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"Publizistisches Paralleluniversum"

Die deutsche Weblog-Gemeinschaft ist im internationalen Vergleich noch klein. Trotzdem kann sie für Journalisten bei der Themensuche eine wahre Fundgrube sein. Matthias Armborst, Autor des Buches "Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten", spricht im Medien Monitor-Interview über das Gegen- und Miteinander von Bloggern und Journalisten, die Qualität von Blogs und die Kommerzialisierung der Blogosphäre.

Spezialist in Sachen Weblogs: Matthias Armborst.

Medien Monitor: Herr Armborst, wissen Sie, wie viele Exemplare Ihres Buches mittlerweile verkauft wurden?

Matthias Armborst: Leider nicht. Ich weiß aber, dass mein Buch in Fachkreisen und unter Journalisten wahrgenommen wird. Das ist sehr schön und das Wichtigste für mich.

Sie sind in Deutschland einer der wenigen Autoren, die sich wissenschaftlich mit dem Thema Weblogs auseinandergesetzt haben. Würden Sie sich als Spezialist auf diesem Gebiet bezeichnen?

Armborst: Ich denke schon, dass man eine Art Spezialist ist, wenn man sich anderthalb Jahre intensiv mit einem Thema beschäftigt hat, in dieser Zeit eine Diplomarbeit geschrieben und ein Buch veröffentlicht hat. Ich habe einige Interviews – etwa für den Bayerischen Rundfunk – gegeben und werde für journalistische Beiträge über das Blog-Thema angefragt, was mich sehr freut. Leider fehlt mir jetzt die Zeit, um die Blogosphäre, die sich ja ständig verändert, im Blick zu behalten.

"Blogs als PR-Instrumente"

In Deutschland sind die Klickzahlen erfolgreicher Blogger im Vergleich zu denen ihrer amerikanischen Pendants verschwindend gering. Wie wahrscheinlich ist es, dass in naher Zukunft auch hierzulande mit Weblogs Geld zu verdienen ist?

Armborst: Zunächst einmal sollte man die Qualität eines Blogs nicht an der Zahl der Seitenaufrufe festmachen. Der beste Journalismus ist ja auch nicht zwangsläufig der mit den höchsten Einschaltquoten. Außerdem ist die Situation in den USA eine völlig andere, weil es dort – nach meiner Wahrnehmung – eine viel verfestigtere Online-Kultur gibt nach dem Motto: "Life is the web." Aber zum Thema Geld: Es ist ja längst so, dass mit einigen deutschen Blogs zumindest etwas Geld verdient wird. Andere Blogs wurden von vornherein als PR-Instrumente konzipiert. Bei der Auffassung, dass die Blogosphäre frei von kommerziellen Interessen oder Abhängigkeiten ist, handelt es sich um eine Legende, die aus der Zeit kommt, als das Phänomen noch weitgehend unbekannt war. Heute gibt es viele Blogger, die Werbung schalten oder zu Amazon verlinken und dafür ein bisschen Geld bekommen. Manche kooperieren mit Platten- oder Autofirmen. Dass die Kommerzialisierung der Blogosphäre von einigen Journalisten kritisiert wird, finde ich unangebracht. Meiner Meinung nach ist sie unvermeidlich und unproblematisch, solange Blogger Transparenz herstellen.

Matthias Armborst betreibt sein eigenes Blog.

In den USA treten die Blogger offen medienkritisch auf, in Deutschland hingegen ist das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten noch nicht so angespannt. Wie schätzen Sie persönlich die weitere Entwicklung ein? Ist es möglich, dass Journalisten und Blogger in Zukunft Hand in Hand gehen und voneinander profitieren? Oder wird sich auch hierzulande eine Konkurrenzsituation herausbilden?

Armborst: Da muss ich widersprechen: Auch in Deutschland stehen viele Blogger dem professionellen Journalismus kritisch und in einigen Fällen sogar sehr ablehnend gegenüber. Insbesondere was die Blog-Berichterstattung in traditionellen Medien angeht, gibt es große Unzufriedenheit: Manche populäre Blogger fühlen sich wie die sprichwörtliche Sau, die ein paar Monate lang durchs mediale Dorf getrieben wird, ohne dass die Treiber dabei allzu viel Sachverstand gezeigt hätten. Die Situation bei uns ist aber nicht mit der ausgeprägten "Wir gegen die!"-Haltung zu vergleichen, die bei amerikanischen Bloggern zu beobachten ist, insofern stimmt das, was Sie sagen. Meiner Meinung nach sollten Blogger und Journalisten das eine tun, ohne das andere zu lassen: Sie sollten einander kritisch beäugen – beispielsweise die Recherchefehler des anderen anprangern – und gleichzeitig voneinander profitieren. Dies tun sie beispielsweise, wenn Journalisten ein gutes Blog-Thema aufgreifen und auch jenseits der Online-Welt verbreiten. In diesem Fall sind Konkurrenten und Kritiker auch Kollegen, was ich gut finde.

"So einfach, schnell und billig wie nie zuvor"

Wie schätzen Sie in Ihrer Rolle als Journalist die Bedeutung von Weblogs ein?

