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Interview

Preisgekrönt: Orient multimedial

Von Damaskus über Jerusalem bis Berlin-Neukölln. Von Audioslideshows über Videos bis zu interaktiven Karten. Auf soukmagazine.de trifft Orientberichterstattung auf Multimediajournalismus. Im Interview spricht Gründungsmitglied und Redakteur Marc Röhlig über Stereotype, deutschen Onlinejournalismus und die Zukunft der Zeitung.

Marc, soukmagazine.de - was ist das genau?

"Soukmagazine" ist ein Gesellschaftsmagazin über den Orient - das verrät zumindest unsere Unterzeile. Was wir nicht sein wollen, ist ein Blog mit Reiseberichten. Was wir sein wollen, ist ein Magazin, das mal Interviews, mal lange Reportagen, mal kurze Features, mal Buchbesprechungen bringt, also diesen ganzen bunten Themenstrauß. Und zwar speziell für den orientalischen Raum. Wobei wir Orient sehr weit greifen, das geht bei uns bei Marokko los und hört in Afghanistan auf. Wir beleuchten auch, wie der Orient im Okzident aussieht, das heißt, wie Muslime in Deutschland wahrgenommen werden oder wie jüdisches Leben in Deutschland funktioniert. Unsere Motivation ist, dass wir ein anderes Bild vom Orient schaffen wollen.

Wieso ein anderes Bild?

Es gibt in den deutschen Medien viele Stereotype, bestimmte Orientalismen. Du kommst kaum an einem Artikel über den orientalischen Raum vorbei, ohne dass beschrieben wird, wie der Muezzin-Ruf über die Dächer schallt. Fast immer tauchen langbärtige Muslime und verhüllte Frauen auf. Auch wir haben diese Klischees zum Teil in unseren Texten drin, versuchen sie aber immer auch zu brechen, indem wir den Menschen hinter der Nachricht porträtieren. Wir sagen: Es gibt Menschen wie du und ich, die dort in der Region leben, die einen ganz normalen Alltag haben - und mit diesem Alltag beschäftigen wir uns. Wir wollen so in erster Linie ein besseres Verständnis für die Region erzeugen, aber auch ein tiefer gehendes Gespür dafür, warum Konflikte so sind, wie sie sind.

Ihr habt das Online-Magazin 2009 gegründet. Was war damals das Ausschlaggebende? Warum gerade zu diesem Zeitpunkt ein Magazin über den Orient?

Nach meinem Bachelor ging ich für neun Monate nach Syrien, um einen Sprachkurs zu machen. Simon Kremer, der ja auch Gründungsmitglied und Redakteur beim "Soukmagazine" ist, hatte ich von meinem Syrien-Plan erzählt - er hat sich dann auch um das Stipendium für den Sprachkurs beworben. Wir sind dann beide nach Damaskus gezogen, haben dort auch zusammen gewohnt. Unser Plan war von vornherein, in Syrien auch als Journalisten zu arbeiten. Wir wollten aber nicht nur einen typischen Blog in der Art "Hurra, ich bin in Damaskus", wir wollten unsere Geschichten auch nicht nur an etablierte Medien verkaufen. Sondern wir waren der Meinung, dass es etwas geben sollte, das sich exklusiv mit der Region beschäftigt - eine Plattform, die unsere Geschichten bündelt und das typische Orientbild im Journalismus einfach mal bricht. Ein anderer Freund von uns, Jan Hendrik Hinzel, ist zur gleichen Zeit nach Kairo gegangen. Wir haben uns dann zu dritt ein Konzept überlegt, haben uns gefragt: Wie müsste so eine Seite aussehen, was müsste die können? Und sind auf den Namen "Soukmagazine" gekommen. "Souk" ist Arabisch für Marktplatz - und damit ist genau das gesagt, was unser Magazin will: Es soll vielfältig sein, es soll Themen bündeln, der Nutzer soll aber auch selbst auf der Seite wandeln können, wie durch einen Markt, und schauen: Wo picke ich mir jetzt was heraus?

