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Interview

"Ohne Medien würde es nicht gehen!"

Ihr Herz schlägt für Ghana. Seit über zehn Jahren engagiert sich Bettina Landgrafe für die Menschen in einem der ärmsten Länder der Welt. Und gründete dafür sogar ihren eigenen Verein "Madamfo Ghana". Wie wichtig die Rolle der Medien für ihren Verein ist und warum es ihr größter Wunsch ist, dass es diesen eines Tages nicht mehr geben muss, erzählt die "Weiße Nana" im Interview.

Bettina Landgrafe

Vor zehn Jahren haben Sie den Verein Madamfo Ghana gegründet. Wie ist der Name entstanden und was bedeutet er?

Madamfo ist ashanti und bedeutet so viel wie "Freunde". Die Organisation heißt also "Freunde Ghanas". Als wir uns offiziell registrieren wollten, saß ich mit meinen Mitarbeitern im Busch von Ghana und wir haben überlegt, wie wir uns nennen könnten. Ein paar Einheimische haben unsere Diskussion mitbekommen und meinten, dass der Name doch ganz klar sei: "Madamfo Ghana". Weil wir wie Freunde kommen.

Madamfo Ghana hat bis heute über 40 Projekte umgesetzt. An welchen Projekten arbeitet der Verein denn momentan?

Gerade haben wir ein Kinderkrankenhaus fertiggestellt, das an ein bereits bestehendes Healthcenter angebaut wurde, das wir gegründet haben. Eines der größten Projekte, die wir jetzt schon seit zwei Jahren machen, ist das Projekt gegen Kinderhandel am Voltasee. Da sind wir gerade in der Endbauphase unseres Kinderheimes, in dem gerettete Kinder untergebracht werden sollen, die nicht zu ihren Familien zurückgeführt werden können. Außerdem planen wir noch eine Wasserversorgung für drei Dörfer, die im Moment noch Flusswasser trinken müssen. Aufgrund der schlechten Wassersituation gibt es dort sehr viele blinde Kinder.

"Es gibt nichts Schöneres, als anderen Menschen zu helfen"

Bettina Landgrafe mit ihrem Team Madamfo Ghana

Viele Menschen haben bestimmt Erwartungen und Hoffnungen in Sie, dass sich ihre Lebenslage verbessert. Ist das auch ein gewisser Druck, der auf Ihnen lastet?

Natürlich ist es Druck, aber ich würde es nicht als Druck im negativen Sinne bezeichnen. Druck hat so einen negativen Beigeschmack. Motivation wäre auch das falsche Wort, weil ich keine Motivation brauche, um diesen Kindern zu helfen. Es gibt nichts Schöneres, als anderen Menschen zu helfen. Und es ist ein Gottesgeschenk, wenn man die Fähigkeiten dazu hat. Es ist natürlich auch eine hohe Verantwortung, derer ich mir im Alltag nicht ständig bewusst bin. Aber ich habe ja auch Mitarbeiter in Ghana, die diese Projekte mit mir gemeinsam realisieren. Insofern verteilt sich das natürlich auch auf ein paar Schultern.

In "Ihrem" Dorf Apewu sind Sie zur "Weißen Nana", der Stammeskönigin, gewählt worden. Sind Sie in Ghana dadurch allgemein bekannt?

Ja, schon. Natürlich nicht bei allen Menschen und in allen Regionen. Aber in sehr vielen Regionen, auch weil wir schon so lange in Ghana arbeiten. Und dass ich weiß bin, ist natürlich auch ungewöhnlich. Der Titel als "Nana" ist in Ghana auch sehr hoch angesehen. Es ist nicht nur ein Titel auf einem Blatt Papier, sondern ein Titel, der mit Leben und mit Aktivitäten, mit Rechten und mit Pflichten gefüllt ist. Insofern kennen mich sehr viele Leute in Ghana und mein Ruf eilt mir häufig schon voraus.