Armborst: Eine sehr schwierige Frage, die man nicht pauschal beantworten sollte. Klar ist, dass Weblogs das deutsche Mediensystem – oder Teile davon – bisher nicht aufgemischt haben, obwohl einige Blogger das in der ersten Euphorie prophezeit hatten. Trotzdem ist die Blog-Technik für sich genommen revolutionär, weil das Publizieren nun so einfach, so schnell und so billig ist wie nie zuvor in der Mediengeschichte. Was die Inhalte angeht, so hört man häufig den Einwand, dass sich Internetnutzer beim ersten Kontakt mit Blogs langweilen oder gar abgestoßen fühlen. Dem kann man nur entgegnen, dass es etwas Mühe macht, die Blogs zu finden, die einen wirklich ansprechen. Das Potenzial der Blogosphäre ist in jedem Fall enorm: Theoretisch kann dort jeden Tag eine gewaltige Medienlawine ins Rutschen kommen.

Glauben Sie, dass Blogger dazu imstande sind, Arbeit zu leisten, die von den traditionellen Medien mangels Unabhängigkeit und Platz nicht erbracht werden?

Armborst: Theoretisch ja. Praktisch haben bisher nur wenige deutsche Blogger "Coups" im journalistischen Sinne geschafft, also etwa Skandale aufgedeckt. Allerdings muss man immer wieder betonen, dass es den allermeisten Bloggern ja nicht darum geht, als Journalisten anerkannt zu werden. Vielmehr wollen sie ihre Themen nach eigenen Interessen auswählen und ihre Meinung sagen. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass sich mehr Leute trauen, ihre Wut über echte Missstände oder ihre Informationen aus gesellschaftlichen Schattenreichen in Blogs abzuladen. Für Journalisten wäre das ein gefundenes Fressen.

Wettbewerb um die Aufmerksamkeit

„Im Web werden tagtäglich spannende Beiträge verfasst, die man erst journalistisch erschließen müsste.“

Besteht die Gefahr, dass traditionelle Medien gegenüber Weblogs ins Hintertreffen geraten?

Armborst: Aus meiner Sicht gibt es für den professionellen Journalismus zwei Bedrohungen: Die eine ist der Verlust an Werbeaufkommen und die zweite der immer schärfer werdende Wettbewerb um das immer knapper werdende Gut Aufmerksamkeit, wobei beide Bedrohungen eng zusammenhängen. Was den Aufmerksamkeitswettbewerb angeht, so geht von Weblogs wie von allen anderen alternativen Medienformaten zweifellos eine Gefahr aus: Während der Zeit, die ein Mediennutzer in der Blogosphäre zubringt, ist er für seine Tageszeitung oder das heute journal verloren. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass traditionelle Medien gegenüber Weblogs ins Hintertreffen geraten würden. Trotzdem sollten sich Journalisten überlegen, wie sie damit umgehen, dass im Internet eine Art publizistisches Paralleluniversum entsteht, in dem ganz eigene Diskurse geführt werden und tagtäglich spannende Beiträge verfasst werden, die man allerdings erst journalistisch erschließen müsste. Ob es die richtige Strategie ist, Leser- oder Journalisten-Blogs in die Online-Auftritte von Regionalzeitungen einzubinden, wird sich zeigen. Bisher gibt es dafür leider wenige geglückte und mehrere misslungene Beispiele.

Themenschätze für Journalisten

Was ist Ihr persönlicher Wunsch für das zukünftige Verhältnis von Weblogs und professionellem Journalismus? Auseinandersetzung oder friedliche Koexistenz? Oder erhoffen Sie sich einen ganz anderen Weg?

Armborst: Zum einen denke ich, dass es sich die Journalisten der Zukunft nicht mehr werden leisten können, die Blogosphäre zu ignorieren. Der Grund ist, dass dort die Meinungen und Trends der Internetöffentlichkeit entstehen und jede Menge Themenschätze zu heben sind. Außerdem glaube ich, dass es zumindest für manche Journalisten von Vorteil sein kann, online ansprechbar zu sein. Im Idealfall könnten bloggende Journalisten – auch oder vielleicht gerade im Lokalen – zu einer publizistischen Persönlichkeit werden, die man kennt und der man sich gerne anvertraut.

Sie betreiben ja auch Ihr eigenes Blog: Welche Ziele verfolgen Sie damit und wie groß ist
die Resonanz?

Ich habe mit dem Bloggen begonnen, als ich die Ergebnisse meiner Studie veröffentlicht habe. Als Blogger ist man online präsent und signalisiert Interesse an Nutzer-Kommentaren- und -Kritik. Blogger können jederzeit auf eigene Fundstücke im Netz verweisen oder Diskussionen aufgreifen, die in anderen Blogs geführt werden. Als ich mein Blog eröffnet hatte, hatte ich jedenfalls das Gefühl, endlich im Netz angekommen zu sein. Kurz nach der Buchveröffentlichung hatte ich täglich an die hundert Seitenaufrufe. Das klingt zwar nach wenig, aber unterm Strich waren es hundert Kontakte, die ich ohne mein Blog nie gehabt hätte.

Interview: Stefan Burkard
Fotos: Matthias Armborst; www.flickr.com

Veröffentlicht: 10.04.2007
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