Multimediale Spielwiese

Marc Röhlig, 26: "All die neuen Sachen ausprobieren, die das Internet mit sich bringt."

Auf eurer Seite gibt es Videos, interaktive Karten, Audio-Slideshows. War euch von Anfang an klar, dass ihr cross- und multimedial arbeiten wollt?

Uns war ganz wichtig, all die neuen Sachen auszuprobieren, die das Internet mit sich bringt. "Soukmagazine" ist für uns auch so eine Art Spielplatz. Wir machen das ja nicht hauptberuflich. Wir machen es sogar überhaupt nicht beruflich, weil wir mit der Seite kein Geld verdienen, sondern eher Geld reinstecken. Das ist aber in Ordnung, denn wir haben von Anfang an gesagt: Wir nutzen das für uns, um Geschichten so präsentieren zu können, wie wir das möchten.

Ihr kommt schon ein bisschen rüber wie eierlegende Wollmilchsäue. Woher wisst ihr zum Beispiel, wie man eine Homepage programmiert? Woher diese Fähigkeiten?

Die hatten wir vorher nicht. Hat uns aber nicht interessiert, das haben wir uns einfach beigebracht, learning by doing. Im Internet ist ja alles verfügbar. Du kannst dir für jede Frage irgendwo eine Antwort holen. Und wir haben uns am amerikanischen Markt orientiert und geschaut, was dort im Bereich Onlinejournalismus gemacht wird. Der anglo-amerikanische Online-Journalismus ist sehr viele Jahre weiter als der deutsche. Oder andersrum: Der amerikanische Markt ist im Hier und Jetzt, während der deutsche Medien- und vor allem "Multimedien-Markt" eher noch in den neunziger Jahren feststeckt.

Ihr habt inzwischen einen ganzen Stamm freier Autoren. Was motiviert die, für euch zu arbeiten?

Wir können unseren Autoren zwar keine Honorare zahlen, aber sie haben bei uns die Möglichkeit, sich auszuprobieren. Und wir helfen ihnen auch dabei, ihre Geschichte an andere Medien zu verkaufen. Bei uns gibt es aber nicht die Zweitverwertung, sondern die Wunschverwertung. Wenn der Autor sagt: Ich möchte diesen und jenen Aspekt hervorheben, aber die klassische Redaktion möchte das nicht, oder wenn der Autor sagt: Ich habe hier ein geiles Video dazu gemacht, aber die Redaktion, die den Artikel veröffentlicht, kauft das Video nicht ab, weil zum Beispiel kein Geld da ist, dann sagen wir: Bei uns hat alles Platz. Solange es natürlich journalistisch sinnvoll ist. Hendrik, Simon und ich stimmen uns da immer per Mail oder Skype ab. Wir bringen nicht jeden Mist. Aber wir möchten unsere Redakteure auch immer dazu anhalten, einfach mal einen neuen Blick zu wagen.

Den Nerv der Zeit getroffen

Marc Röhlig, Simon Kremer (beide "Soukmagazine") und Heute Show-Moderator Oliver Welke beim CNN Journalist Award 2011.

soukmagazine.de ist mit Preisen überhäuft worden. Axel Springer Preis, Grimme Online Award, dann noch der CNN Journalist Award für eine interaktive Story von Simon Kremer und dir. Wir erklärt ihr euch diesen Erfolg? Habt ihr es darauf angelegt mit der Seite?

Anfangs gab es eigentlich nur diese Ideen, die in unseren Köpfen schwirrten: Man müsste mal..., man könnte mal… Zwei Punkte waren uns wichtig: Es gibt zu wenig Multimedia-Journalismus in Deutschland und es gibt ein falsches und/oder schlechtes Bild im Bezug auf die orientalische Welt. Ganz oft dachten wir: Da könnte man sehr viel differenzierter berichten, wenn man sich die Zeit und den Raum dafür nimmt. Ob und wie gut uns das mit "Soukmagazine" gelingen würde, wie lange wir das durchhalten würden, das wussten wir zu Beginn nicht und das war uns auch nicht wichtig. Als wir aus Syrien zurückkamen und dann der Preisregen kam, da haben wir erst gemerkt: Wow, wir haben da wohl einen Nerv getroffen. Vergangene Woche erst hat eine Geschichte, die auch bei uns lief, den dritten Platz beim Axel Springer Preis in der Kategorie Internet gemacht. So etwas motiviert natürlich. Deshalb bleiben wir dabei und versuchen die Seite immer weiter zu gestalten.