Ein Ruf, der Ihnen bei Ihren Projekten zugute kommt?

Richtig. Ich nutze den Titel als Nana schon insofern, dass ich leichter Zugang zu sehr hochrangigen Gesprächspartnern bekomme oder zur Regierung, weil man als Nana im Stamm eine gewisse hohe Position hat. Und die kann natürlich nützlich sein, weil man für Projekte in sehr weit abgelegenen Dörfern einfacher Unterstützung bekommt.

Madamfo Ghana ist sowohl in Deutschland als auch in Ghana sehr präsent in den Medien. In Ghana hat der Verein sogar seine eigene kleine Sendung bei einem Radiosender. Wie läuft das genau?

Wir haben 30 Minuten Radiozeit pro Woche gekauft. Meine Mitarbeiter sitzen dann zusammen mit dem Moderator im Studio und stellen ein Radioprogramm zusammen. Häufig lassen wir Kinder zu Wort kommen, die versklavt waren und durch uns befreit wurden. Aber auch Autoritäten in Ministerien oder Institutionen, die sich mit Kinderarbeit und Kinderhandel in Ghana beschäftigen.
Es ist ein bunt gemischtes Programm - und von der Bevölkerung bekommen wir riesige Resonanz nach der Ausstrahlung des Radioprogramms. Das hilft natürlich sehr, weil man dadurch viele Menschen erreicht.

Werden Ihre Projekte auch vom ghanaischen Fernsehen begleitet?

Ja, schon. Allerdings muss man in Ghana das Kamerateam selbst einladen und die Reporter bezahlen, wenn man einen Fernsehbeitrag machen will. Es gibt dort einfach keine finanziellen Mittel wie hier in Deutschland. Und das ist nicht selten ein zweischneidiges Schwert, weil so ein Beitrag natürlich Geld kostet, das man auch woanders einsetzen könnte. Man muss viel mehr abwägen, ob dieser Bericht jetzt wirklich Sinn macht. Deswegen machen wir das auch nicht so häufig.

"Etwas Besseres kann einem gar nicht passieren, als dass Journalisten sich angucken, was in Ghana los ist, und darüber berichten"

Ein versklavtes Fischerkind im Interview mit SternTV

In Deutschland hingegen sieht man Sie sehr häufig im TV…

Ja, wir sind total viel in den Medien. Hier in Deutschland ist es ja genau umgekehrt: Da werden wir angerufen und gefragt, ob ein Bericht über uns gemacht werden darf. SternTV war alleine zwei Mal mit in Ghana, jeweils für eine Woche, mit einem dreiköpfigen Kamerateam. Das sind Profis. Etwas Besseres kann einem gar nicht passieren, als dass Journalisten mitkommen und sich angucken, was in Ghana los ist, und dann darüber berichten.

Seit dem "Wer wird Millionär?"-Prominentenspecial im Jahr 2010, bei dem Atze Schröder 500.000 Euro gewonnen hat, sieht man Sie sehr häufig mit ihm zusammen. Was ist denn mit dem Geld passiert?

Das Geld, das bei den Prominentenspecials von "Wer wird Millionär?" gewonnen wird, geht immer an die RTL-Stiftung "Wir helfen Kindern". Diese RTL-Stiftung hat uns mit unserem Kinderkrankenhausprojekt mit in ihre Stiftung aufgenommen. Und Atze hat eben diese 500.000 Euro gewonnen - und davon haben wir von der RTL-Stiftung 197.000 Euro bekommen. Wir haben damit dieses Kinderkrankenhaus gebaut - mit Atze als Paten des Projekts.

Er selbst kommt seitdem öfter mal mit nach Ghana. Wie kann das gut gehen - ein Komiker in Afrika?

