Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Nummer 5 lebt auf

Von Christine Veenstra

Griesenbruch, Stahlhausen und Goldhamme - drei alte Bochumer Stadtteile sind neu erfunden. Sie bilden jetzt Bochum Westend, seit Ende 2006 Stadtumbaugebiet, für das Stadtteilmanager ehrgeizige Pläne schmieden. Mittendurch läuft die Rottstraße, die zur Kulturmeile werden soll. Gleich gegenüber eines Peepshow -Ladens, befindet sich Hausnummer 5. Eine Gruppe von Künstlern hat sich dort eingerichtet.

Fotos: vee

Bochum. Rottstraße 5, das sind drei Hallen unter einer Bahnbrücke - Raum für Malerei, Fotografie, Musik und Theater. Eine Kunstzelle, eine Initiative, die geknüpft ist an eine Adresse, hat sich hier entwickelt. Rottstraße 5, das ist auch Manfred Duch, Maler, der sich unter einem Brückenbogen eingemietet hat. Sein Atelier hat hohe gewölbte Decken, an den Wänden hängen seine Bilder, gleich am Eingang stehen Tische, Stühle und ein Flügel. Im Moment hat Manfred Duch viel Platz. Vier andere Künstler, die hier mit ihm gearbeitet haben, sind weitergezogen - die Straße hoch in ein leerstehendes Fabrikgebäude. Eine Art Zellteilung hat stattgefunden. Rottstraße 5 ist deshalb nicht verlassen. Schauspieler haben in einer der Hallen ein kleines Theater eröffnet: das Rottstraße 5-Theater. Kunst und Kultur greifen um sich - ganz so wie es die Pläne der Stadtentwickler vorsehen. Das Westend soll bunt und lebenswert werden, und dazu braucht es Kultur.

Nachbarn kommen schnuppern

Ausstellungen, Filmabende und die feste Reihe "Neue Musik" finden in Rottstraße 5 statt. Die Halle ist mehr als Atelier und Ausstellungsfläche, sie ist auch Treffpunkt. Mehrere Stunden täglich steht sie offen. Wenn der Maler Duch an seinen Bildern arbeitet, kommen manchmal Freunde vorbei, manchmal aber auch Fremde: "Eine ältere Dame hat mal vorsichtig zur Tür reingeschaut. Die hatte in irgendeiner Zeitung etwas über Rottstraße 5 gelesen und hat gesagt: ‚Ich wollte mal sehen, was das eigentlich ist, Rottstraße 5.‘ Dann ist sie wieder gegangen." Ab und zu würden Akademiker auftauchen - einfach so, auf einen Tee. "Man hört im Gespräch, was die für Titel haben, aber keinen Job", sagt Manfred Duch. Ihn interessieren die Geschichten der Menschen, denn die Nachbarn und die Gegend sind ihm wichtig. Arbeitslose gibt es viele im Westend, und auch die sollen an der Umgestaltung des Stadtteils teilhaben.

Westend

Bochum Westend umfasst die Ortsteile Griesenbruch, Stahlhausen und Goldhamme. Im Norden liegen der Westpark und die Jahrhunderthalle, im Süden vor allem Stahlindustrie-Betriebe und Gewerbebrachen, im Westen der Bochumer Ring. Westend hat etwa 11.400 Einwohner. Hier leben verhältnismäßig viele Menschen von Sozialleistungen und der Anteil der Nichtdeutschen ist mit 25 Prozent höher als im städtischen Durchschnitt.

Die "Szene" braucht Zuversicht

Manfred Duch wünscht sich, dass in Bochum Westend eine Künstlerszene wächst. Ein Lebensraum. "Wir haben alle geschimpft, dass hier nichts passiert. Alles läuft in Berlin. Hier in NRW vielleicht noch in Düsseldorf. Aber jetzt, jetzt hat man Hoffnung", sagt Manfred Duch. Das Westend als Stadtumbaugebiet habe schließlich einen eigenen Planungsstab, der die Künstler auf Trab halte. Ihnen hilft es, dass Kulturprojekte zur städtischen Planung passen. Doch das allein reicht nicht. Es braucht auch Mut zur Investition, den die Künstler selbst aufbringen müssen: Mietverträge für Ateliers müssen unterschrieben und die Räume hergerichtet werden. Kunst machen kostet Geld, auch im Westend. Und niemand weiß, ob dieses Geld mit Kunst zu verdienen ist. "Die Theaterleute nebenan, die haben das gemacht. Investiert. Einfach ein Theater eröffnet", sagt Duch anerkennend. Die Bildenden Künstler in der Rottstraße seien noch nicht so weit. Davor, einen Fünfjahresvertrag für ein Atelier in den alten Fabrikgebäuden zu unterschreiben, seien jüngst einige zurückgeschreckt. Sollte der Eigentümer das Objekt in nächster Zeit verkaufen, wäre für die "Szene" vielleicht kein Platz mehr. "Künstler als Unternehmer sind wir alle nicht. Das müssten wir noch werden."

Auf Streife

Manfred Duch ist weit über 60. Die Malerei betreibt er nicht als Broterwerb, aber er brennt darauf, die Entwicklung des Stadtteils zu begleiten. Zusammen mit Christiane Konrad, Cellistin der Bochumer Symphoniker, die Konzerte in der Rottstraße 5 organisiert, begleitet und bespielt, schlendert er des Öfteren durchs Viertel. Das Westend sei wegen des hohen Migrantenanteils interkulturell, aber gleichzeitig auch kleinbürgerlich, finden die beiden. Sie sind ständig auf der Suche nach netten Läden und haben im Blick, wenn Geschäfte schließen oder neu eröffnen. "Ein Orthopäde ist gegangen. Das hätte nicht passieren dürfen, denn der ist wichtig für die Gegend", sagt Duch. Aber es gibt auch positive Entdeckungen: "Christiane hat neulich einen kleinen Schneiderladen gefunden. So was ist toll." Die Musikerin vermisst im Westend vor allem Gastronomie. Es gäbe viele Imbissbuden und gleich gegenüber von Rottstraße 5 die Peepshow-Läden. Was fehle, seien Lokale, in denen man sich aufhalten möchte. "Ich habe mir vorgenommen, in nächster Zeit in jede Kneipe des Viertels zu gehen und überall ein Bier zu trinken", sagt Konrad.

Manfred Duch und Christiane Konrad.

Kunst machen, wo die Menschen sind

"Rausgehen" ist ein Stichwort, das die Künstler der Rottstraße auch im Kulturhauptstadtjahr beherzigen wollen. Sie werden Kunst im Viertel machen - Installationen und Veranstaltungen, dort, wo die Menschen sind. Dafür gibt es sogar Geld: 25.000 Euro, die in der Rottstraße gebraucht werden. Eine Straße wird nicht von heute auf morgen zur Kulturmeile, das ist allen Beteiligten klar. Doch der Aktionismus mehrt sich. "Dieses Quirlige, das wir uns wünschen, hat das Viertel überhaupt noch nicht. Aber das Potenzial ist da."

Reinschauen

Veröffentlicht: 09.09.2009
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


WIR | Impressum