Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Nachrichten für die Generation StudiVZ

Was haben Tagesthemen-Pensionär Ulrich Wickert und Ex-Top-Model-Kandidatin Fiona Erdmann gemeinsam? Sie beide sind "Meinungsmacher" auf der neuen Plattform Zoomer.de, einem Nachrichten-Portal für junge Menschen. Der Medien Monitor hat die Seite unter die Lupe genommen.

Nachrichten 2.0 ? Zoomer setzt auf die Beteiligung der Leser

Berlin. "Nachrichten Zwo-Null: Ich wollte dabei sein!" Das sind stolze, fast geschichtsträchtige Worte von Frank Syré, dem Chefredakteur des quietschgrünen News-Portals Zoomer.de. Das neue Projekt der Verlagsgruppe Holtzbrinck (Tagesspiegel, Zeit, StudiVZ) will möglich machen, wovon alle im Internet träumen: Eine Umkehrung der Hierarchien, eine effiziente Einbindung des Users, Interaktivität auf ganzer Linie. Bei Zoomer.de setzt der Redakteur dem Leser nicht mehr einfach Informationen vor. Nein, der Anspruch ist, das zu servieren, was bestellt wurde.

Denn das Konzept von Holtzbrinck funktioniert so: Die 40-köpfige Zoomer-Redaktion wählt aktuelle Themen aus und die Leser (angesprochen sind vor allem junge Menschen zwischen 20 und 30) entscheiden mit ihren Klicks, ob diese relevant und interessant sind. Über dieses Punkte-Bewertungssystem entstehen dann die sogenannten Top-Themen, die ganz oben auf der Seite erscheinen und stündlich aktualisiert werden. "Wir bündeln die kollektive Intelligenz der Web-Community und stellen unsere Leser in den Mittelpunkt", beschreibt Frank Syré das Procedere schwärmerisch auf Zoomer.de.

Auf dem deutschen Nachrichtenmarkt ist das eine neue Idee. Zwar beobachten auch andere Nachrichtenportale natürlich ganz genau die Klick-Quoten ihrer Themen. Zoomer.de macht diesen Prozess aber transparenter und bindet seine Nutzer bewusst mit ein. Ein ähnliches Konzept verfolgt auch facts.ch, eine Website, auf der Journalisten und Blogger Nachrichten schreiben, bewerten und diskutieren können.

Zwei Meinungsmacher: Wickert und Erdmann

Uli Wickert als Schirmherr. Äußerlich runzlig,

Schirmherr dieses Online-Projekts ist ausgerechnet Ex-Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert – Journalist der ganz alten Schule. Für Zoomer.de gibt Wickert nicht nur seinen guten Namen, sondern er pflegt außerdem auch ein eigenes Videoblog. Äußerlich runzlig wie immer, dafür aber sprachlich auffallend jung und flapsig ("In der SPD trauen sich manche nicht, ihr Maul aufzumachen"), präsentiert er regelmäßig seine Meinungen zu wichtigen Gesellschaftsthemen. Egal ob es um den Umgang mit der Linkspartei geht oder die Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen und CDU – Wickert weiß Lösungen.

Auch eine Meinungsmacherin: Fiona Erdmann,

Das komplette Gegenteil dazu ist Ex-Top-Model Fiona Erdmann, bekannt aus Heidi Klums Casting-Show. Auch sie ist bei Zoomer.de ein "Meinungsmacher", und weil sie früher selbst Fußball in einer Mädchenmannschaft gespielt hat, darf sie in ihrem Videoblog über ihren "Lieblingssport" reden. Latent nervig und auf dem sprachlichen Niveau einer 12-Jährigen plappert sie daher: über ihren Lieblingstrainer Mirko Slomka oder ihren selbsternannten Spieler der Woche. Neues oder gar Kontroverses gibt es in ihrem Blog leider nicht zu hören. Was die Leser locken soll ist wohl eher das bekannte Gesicht mit dem süßen Breitmaulfrosch-Lächeln.

Der Gegensatz zwischen Wickert und Erdmann ist schon fast exemplarisch für die schwankende Qualität des News-Portals – Zoomer.de hat zwei Gesichter.

Überzeugt hat den Medien-Monitor vor allem das vorausdenkende Konzept und die clevere Einbindung des Users. Wenn (wie geschehen) ein Leser in einem der unzähligen Foren kommentiert, dass er gerne mehr über den Einsatz der Bundeswehr im Kosovo wissen möchte und der zuständige Redakteur diesen Wunsch unmittelbar umsetzt –dann ist der Traum von Nachrichten 2.0 tatsächlich erfüllt. Diese Interaktivität, die Mitgestaltungsmöglichkeiten und die Vernetzung sprechen viele jugendliche Leser an.

Britney und Bohlen statt Bahnstreik und Beck?