Glaubst du, dass ihr so erfolgreich gewesen wäret mit diesen Themen, wenn ihr das nicht online und multimedial umgesetzt hättet, sondern zum Beispiel nur für Print?

Es heißt zwar immer, das Internet sei überschwemmt mit tausend Geschichten, immerhin kann ja jeder mitschreiben. Aber ich sehe auch den Zeitungsmarkt überschwemmt. Da ist es auch mit einem gut gemachten Printprodukt schwierig, aufzufallen. Ich denke, dass der Erfolg bei uns schon durch die Verknüpfung kommt, die wir mit verschiedenen Erzählmethoden leisten. Und weil wir eben den Nutzer überraschen können mit einer Form, die es vorher so nicht gab. Zum Beispiel haben wir Vuvox für uns entdeckt, das gibt es im deutschen Raum sonst überhaupt nicht. Das ist so eine Art lineare, chronographische Erzählweise, die man in einer Art kleinem Kinofenster vor sich hat. Der User muss selbst immer weiter scrollen, kann Videos anklicken, Texte, Audiodateien. Das funktioniert ein bisschen wie ein Kinderbuch mit Pop-Up-Bildern.

"Multimediale Vernetzung ist in den Verlagshäusern noch nicht angekommen"

Du sagst, ihr habt euch das alles selbst angeeignet, dass das "Soukmagazine" eure Spielwiese war und ist. Merkst du, dass du mit deinen so gewonnenen Fähigkeiten auf dem Markt punkten kannst?

Ja und nein. Wenn ich irgendwo zum Praktikum oder zur freien Arbeit in einer Redaktion bin, kann ich schon sehr schnell mal ein Video machen oder gewisse Sachen umsetzen und das wird auch gut angenommen. Aber wenn ich als freier Journalist eine Geschichte anbiete, sehe ich mich wieder mit genau den Problemen konfrontiert, die mich dazu bewegt haben "Soukmagazine" zu gründen. Viele Redakteure haben gar keine Ahnung vom Orient und haben auch keine Ahnung von Multimedia. Ich komme zum Beispiel aus dem Ausland von irgendeiner Recherche wieder und biete ein investigativ recherchiertes Stück inklusive Bilderstrecke und Videoportrait für Print-, Online- und iPad-Nutzung an. Dann kommt immer erst mal ein großes: "Äh, Moment". Multimediale Vernetzung ist in Verlagshäusern noch nicht angekommen. Der Printredakteur gibt eine Geschichte in Auftrag oder setzt sie selbst um. Die Bildredaktion beauftragt einen Fotografen. Die Geschichte wird gelayoutet. Dann ist es für Onliner oder Tabloid-Redakteure zu spät, sich zu überlegen, wie man die Geschichte noch weiter drehen kann. Die Vernetzung, das crossmediale Denken, müsste beim ersten Gedanken an eine neue Geschichte beginnen und nicht erst, wenn eine Geschichte für Print schon fertig produziert ist. Und genauso umgekehrt.

Interaktive Karte von Damaskus, 2011 ausgezeichnet mit dem CNN Journalist Award.

Es gibt seit Jahren Diskussionen darum, was aus der gedruckten Zeitung wird. Und ob beziehungsweise wie man mit Onlinejournalismus wird Geld verdienen können. Wo driften wir eigentlich hin?

