Rotznasen sind schuld
Selten hat eine Boulevard-Ente, die im April in Russland kursierte, in der ganzen Welt so viel Aufregung ausgelöst. Experten fürchten nun eine weitere Beschränkung der Pressefreiheit in Russland.
Moskau. Die Nachricht kam wie ein Schlag aus dem heiteren Himmel: Wladimir Putin habe sich unlängst scheiden lassen und wolle im Juni die 24-Jährige Turnerin Alina Kabajewa heiraten. Die Moskauer Zeitung Moskowskij Korrespondent hat diese Nachricht veröffentlicht, die sich blitzschnell rund um die Welt verbreitete. Unglaublich. Kann nicht sein. Wirklich? Nein! Sarkozy-Syndrom? Kann sein. Verspäteter Aprilscherz? Irre! Genau – irre ist das passende Wort. Die verwirrte Welt irrte auf der Suche nach der Wahrheit.
"Kein Wort davon ist wahr", dementierte Putin während seines Italien-Besuches die Hochzeitspläne und sprach weiter von erotischen Fantasien derjenigen, die sich mit ihren Rotznasen in fremde Leben einmischen. An dieser Stelle könnte das Problem erledigt sein. Schade, würden manche denken, dass das Märchen über die Hochzeit des Mächtigen und der Schönen nicht wahr ist. Frechheit, würden die anderen die Verhaltensweise der Zeitung nennen.
Einige russische Medien indessen, die sonst Putin auf Schritt und Tritt verfolgen, haben die Nachricht über Tage hinweg ignoriert. Das Privatleben des Präsidenten ist für sie tabu. Wenn man aber das Tabu bricht, dann muss man zahlen…
Schlicht und einfach unrentabel
Die kleine Zeitung mit der großen Nachricht wurde von ihrem Herausgeber, einem Moskauer Oligarchen, geschlossen. Offiziell wegen Geldmangels… Dass die Zeitung wegen Geldmangel eingestellt wurde, hat der Herausgeber Alexander Lebedjew, der ehemalige KGB-Offizier und Sponsor der Nowaja Gazeta, in der Anna Politkowskaja gearbeitet hatte, in seinem Blog bestätigt und nannte viele Gründe dafür: Schwierigkeiten mit der Stadtverwaltung wegen kritischer Berichterstattung, Sperrung von Informationen, plötzlich abspringende Werbepartner, Probleme mit dem Vertrieb. Die Kioske haben sich geweigert, die Zeitung zu verkaufen, was auch auf Probleme mit der Stadtverwaltung zurückzuführen ist. "Unter all diesen Bedingungen war es perspektivlos, die Zeitung weiter herauszugeben", schreibt Lebedjew im
Blog. Das Blatt sei schlicht und einfach unrentabel.
Genauso perspektivlos ist es nun für russische Medien, unwahre oder schlecht recherchierte Informationen zu verbreiten. Nicht nur für den Moskowskij Korrespondent. Die Duma hat in erster Lesung die Verschärfungen der Mediengesetze gebilligt: Medien, die mehrfach Verleumdungen verbreiten, können vom Kultur- und Informationsministerium geschlossen werden.
"Bewusst falsche Angaben, die die Ehre und Würde einer Person verletzen und seine Reputation schädigen" stehen auf einer Ebene mit terroristischer und pornografischer Propaganda sowie der Verbreitung von Staatsgeheimnissen und können zur Einstellung eines Mediums führen. Vor allem sind Boulevardzeitungen wegen der neuen Klausel besorgt.
Auch der Europarat äußerte sich beunruhigt über das neue russische Mediengesetz. Der britische Sozialist Andrew McIntosh, Berichterstatter für Medien der Parlamentarierversammlung des Europarates, warnte vor einer weiteren Einschränkung der Pressefreiheit in Russland.
Gerüchte, Spekulationen, Korruptionsvorwürfe – dürfen sie alle veröffentlicht werden oder werden sie demnächst als "Verleumdung" gelten und zur Schließung einer Zeitung führen? Allerdings ist für die endgültige Verabschiedung des Gesetzes noch die zweite und dritte Lesung der Duma erforderlich. Es ist also eine Frage der Zeit, ob in russischen Medien auch Enten schwimmen dürfen.
War die Ente bestellt?
Die Zeit ist auf der Internetseite des
Moskowskij Korrespondent stehen geblieben. Die letzten Beiträge sind vom 22. April. Am 23. April ist nur ein Beitrag online gegangen – der öffentliche Brief des "ehemaligen Chefredakteurs" Nehoroschew, in dem er einem Kollegen aus einer anderen Boulevardzeitung Vorwürfe macht. Die "Ente" sei bestellt worden und war explizit gegen diese Zeitung ausgerichtet, die nun nicht mehr erscheint. Auch sein Interview in einer Konkurenzzeitung sei fiktiv gewesen.
Stimmt bis zu 75%
Doch wie kam der Moskowskij Korrespondent auf die imaginären Hochzeitspläne des Präsidenten? War diese Nachricht wirklich "bestellt"?
"Wenn ich eine solche Nachricht unter meinem Familiennamen und nicht unter Pseudonym veröffentliche, dann können Sie davon ausgehen, dass sie zu 75 Prozent stimmt", sagte der Autor des Artikels Sergej Topol gegenüber Spiegel-online. Egal welches Gerücht sich später als wahr erweise, meinte Topol. Als Informanten nannte er eine Moskauer Firma, die sich auf Veranstaltungsorganisationen spezialisiert und sie solle sich am 15. Juni sich um die Hochzeit kümmern.
Ob die Zeitung wegen Unrentabilität oder wegen der Rotznasen, die sich in ein fremdes Leben einmischen, eingestellt wurde, bleibt offen. Genauso wie die Frage der Pressefreiheit, von der man sich befreien lässt. Langsam. Bis nichts mehr übrig bleibt. Und schuld sind die Rotznasen.
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Schluss mit Gerüchten und Spekulationen
Die russische Bruni heisst Kabajewa
Text: Aleksandra Ilina
Fotos und Screenshots: Aleksandra Ilina; Teaserfoto: Aleksandra Ilina
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