Ach, das geht super! Einmal, weil er persönlich ein sehr offener und warmherziger Mensch ist. Er hat einen riesigen Fanclub in Ghana. Aber keinen Fanclub, der Atze als Fan hat. Sondern den Mann, der hinter Atze Schröder steckt. Und ich glaube, es ist ihm mittlerweile wirklich eine Herzensangelegenheit geworden. Wenn man ihn in Ghana erlebt, wie er mit den Menschen und mit den Kindern umgeht, wie er sich ohne jegliche Berührungsangst auf die Menschen dort einlässt und wirklich die Probleme versucht zu verstehen, dann kann einem eigentlich gar nichts Besseres passieren. Wir nennen ihn immer unseren Botschafter für Madamfo Ghana.

Stellt er denn gar keinen Blödsinn an?

Doch, klar! Wenn ich mit ihm unterwegs bin, habe ich nach spätestens einer Woche ein Sixpack vor Lachen. Man denkt ja immer, Komiker sind witzige, gut gelaunte Typen. Sind sie auch, klar. Aber es gibt natürlich auch Momente, wo wir sehr nachdenklich und seriös diskutieren. Einfach weil es auch einen schlimmen Hintergrund hat, ein Kinderkrankenhaus zu bauen: Die Kinder würden ohne dieses Krankenhaus sterben.

Würden Sie sich denn manchmal noch mehr Unterstützung und Spendengelder wünschen?

Es ist so, dass wir viel mehr Geld bräuchten. Da kann man nichts beschönigen. Diese Kinder kosten einfach Geld, das wir über Spendengelder reinbekommen müssen. Das könnte natürlich noch viel mehr sein, weil wir noch viel mehr Kinder retten möchten. Aber wenn man so lange in Ghana lebt wie ich, wird man sehr realistisch. Und dann kann man mit dem, was man geschafft hat, umgehen und einfach versuchen, immer wieder den nächsten Schritt zu machen.

Inwiefern sehen Sie die Medien als eine Plattform für die Erfüllung Ihrer Projekte?

Die Medien können sehr, sehr positiv sein, weil sie einen unglaublich hohen Verbreitungswert haben. Sie können aber auch negativ sein, wenn sie einfach schlecht recherchieren. Schon ein Satz, der einem im Mund umgedreht wird, kann Folgen haben. Wenn man zum Beispiel sagt, dass wir Kinder freigekauft haben, dann stimmt das so nicht. Es ist nur ein Satz, aber er impliziert, dass wir uns gegen das Recht verhalten, denn es ist verboten, Kinder zu kaufen. Egal, ob ich damit etwas Gutes bewirken will oder nicht. Wenn Human Rights Watch das lesen würde, hätten die einen Grund, uns abzuschaffen. So etwas ist uns aber Gott sei Dank noch nicht passiert.

"Man braucht die Medien definitiv"

Haben dank Madamfo Ghana jeden Tag eine warme Mahlzeit im Bauch: Schulkinder aus Apewu

Denken Sie, dass ein Verein wie Madamfo Ghana auch ohne Medien funktionieren würde?

Ich glaube nicht. Durch Internet, Fernsehen und Radio ist es für die Menschen sehr einfach, sich mal eben über uns zu informieren. Und es liegt an uns, diese Informationen bereitzustellen. Sobald ich neue Infos habe, stelle ich diese auch online. Und dann bekomme ich auch schon mal Rückmeldungen aus Kanada, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, aus Hongkong oder Amerika. Wie sollte das ohne Medien gehen? Wie sollte ich die Menschen sonst erreichen? Dann müsste ich von Haustür zu Haustür gehen oder Briefe schicken, was irrsinnig viel Porto kosten würde. Ich glaube, wenn man aus seinem Umfeld und seiner Stadt herauskommen will, braucht man die Medien definitiv.

Wie viel Zeit nimmt es in Anspruch, den Verein in den Medien zu pflegen?

Mein Arbeitstag hat 12 Stunden - und bestimmt die Hälfte davon investiere ich darin, Informationen aufzuarbeiten und zu übersetzen, weil man nicht erwarten kann, dass jeder Englisch spricht. Das nimmt natürlich sehr viel Zeit in Anspruch, aber letzten Endes zeigen wir den Menschen damit, was wir genau machen. Wie sollen sie uns sonst helfen oder unterstützen?

War dies auch einer der Gründe, warum Sie in diesem Jahr das Buch "Weiße Nana" geschrieben haben - damit die Menschen sich ein besseres Bild von Ihnen und Ihrer Arbeit in Ghana machen können?

Definitiv. Das ist natürlich eines meiner großen Anliegen. Das Buch schulde ich sozusagen den Förderern von Madamfo Ghana. Uns gibt es jetzt seit zehn Jahren. Und seitdem werde ich gefragt, wie man darauf kommt, mit Anfang 20 nach Afrika zu gehen und dort auch hängen zu bleiben. Zum anderen ist in so einem Buch viel mehr Platz für persönliche Geschichten und Eindrücke. Witzige Sachen oder traurige Sachen, die man erlebt hat, finden auf einer nüchternen Homepage einer Organisation keinen Platz. Ich wollte die Menschen gerne mitnehmen nach Ghana, sie mit mir den Berg in Apewu heruntergehen und das fühlen lassen, was ich dabei gefühlt habe. Und genau das scheint mir gelungen zu sein. Das zeigen die Rückmeldungen und die E-Mails, die ich als Reaktion auf das Buch bekomme…

…und nicht zuletzt der Leserpreis, den Sie im November 2011 mit dem Buch gewonnen haben.

Ja! Es gibt jede Menge Bücher, die auf der Bestsellerliste ganz oben sind, und mein Buch bekommt den Leserpreis. Das heißt, die Menschen, die es lesen, finden es so toll, dass sie es noch vor wirklichen Schriftstellern bewerten - und das spricht ja nur für das Werk.

Noch ein Blick in die Zukunft: Was hoffen Sie, mit Madamfo Ghana noch alles zu erreichen?

Sehr, sehr viel. Das Schönste wäre, wenn es uns eines Tages nicht mehr geben müsste, weil wir überflüssig geworden sind. Das ist der Wunsch, den wir alle haben, der aber momentan einfach unrealistisch ist. Ich würde mir wünschen, dass wir noch mehr Madamfos finden und noch mehr Unterstützer, die uns und damit die Menschen in Ghana unterstützen. Es gibt nichts Schöneres, wenn man selber etwas abzugeben hat und teilen kann. Liebe ist das Einzige, was man nicht verliert: Es verdoppelt sich, wenn man es austeilt.

Ein schönes Schlusswort! Ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview und wünsche weiterhin viel Erfolg und Freude mit Ihren Projekten.

Mehr zum Thema

Wie es Bettina Landgrafe nach Ghana verschlagen hat und viele weitere Informationen über Madamfo Ghana und alle Projekte sind auf www.madamfo-ghana.de erhältlich.

Das Buch "Die weiße Nana" von Bettina Landgrafe

Text: Henrike Fischer
Bilder: www.madamfo-ghana.de

Veröffentlicht: 25.04.2012
1 Kommentar
answer #1) Fitri homepage - 19.08.2012 - 08:37

Stellt sich mir persf6nlich unweigerlich die Frage, ob das erste deuchtse Bier nun tatse4chlich ein Bier, oder nur ein Kf6lsch war? big greenUnd bevor ich damit einen Krieg zwischen Kf6lsch- und sonstigen Biersorten-Trinkern entfache, sei gesagt, dass ich -auch, weil ich mal ne ganze Zeit in Kf6ln gelebt habe, durchaus selbst hin und wieder mal zu einem Kf6lsch greife. Nur denke ich, dass es schon ge4nzlich anders / dfcnner schmeckt, als sonstige Biersorten.

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