Und die Intelligenz dieser jugendlichen Leser ist nicht zu unterschätzen. Wer gedacht hat, die Generation StudiVZ würde Britney und Bohlen den Vorzug geben, der irrt. Mit Beck und Bahnstreik orientiert sich die Nachrichtenauswahl durchaus an gängigen journalistischen Relevanzkriterien. Doch genau das ist für die Medienpädagogin Christiane Schulzki-Haddouti auch ein Kritikpunkt: "Die Nachrichtenauswahl ist eher Standard, also Mainstream. Man kann auf der Seite leider kaum Überraschungen entdecken, denn die Redaktion orientiert sich zu sehr an dem Agenturmaterial, das alle Nachrichtenseiten verwerten. Da ist nichts Neues dabei." Schulzki-Haddouti würde stattdessen lieber diskursiven Journalismus geboten bekommen, "Journalismus, der gesellschaftlich relevante Debatten anstößt und weiterentwickelt."

Die Expertin

Christiane Schulzki-Haddouti (Jahrgang 1967) ist Diplom-Kulturpädagogin und befasst sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Darmstadt mit kooperativen Technologien in Arbeit und Ausbildung. Seit 1996 ist sie als freie Journalistin tätig und hat seither in zahlreichen Tageszeitungen (u.a. Süddeutsche-), Online-Medien und Fachzeitschriften veröffentlicht. Ihre Berichterstattung befasst sich hauptsächlich mit der gesellschaftlichen Relevanz von Informationstechnologien und relevanten Technologietrends.

Problematisch ist außerdem: Lediglich die Top-5-Nachrichten sind mit Bildern und Teaser-Text gut sichtbar im oberen Drittel der Seite platziert – hingegen bekommen die restlichen acht Meldungen kaum Raum. Sie tauchen nämlich nur in einer kleinen Bilderleiste mit Fotos im Miniatur-Format auf. Erst mit einem Klick erscheint dem User ein kurzer erklärender Text.

Jugendliche Sprunghaftigkeit

Viel zu klein. Hinter diesen Bildchen verstecken sich Nachrichten

Ebenso unausgereift wirkt die wirre Seitennavigation, die ohne Ressortaufteilung auskommt. Kleine, nichtssagende Bilder und Videos machen es schwer, sich zu orientieren. Dahinter steckt wohl die Idee, dass die meisten jungen User an die Youtube-Optik gewohnt sind und sich gerne einfach durch Seiten durchklicken, ähnlich wie man beim Fernsehen eben "zappt". Die Konsequenz dieser jugendlichen Sprunghaftigkeit ist allerdings eine kunterbunte, oftmals intuitive Nachrichtenrezeption. "Wenn man aber nun auf der Suche nach speziellen Themen, beispielsweise Technik, ist, dann findet man nur schwer etwas Passendes", meint Schulzki-Haddouti. Kurz: Der uninformierte Leser findet sich nicht zurecht – und der informierte findet nichts Neues.

Zielgruppe treffender ansprechen

Was möchte Zoomer.de nun also sein? Wenn einerseits der Tarifstreit und der Linksruck der SPD als Topthemen gehandelt werden und anderseits die Community wild darüber diskutiert, ob man mit 30 Jahren noch lange Haare haben darf, dann wird deutlich, dass die klare Marschrichtung noch nicht gefunden ist. Schulzki-Haddouti fordert deswegen: "Zoomer.de muss sich noch klarer auf seine Zielgruppe besinnen. Toll wäre es zum Beispiel, wenn die Redaktion kontroverse Debatten aus StudiVZ aufgreifen würde. Damit könnte man die eigene studentische Zielgruppe treffender ansprechen und sich stärker von der Konkurrenz absetzen."

Ärgerlich ist auch, dass Zoomer.de leider nicht nur die Nachrichten an die Gewohnheiten und Wünsche der User anpasst – sondern nun auch die Werbung zielgerecht ausrichtet. Was bei StudiVZ noch große Proteste ausgelöst hat, geht hier heimlich, still und leise vor: personalisierte Werbung als Finanzierungsquelle. Noch viel offensiver betreibt Zoomer.de die Verbindung zwischen redaktionellem Teil und Produktwerbung. Zoomer.de berichtet beispielsweise über Ken Folletts neue Roman-Trilogie – und Amazon bietet die passenden Bücher direkt daneben in einer Anzeige zum Kauf an.

Zoomer hat auch versteckte Perlen zu bieten

Die Aktualität bewertet die Redaktion, das Interesse zeigen die Leser

Als Fazit lässt sich festhalten: Für die frische Optik und viele innovative Ideen kann man Zoomer.de klar loben. Auch Schulzki-Haddouti findet anerkennende Worte für das Nachrichtenportal. "Zoomer.de hat einige Perlen versteckt. Ganz sauber und klasse gemacht ist beispielsweise der Pressespiegel der Redaktion. Den muss man aber erst einmal finden."

Fakt ist also, dass Zoomer.de einen Monat nach der Gründung des Portals noch eine Menge verbessern könnte. Die Seitennavigation muss übersichtlicher werden und die redaktionellen Inhalte sollten weniger agenturlastig gestaltet sein. Um den eigenen Stil und die passende Zielgruppe zu finden, bedarf es eben noch mehr Zeit. Gut, dass Geschäftsführer Peter Neumann kürzlich angekündigt hat, jede Woche mit einem neuen technischen Update die Seite verbessern zu wollen. Diesen Spielraum zur Weiterentwicklung kann Zoomer.de gerne bekommen: Zielsetzung und Idee sind nämlich zukunftsweisend.

Text: Leonie Voss; Screenshots: Leonie Voss

Veröffentlicht: 14.03.2008
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