Laienreporter in der Mini-Blogosphäre
Die Rheinische Post ist gut vernetzt. Ein Schreiber in Tibet, einer in New York, einer in Madagaskar. Wie kaum eine andere Zeitung hat die Regionalzeitung ihr Korrespondentennetzwerk ohne großen finanziellen Aufwand fast weltumspannend erweitert. Deren Geschichten aus Übersee sind jedoch nicht von professionellen Journalisten, sondern von Lesern geschrieben. Das Leser- und Meinungsportal Opinio.de macht's möglich. Schöne neue Welt?
Düsseldorf. Der Winter in Herat war hart. "Vieles ist eingefroren, viele Menschen sind gestorben", schreibt poweruser den Opinio-Lesern aus Afghanistan. Ungefiltert kann der 58-jährige hier über das Alltagsleben in dem Land am Hindukusch schreiben. Leser berichten für Leser - das einfache Prinzip der Blogosphäre hat sich die Rheinische Post mit Opinio schon lange zu Nutzen gemacht.
Unter Opinio.de hat das Düsseldorfer Verlagshaus ein Portal aufgebaut, bei dem Leser mehr können, als Leserbriefe online zu posten. Die registrierten Benutzer schreiben über ihren Alltag, über den letzten Kinobesuch aber auch über Politik und Weltgeschehen. Immer häufiger gelingt es der Redaktion, Opinio-Texte auch in das journalistische Online-Angebot der Rheinischen Post zu integrieren.
Opinio als Themenpool
Poweruser ist da ein gesuchter Schreiber: Er kann den Lesern von einer Region erzählen, die sonst in den Medien fast nur interessant ist, wenn ein Bombenanschlag das Land erschüttert. Gerade deshalb ist der Opinio-Schreiber auch für die Online-Redaktion der Rheinischen Post interessant. "Er kann erzählen, was eigentlich da auf dem Wochenmarkt los ist. Wie ist das Sicherheitsempfinden in dem Dorf?", sagt Rainer Kurlemann. Der Online-Chef der RP macht so den Bürger zum Journalisten.
Mit ihren "Leserreportern" hat die Bild-Zeitung viel dazu beigetragen, den Ruf des Bürgerjournalismus als Instrument des Überwachungsvoyeurismus zu festigen. Rp-online geht jedoch bewusst einen anderen Weg. "Ich würde das Bild vom Politiker in Badehose nicht unbedingt zeigen, weil ich darin keinen Nachrichtenwert sehe", erklärt Kurlemann.
Online-Chefredakteur Kurlemann über seriösen Bürgerjournalismus
Auch wenn bei Opinio viel über Alltag geschrieben wird, ist dies für die Redaktion immer wieder ein Themenpool. Mit einem redaktionellen Vorspann versehen berichtet beispielsweise die Opinio-Autorin Angela Wittkowski über ihr neues Leben in Madagaskar auch auf der Seite von rp-online. "In einer durchschnittlichen Woche sind es so zehn bis zwölf Beiträge, die im aktuellen Nachrichtenstoff sind und von Opinio-Leuten erstellt wurden", sagt Online-Chef Kurlemann.
Mit dem Meinungsportal schlägt die Rheinische Post gleich drei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen kann die Online-Redaktion der RP immer wieder von guten Beiträgen profitieren, ihr journalistisches Angebot erweitern und die Themen von der Straße auflesen. Zum anderen schafft es die RP, ihre Leser noch enger an die Zeitungs-Marke zu binden.
Themen von der Straße auflesen
80 Prozent der Autoren stammen aus dem Verbreitungsgebiet der Zeitung. Anderswo starten User Blogs bei Blogspot oder anderen weltumspannenden Blogdiensten. Womöglich scheitern sie aber auch an den technischen Hürden eines eigenen Blogs. Im Rheinland bekommen die Internetnutzer gleich das Angebot eines Quasi-Blogs von "ihrer" Zeitung. Die Blogosphäre gibt‘s kostenlos dazu. Bei Opinio werden die meistgelesensten Autoren angezeigt, Themenkategorien gelistet und die aktuellen "Hot Topics" angezeigt.