Ich habe letztens aus einer Redaktion mitbekommen, dass da ein neues Bezahlfenster eingeführt wurde. Man kann also Artikel, die tagsüber in der Printzeitung sind, online nicht mehr kostenlos abrufen, sondern man muss sie kaufen. Das gilt aber nur für die fünf besten Artikel aus der Zeitung. Jetzt diskutieren die Redakteure täglich, wessen Text der beste sei, weil jeder mit seinem Text hinter die Bezahlschranke kommen möchte. Das ist eine Denkweise, die erneuert werden muss. Wenn ich einen großartigen Artikel geschrieben, viel Mühe in eine Geschichte investiert habe, dann will ich nicht, dass die online hinter einer Bezahlschranke versteckt ist, sondern dann will ich, dass jedermann sie klicken kann. Dass sie auf jedem Blog vernetzt werden kann. Dass sie auf Facebook gepostet werden kann, damit die Leute das liken. Ich will, dass der Artikel angenommen wird und dass dadurch wiederum neue Werbung generiert werden kann, denn klar brauchen Verlage auch Geld. Aber das kann eben nicht mehr auf die herkömmliche Weise passieren. Und gar nicht durch irgendwelche Bezahlschranken im Netz. Diese Denkweise, die muss sich irgendwie erneuern und dann klappt's auch. Ich bin da aber optimistisch. Ich denke, dass die deutsche Medienlandschaft sich in den nächsten Jahren erneuern wird, dass für die ganzen Tablets und Smartphones viele neue Konzepte entwickelt werden, die man dann auch auf die klassischen Medien übertragen kann.

Marc Röhlig über die Lage in Syrien. "Ich will unbedingt dort sein."

Das Beste aus beiden Welten

Habt ihr euch überlegt, mit "Soukmagazine" auch Geld zu verdienen? Eine App zu programmieren?

Eine App zu programmieren ist sehr schwer, da haben wir uns noch nicht eingelesen. Schaffen wir zeitlich gerade auch nicht. Aber wir haben tatsächlich mal spaßeshalber mit dem Gedanken gespielt. Wer weiß, vielleicht packt uns schon morgen die Lust, eine "Souk-App" zu entwickeln, die regelmäßig und interaktiv aus dem Orient berichtet.

Wo führt dein Weg dich hin, was sind die nächsten Schritte?

Ich möchte bei einer ganz klassischen Tageszeitung ein ganz klassisches Volontariat machen und ich will auch gerne als Auslandskorrespondent fest arbeiten für eine Zeitung oder ein Magazin. Ich bin kein Feind des klassischen Journalismus, ich mag immer noch das Gefühl von bedrucktem Papier - oder "totem Baum", wie ich als Onliner sagen müsste. Dass man als Multimedia-Journalist kreativ werden will und sich sehr für neue Konzepte interessiert, heißt ja nicht, dass deshalb alte Konzepte über den Haufen geworfen werden müssen. Aber ich bin für die Verknüpfung: klassische journalistische Grundlagen beherrschen, aber immer versuchen, das bei einer Redaktion zu machen, die auch offen für Neues ist. Ich will Geschichten machen, die für sich - aber auch in der Kombination - in einer Zeitung, einem Tabloid oder auf einer Website funktionieren können.

Text und Audio-Interview: Susanna Zdrzalek
Fotos: soukmagazine.de, Marc Röhlig

Infobox

Marc Röhlig, 26, studiert in Freiburg Islamwissenschaft und schreibt gerade an seiner Masterarbeit. Er arbeitet frei für Spiegel, Tagesspiegel und die Süddeutsche Zeitung. 2009 hat er anlässlich eines neunmonatigen Syrienaufenthalts gemeinsam mit Simon Kremer und Jan Hendrik Hinzel soukmagazine.de gegründet. Das Online-Gesellschaftsmagazin über den Orient wurde unter anderem mit dem Axel Springer Preis für junge Journalisten und dem Grimme Online Award ausgezeichnet. 2010 wurden Röhlig, Kremer und Hinzel in der Liste der 30 erfolgreichsten deutschen Nachwuchsjournalisten ("Top 30 bis 30") genannt, die jedes Jahr vom Medium Magazin veröffentlicht wird.
Veröffentlicht: 29.05.2012
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