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Jahreskonferenz netzwerk recherche

Neue Chancen oder plumpes Marketing?

Recherche scheint in Mode zu kommen. Egal ob Welt, Stern oder WAZ - deutsche Medien gründen immer neue Rechercheressorts. Gleichzeitig sparen viele Blätter an Personal und Honoraren. Ein Widerspruch? Auf der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche diskutierten die Verantwortlichen. Außerdem: gekaufte Experten, Wikileaks, Tipps zur Online-Recherche und die Lage des Journalismus.

Hamburg. Neue Chancen oder plumpes Marketing? So die einleitende Frage zur Diskussion über die neuen Recherchepools. "Findet Recherche nur noch an der Spitze statt und wird dadurch die Weiterbildung in der Breite vernachlässigt?", fragte Thomas Leif, Vorsitzender des Netzwerk Recherche. Die Befürchtung: Während einige wenige Redakteure in den neuen Abteilungen mit der Recherche betraut werden, lehnt sich der Rest der Journalisten zurück. Recherche? Da haben wir doch unsere Experten für! Wenn gleichzeitig noch Redakteure entlassen und freien Journalisten die Honorare gekürzt werden, bleibt im Alltag vielleicht kein Platz mehr für eine zweite, dritte oder vierte Quelle, für kritische Fragen und den Gedanken um die Ecke. Das Rechercheressort verkäme zum Feigenblatt, die Qualität der Medien würde weiter leiden.

"Qualität wird wichtiger"

Jörg Eigendorf

Jörg Eigendorf, ab September neuer Recherche-Chef der Welt, sieht das anders. Seit er vor sieben Jahren die Leitung des Wirtschaftsressorts der Welt übernahm, habe er in jedem Jahr den Etat kürzen müssen. Es sei doch gut, wenn ein Teil dieser Einsparungen nun für Recherche genutzt werde. "Auf Dauer brauchen wir Alleinstellungsmerkmale. Dazu dienen diese Reporterpools. Qualität wird immer wichtiger. Wer keine Qualität liefert, wird auf Dauer in dieser Medienlandschaft untergehen." Sein neues Ressort soll sieben Personen umfassen, noch sind nicht alle Stellen besetzt.

Der Recherchepool der Süddeutsche Zeitung

Vorbild für Qualität in Tageszeitungen ist die Süddeutsche Zeitung, die mit Hans Leyendecker einen der bekanntesten investigativen Journalisten Deutschlands in ihren Reihen hat und bereits länger mit einem Recherchepool arbeitet.

Auch die WAZ zieht nach

Umgebaut hat die Essener WAZ ihr Rechercheressort. Zuletzt hatte sie 300 ihrer 900 Stellen gestrichen und viele Lokalredaktionen geschlossen. Das sechsköpfige Ressort stößt deshalb nicht überall auf Gegenliebe. Dennoch glaubt der neue Recherchechef David Schraven, zuvor freier Journalist für die Welt-Gruppe, an den Erfolg des Projektes.

Wühler und Reporter zusammenbringen

Hans Leyendecker glaubt, dass die Rechercheressorts auch eine Möglichkeit sind, auf neue Herausforderungen des Journalismus zu reagieren: Aufkärung und Unterhaltung zu verbinden.

"Es gibt keine unabhängigen Experten mehr"

Neben der aktuellen Diskussion, erst kurz vor der Konferenz ins Programm gehievt, stand bei der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche vor allem die Rolle der Experten im Mittelpunkt. Experten, die den Journalisten das Leben vermeintlich leichter machen und auf die sich Autoren deshalb mangels eigener Recherche oft blind stützen. Die aber immer häufiger selbst nicht unabhängig sind. "Fakten für Fiktionen" war deshalb Überthema der Konferenz. Und weiter: "Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen."

Nicht nur, dass die internen Bedingungen für Recherche-Journalismus fast überall schlechter und "die juristischen Scharmützel immer häufiger werden", wie NDR-Intendant Lutz Marmor in seiner Begrüßungsrede sagte. Von außen bedrängen den einzelnen Journalisten zudem immer mehr gekaufte Wahrheiten, Abhängigkeiten und verworrene Strukturen. Zum Beispiel Professoren mit eigenen Start-Up-Unternehmen oder großzügig von Drittmittelgebern geförderte Wissenschaftler. So sagt auch Claudia Spiewak, Chefredakteurin des NDR-Hörfunk: "Es gibt keine unabhängigen Experten mehr."

Thomas Leif

Statt den besten Experten zu suchen, suchen sich Medien häufig gut aussehende und flüssig sprechende Wissenschaftler für die Kamera oder das Mikro. "Wir plädieren dafür, genauer hinzuschauen, wer für welche Sachgebietsfrage auch wirklich Experte ist", sagte Thomas Leif zum Beispiel im Deutschlandradio. Deshalb bot die Konferenz Workshops zur Bewertung von Experten an und präsentierte prominente Gäste.

Prominente Gäste, wenig Selbstkritik

Zu Gast war unter anderem Gerd Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum, das durch Übersichtsstudien die wissenschaftlichen Grundlagen im Gesundheitssystem verbessern will. Antes weist vermeintlichen Experten nach, dass ihre Arbeiten unwissenschaftlich sind. Oder Peter Sawicki, der Noch-Chef des IQWiG, des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Sawicki war dafür zuständig, als neutrale Instanz die neu eingeführten Medikamente der Pharmafirmen auf Kosten und Nutzen zu überprüfen. Die Bundesregierung hat seinen Vertrag jedoch nicht verlängert. Kritiker behaupten, dies sei im Interesse der Pharmafirmen geschehen.

So wenig kritisch manche Medien in ihrer Berichterstattung sind - von der Selbstkritik wird dies doch immer noch unterboten. "Niemand ist so beleidigt, wenn er kritisiert wird, wie Journalisten. Wenn du einen Journalisten kritisierst, spricht der ein Jahr nicht mehr mit dir - mindestens", sagte Frank Meyer, Chefpublizist des Schweizer Konzerns Ringier (unter anderem Blick). "Aber wenn ich Medien als politisch relevant betrachte, dann muss ich sie hart anfassen und nicht mit Glacéhandschuhen." Auch Thomas Leif, NR-Vorsitzender, forderte härtere Auseinandersetzungen. "In den ARD-Redaktionen wird nicht mehr diskutiert. Stattdesssen sterben wir gemeinsam den Wärmetod."

Das Netzwerk Recherche wird voraussichtlich auch im nächsten Jahr seine Jahreskonferenz beim NDR in Hamburg ausrichten. In diesem Jahr besuchten die knapp 100 Diskussionen, Workshops und Vorträge nach Angaben des Netzwerks etwa 800 Leute, darunter erfreulicherweise auch relativ viele junge Journalisten. Wer nicht dabei war: Das Netzwerk Recherche bietet auf seiner Webseite zu zahlreichen Themen kostenlose Werkstatt-Bücher an.

Zum Weiterlesen:

Investigativer Journalismus in Deutschland

Alle Infos zur Jahreskonferenz beim Netzwerk Recherche

Die Publikationen des Netzwerk Recherche

Text / Videos / Screenshot: Daniel Drepper

Fotos: Daniel Drepper / Welt / SWR

Weiteres zur Jahreskonferenz

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Veröffentlicht: 17.07.2010
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