Während sich die Essener Konkurrenz der WAZ erst mit Katharina Borchert eine Bloggerin ins Boot holte, um den Konzern halbwegs fit für das Web 2.0 zu machen, wird bei Opinio bereits seit Dezember 2004 gebloggt, ohne das Wort Blogosphäre irgendwo auftauchen zu lassen. Mit anhaltendem Erfolg: Rund 3.500 Autoren haben bereits über 39.000 Artikel verfasst. Das schlägt sich auch in den Klickzahlen nieder: rund 1.35 Millionen Page Impressions hat das Leser- und Meinungsportal zusätzlich. Die Kölnische Rundschau kommt beispielsweise mit ihrem gesamten Webauftritt nicht über 1.5 Millionen PIs hinaus.
Gedrucktes Opinio-Magazin zu teuer
Auch wenn Klicks in der Internet-Welt gleichbedeutend mit Geld sind, ist Opinio für die Rheinsche Post noch lange keine Goldgrube. "Wer glaubt, dass man mit dem Bürgerjournalismus kosten sparen kann, ist sicherlich auf dem falschen Weg", sagt Online-Chefredakteur Kurlemann. Alle Beiträge werden, bevor sie Online gehen, gesichtet und kontrolliert. Das muss bezahlt werden.
So ist es nicht verwunderlich, dass die RP Opinio-Inhalte auch außerhalb der Mini-Blogosphäre zu nutzen versucht. Der Einbau einiger auch unter journalistischen Faktoren interessanter Beiträge in die Nachrichtenplattform RP-online ist dabei nur ein Weg.
Der andere Weg ist die bislang häufig nur als Einbahnstraße verstandene Verbindung von Print und Online. Die RP versuchte sich 2005 mit einem eigenen Opinio-Magazin, das ausschließlich im Internet gepostete Beiträge abdruckte. Dies wurde nach Verlagsangaben aus Kostengründen eingestellt. Mittlerweile finden rund drei oder vier Opinio-Beiträge wöchentlich auf einer Extra-Seite in der Zeitung ihren Platz.
Opinio-Mitarbeiterin Jana Reiblein beschreibt den Ablauf in der Redaktion
Dass Beiträge der Opinio-Autoren als journalistische Texte in das redaktionelle Angebot der Zeitung mit einbezogen werden, ist bislang noch selten der Fall. Trotzdem scheint es auch hier eine journalistische Emanzipation zumindest eines Teils der Opinio-Autoren zu geben.
Bei einem Brand in Dormagen stellte sich ein Opinio-Schreiber als RP-Mitarbeiter vor - gewissenhaft journalistisch recherchierend. Verdutzt war dann nicht nur der Einsatzleiter, als der eigentliche Redakteur der Rheinischen Post auftauchte. Gerade im Lokalen zeigt sich der Konflikt zwischen recherchierendem Bürger und professionellem Journalisten. Die Frage "Zu welchem Termin muss ich einen Journalisten schicken und bei welchem Termin lasse ich mir eine so genannte Pressemitteilung rein reichen?", wird schon lange in deutschen Lokalredaktionen gestellt.
Online-Chef Kurlemann über die Verwendung des Leser-Inputs
Bürgerjournalismus ist also kein neues Phänomen. Das schließt auch jene Bürger ein, die sonst in den Redaktionen persönlich vorbei kamen, um den Redakteuren ihre spannende Geschichte zu "verkaufen". "Das wird jetzt auf einem anderen Kanal befriedigt und die Hemmschwelle ist da wesentlich geringer, weil man keine Person anrufen muss, sondern selber etwas posten kann", sagt Kurlemann.
Für Journalisten werden die Laienreporter und Geschichtenerzähler auch in Zukunft immer wichtiger. Zum einen als Themengeber, aber eben auch als Reporter. "Der Journalist wird damit leben müssen, dass er nicht der Einzige ist, der berichtet, sondern sich auch andere Menschen mit Themen auseinandersetzen.", sagt Online-Chefredakteur Kurlemann. Doch Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft.
Text: Henning Engelage.
Mitarbeit: Stefan Rüter.
Interviews: Christopher Hanisch.
Fotos / Screenshots: Henning Engelage, Christopher Hanisch.
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