die größte Beliebtheit weisen dabei Videoportale auf. Im Gegensatz zum Radiobereich wird auf die Möglichkeit von Livestream-Sendungen kaum zurückgegriffen. Dies hängt vermutlich mit der mehrheitlichen Wahrnehmung des Internets als Informations- und Kommunikationsmedium zusammen sowie mit der "couch potato"-Mentalität und dem Entspannungs-Image, das das Fernsehen seit Jahren innehat. Jedoch spielt hier auch das eher geringe Angebot an derartigen Leistungen eine quantitative Rolle. Fast ein Viertel nutzt das zeitversetzte Ansehen von Sendungen, wobei es sich hier wohl um die Ablösung von Aufnahmegeräten wie DVD- oder früher dem Video-Recorder handelt und für die Einschaltquote im TV-Bereich nicht weiter interessant ist.
Die häufigsten Programm-Inhalte, die nachgefragt wurden, beziehen sich auf Nachrichten und aktuelle Informationen. Hierbei zeigt sich jedoch auch eine "Programm-Emanzipation" der Nutzer, die individuell über Bedürfnisse und Zeitplanung entscheiden möchten.
Nutzungsdauer steigt weiter
Möglicherweise wird diese Entwicklung auch durch die Arbeitsmarktbedingungen, der steigenden Anzahl an HartzIV-Empfängern, häufigeren Schichtarbeiten und ähnlichen Erscheinungen begünstigt. Dem würde auch entsprechen, dass sich die Prime-Time, also die Hauptnutzungszeit vom frühen Vormittag bzw. Nachmittag inzwischen auf den späten Abend zwischen 19 und 21 Uhr eingependelt hat. Die Studie betont: Der Audio- und Videobereich ist der Wachstumssektor schlechthin in der Geschichte des Internets. Noch keine andere Anwendung hat eine derartige Wachstumsdynamik erreicht. Dass das Online-Medium weiterhin auf dem Vormarsch ist, belegt auch die durchschnittliche Nutzungsdauer aller User, die auf 70 Minuten angestiegen ist. Ein Zuwachs um 12 Minuten im Vergleich zum Vorjahr und damit ein ungeschlagen hoher Wert innerhalb der letzten zwölf Jahre. Anzumerken ist auch, dass es sich erstmals nicht um eine angestiegene Nutzeranzahl handelt, sondern um eine gestiegene Verweildauer langjähriger User.
Keine Verdrängung
Eine Verdrängung der "vertrauten Medien" ist dennoch als unrealistisch anzusehen, da ihre Stärken nicht nur im Gewohnheits- und Vertrautheitsprinzip verhaftet sind, sondern auch in der meist professionellen Vorselektion und Themenaufbereitung, die im Internet nur selten anzutreffen ist. Der wissenschaftliche Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, Horst Opaschowski, prognostizierte sogar: "Auch 2030 werden die meisten Beschäftigten wie bisher eher müde von der Arbeit nach Hause kommen, sich vor den Fernseher setzen, um dann letztendlich mit nichts anderem als ihrem Partner oder ihrem Kühlschrank zu interagieren."
Übersicht: Medien Monitor Spezial "Printjournalismus"
Interne Links:
Internet bei Jugendlichen Medium Nr. 1 (Medien Monitor vom 01. August 2008)
Internet überholt Zeitschriften (Medien Monitor vom 23. September 2009)
Externe Links:
Journalismus: Wer soll das bezahlen? - Elektrischer Reporter v. 2.10.2009
Ergebnisse der ARD/ZDF Onlinestudie 2009 - PDF zum Download
ARD/ZDF Onlinestudie 2009: Nachfrage nach Videos und Audios steigt weiter - Pressemitteilung
Studienergebnisse: Zeitungen Online 2008 - media-ocean.de
Text: Raphaela Spranz
Teaserfoto: pixelio.de/Andreas Depping
Fotos: Steffen Büffel, pixelio.de/sgruendling, flickr.com/dalbera, pixelio.de/Rainer Antonitsch





