Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Kommentar

Per Klick zum Medienstar - und wieder zurück

In Zeiten von Castingshows und Internetvideoplattformen sind sie kaum mehr wegzudenken: Zufallsentdeckungen und Kulterscheinungen, die, manchmal über Nacht, berühmt werden und über die plötzlich jeder spricht. Ein kritischer Blick auf die kuriose Schaubude "Medienlandschaft".

Opossum Heidi konnte innerhalb weniger Tage mehr als 277.000 Änhänger erzielen. Angela Merkel hat gegenwärtig etwa 66.700 Freunde und Befürworter.

Heidi ist zwei Jahre alt und schon ein Star - made in Germany. Die ganze Welt spricht über sie - und das, obwohl sie eigentlich nur eins getan hat: Übergewichtig sein und mit hervorstehenden Augen in die Kamera schielen. Tausende von Menschen zählen sich auf Facebook zu ihren Freunden, obwohl die meisten von ihnen wahrscheinlich nicht einmal genau wissen, was sie ist. Nämliche eine Beutelratte, lateinisch Didelphimorphia. Klingt skurril, aber genau das ist der neue Medienstar zu Beginn des Jahres 2011: ein kleines Opossum aus dem Leipziger Zoo, welches durch wenige Minuten in der MDR-Tiersendung "Elefant, Tiger & Co." schlagartig berühmt wurde.

Mittlerweile hat Heidi tatsächlich alles, was ein echter Star braucht: einen Wikipedia-Eintrag, eine eigene Telenovela ("Heidi - schielend ins Glück. Die Heidinovela") und auch ein Heidi-Plüschtier ist in Planung. Bei Facebook hat Heidi bereits mehr Freunde als Angela Merkel. Über 250.000 User sind dort bekennende Anhänger der Heidi-Mania. Und sogar in Amerika spricht man schon über den neuen deutschen Shootingstar: Dort betitelt der CBS Heidi als direkten Nachfolger von Eisbär Knut und Krake Paul.

Doch warum sind es immer wieder gerade die kuriosen TV- und Internetauftritte, die ihre Protagonisten zu unverhofftem Ruhm führen?

"Mitleid ist grundsätzlich ein Antrieb, um Aufmerksamkeit zu erzeugen", erläuterte der Leipziger Professor für Öffentlichkeitsarbeit, Günter Bentele, den Heidi-Hype im Express. Denn insbesondere Schielen erzeuge Mitleid. Ist es vielleicht das, was die zahlreichen Kulterscheinungen, die TV und Internet nahezu Woche um Woche hervorbringen, beim Zuschauer erzeugen? Man möchte nicht mehr zu den Stars aufschauen, sondern muss sie in irgendeiner Form bemitleiden?

Darauf könnte man durchaus schließen, betrachtet man diese seltsamen Kurzzeitprominenzen: Keenan Cahill beispielweise. Der 15-jährige Junge aus Chicago wurde berühmt durch seine lebhaften Interpretationen aktueller Popsongs, allerdings singt er diese nur mit Original-Playback mit. Die Bilanz: mehr als 91.000 Freunde bei Facebook, 55.000 Follower auf Twitter und knapp 28 Millionen Klicks auf sein Youtube-Video zu Katy Perrys "Teenage Dream". Und das alles nur, weil dieser kleine, dickliche Junge mit Brille in voller Inbrunst in die Webcam "singt" - und damit alle Welt zum Lachen bringt.

Keiner scheint an der Popularität der plötzlichen Stars vorbeizukommen, und auch der seriöse Journalismus befasst sich mehr und mehr mit ihnen. Kritiker bemängeln die Thematisierung solcher Persönlichkeiten, doch trotz alledem animieren sie die Menschen sogar zur Feder zu greifen, um Leserbriefe zu schreiben oder aber zu Forumsdiskussionen Anstoß zu geben - sei es in positiver oder negativer Richtung.

Aktuellstes Beispiel: die Unmengen an Leserbriefen und Emails, welche die taz nach dem Rauswurf von Rainer Langhans bei der RTL-Sendung "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" empfing. Der Grund: Nach dem Auszug der 68er-Ikone wählte die taz als Aufmacher ein Foto von Rainer Langhans mit dem Titel "So mies lief der Rainer-Rauswurf" und trat damit eine regelrechte Lawine der Empörung los.

Es ist schon eine verrückte Welt, zu der die Medien des 21. Jahrhunderts gehören und einen entscheidenden Teil beitragen. Aber ist sie nicht eben deswegen so seltsam, weil solche Formate mit ihren höchst demokratischen Telefon- und Onlinevotings das widerspiegeln, was die Mehrheit der Zuschauer sehen wollen? Weil sie mit ihren sozialen Netzwerken und Videoplattformen es jedem einfacher als je zuvor machen, von aller Welt wahrgenommen und angeschaut zu werden? Also entscheidet letztendlich der Zuschauer oder User, was gezeigt wird und was somit Kult ist. Möchte er das Kabinett Kuriosum öffnen, dann kann er das mit ein paar Mausklicks tun, so oft er möchte. Der Journalismus hat sich schließlich der Bildung eines "Markts der Meinungen" verschrieben, will unterschiedliche Sichtweisen objektiv zu Wort kommen lassen, und dem interessierten Leser keinerlei Wissensquellen vorenthalten. Und ist dies nicht gerade der Kern der Sache? Hier findet also die Berichterstattung des Spiegels über Opossum Heidi oder die Diskussion über das Dschungel-Camp bei Markus Lanz durchaus seine Berechtigung. Es spiegelt das wider, was die Leser und Zuschauer interessiert, die Zahl der Anhänger im Internet, TV-Quoten und Klickraten belegen dies - ob es nun jedem passt oder nicht.

Zum Weiterlesen:

Spiegel-Artikel zu Opossum Heidi: Wie eine schielende Beutelratte berühmt wurde

Berühmt werden im Internet: Ein Selbstversuch der Süddeutschen Zeitung.

Text: Simone Danisch

Teaserbild: flickr.com/webtreats

Screenshot und Montage: Simone Danisch

Veröffentlicht: 21.02.2011
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Pflichtlektüre

Eldoradio

DO1 TV

Journalistik Journal

Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum