Nur die Praxis zählt in Polen
Die Arbeitssituation im polnischen Mediensystem unterscheidet sich deutlich von der in Deutschland. Kein Studium, kein Volontariat und keine freie Mitarbeit führen in die Redaktionen. Trotzdem gibt es auch für junge Polen mit Interesse am Journalismus verschiedene Wege in den Traumberuf.
In Deutschland finden viele Journalisten als Quereinsteiger ihre Berufung. Nachdem sie zuvor des öfteren in freier Mitarbeit Texte zugeliefert haben, gibt ihnen die Redaktion nach und nach mehr Aufträge. Auch in Polen kann man als freier Journalist arbeiten. Allerdings nur nebenberuflich, denn man könnte kaum genügend Geld verdienen, um den eigenen Lebensunterhalt bezahlen zu können. Ein freier Journalist in Polen muss sich nämlich alle Themen selber suchen. Die Redaktionen rechnen nicht mit freien Mitarbeitern und schicken sie auch nicht zu Terminen, wie es die deutschen Kollegen gewöhnt sind. Auch die Vergütung ist in der Regel gering, da in den Medien eher zu wenig Platz für weitere Artikel ist.
Ebenso mögen es polnische Medien nicht, studierte Journalisten in die Redaktionen nur deshalb aufzunehmen, weil sie ein Diplom in der Tasche haben. Sie sind zwar theoretisch gut ausgestattet, aber es fehlt ihnen an praktischer Erfahrung. Denn ein Volontariat als Institution gibt es am rechten Ufer der Oder nicht.
Praktika
Es ist üblich, dass sich Interessierte um ein Praktikum in einer Redaktion bewerben. Nach den Worten sämtlicher Journalisten zu urteilen, die wir in Warschau getroffen haben, wird dies sehr gerne gesehen. Jeder soll eine Chance bekommen, lautet die Prämisse. Jeder muss für sich feststellen, ob man dazu geeignet ist, als Journalist zu arbeiten. Denn wie uns Slawomir Zagorski von Polens größter überregionaler Zeitung "Gazeta Wyborcza" mitteilt: "Journalismus ist kein Fachwissen, sondern viel mehr ein Teil des Charakters." Man müsse Spaß daran haben und eine gewisse Faszination dafür entwickeln, anderen Menschen Geschichten zu erzählen. Am besten gehe man in eine Kneipe und fange dort an, die anderen mit seinen Stories zu konfrontieren - und man sieht, ob die gut ankommen oder nicht und ob sie einen Artikel wert sind.
Neue Ausbildungswege
Der Verlag Polskapresse ist der Pionier des journalistischen Volontariats in Polen. Die von der Firma gegründete Stiftung will das Berufsniveau der Journalisten erhöhen und die journalistische Ethik stärken. Dies ist besonders wichtig, wenn man den wachsenden Bürgerjournalismus berücksichtigt. Seit 2005 gewährt das Institut für Journalismus der Polskapresse jährlich Stipendien für herausragende Journalisten. Im Rahmen des Stipendiums erhalten die Journalisten Bargeld und die Möglichkeit, an der Ausbildung teilzunehmen. Das Institut Polskapresse gibt jedem Journalisten 600 Zloty monatlich und 20.000 Zloty (rund 5000 Euro) jährlich für den Workshop.
Polskapresse organisiert auch Schulungen für Bürgerjournalisten, die mit der Redaktion Wiadomosci24.pl zusammenarbeiten. Seminare befassen sich mit Themen aus den Bereichen Presserecht, Sprachkultur und journalistische Textgattungen.
Der Unterricht wird von Spezialisten in Komunikationstheorie, Presserecht und Medienrecht, von Pressekennern, Sprachkennern und von erfahrenen Journalisten von überregionalen und lokalen Medien geleitet. Das Ausbildungssystem ähnelt dem in Deutschland und besteht aus Grundseminaren, Seminaren für Forgeschrittene und einem Workshop. Einige Themen der Seminare sind: Mikrowelt der Redaktion, Journalistische Darstellungsformen, Recherche, Wirtschaftsjournalismus, Foto-Workshops, Reportagen, Titelseiten, Lokalmedien und Pressefreiheit.
Das Institut für Journalismus der Polskapresse organisierte in Zusammenarbeit mit journalistischen Instituten aus Deutschland und Tschechien im Jahre 2007 eine Sommerschule zum Thema Lokaljournalismus und Selbstverwaltung.
Text: Magdalena Marzec, Lucie Rydlova
Bilder: Christoph Schmidt
Teaserbild: A. Hermida / Flickr


