Nicht-erschienen.de: Alternative zur Tonne
In jeder journalistischen Karriere wird der Tag kommen, an dem sich dieses Szenario abspielt: Man recherchiert ein Thema, führt Interviews, verfasst den Beitrag und plötzlich ist das Thema nicht mehr aktuell, kein Platz mehr im Ressort oder aus sonstigen Gründen offenbar keine Nische für den eigenen, liebevoll verfassten Artikel. Das vielleicht mit Herzblut, Angstschweiß, Arbeitsstunden und Hirnschmalz getränkte Produkt nun einfach "unerhört" in den Rachen des Papierkorbs werfen zu müssen, scheint undenkbar.
Genau so ging es auch einst der 33-jährigen Münchener Journalistin Anja Schwarzenbach, die hauptberuflich für den Spiegel und die Süddeutsche Zeitung arbeitet. Dadurch kam sie auf die Idee, online eine Alternative zu Schublade und Mülltonne zu schaffen: Nicht-erschienen.de. Die Site bietet seit November 2008 "ausgebildeten Journalisten und Redakteuren" ein Refugium für Arbeiten mit "Qualitätsstandards, denen die Autoren auch anderswo gerecht werden müssen: gewissenhafte Recherche, wahrheitsgemäße Wiedergabe und stilistische Sicherheit" – so lauten die Selektionskriterien des Portals. Diese Kriterien sollen den Publikationsaufwand möglichst gering halten und die Qualität der Beiträge sicherstellen: "Ich möchte nicht erst jeden Artikel redigieren müssen. Daher entscheidet letztendlich die Textqualität und nicht der berufliche Werdegang des Autors.", erklärt Schwarzenbach in einem Interview im V.i.S.d.P.-Magazin.
Selbsthilfegruppe für verstoßene Medienbabies
In bislang drei Ressorts werden die ausgewählten Artikel veröffentlicht: Politik, Kultur, Leben. Zu jedem Artikel sind zudem in einer Seitenspalte so genannte "Randnotizen" zu finden, d.h. interessante Hintergrundinfos zum Artikel, beispielsweise die Begleitumstände der Erstellung und zusätzliches Recherchematerial. Über die Person des Autors erfährt man unter dem Artikel die zentralen Eckdaten, ebenso ist dort der Grund des "Nichterscheinens" kurz dargelegt – diese ungewohnten, zusätzlichen "Meta-Informationen" machen den journalistischen Schaffensprozess transparent und geben so einen interessanten Einblick in das Arbeitsfeld.
Nicht-erschienen.de ist auf Non-Profit-Basis organisiert – weder für die Autoren noch für die Administration zahlt es sich direkt aus. Jedoch soll die Website auch als "Artikelmarkt" für andere Medien fungieren, die über Nicht-erschienen.de die Rechte an den dort veröffentlichten Beiträgen erwerben können. Weiterhin fördert das Projekt vergleichsweise unbekannten Fotografen durch monatlich wechselnde Titelbilder, an die eine kurze Vorstellung des jeweiligen Bildautors geknüpft ist. Alles in allem kann Nicht-erschienen.de als Selbsthilfegruppe für verstoßene Texte mit Promotion-Potenzial gelten.
Das Portal: www.nicht-erschienen.de
Artikel zum Thema:
taz online: www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/bestellt-verstaubt-online
meedia.de: meedia.de/web-special/neue-sites/detailansicht/artikel/deu/nichterschienen.html
Welt online: www.welt.de/webwelt/article2960587/Der-Online-Friedhof-der-vergessenen-Texte.html
Text: Melina Wachtling
Teaserfoto: flickr.com/florian_aut; Fotos: flickr.com/florian_aut; Screenshot: nicht-erschienen.de


