Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Mut, Leichtsinn, Dummheit?

Zwölf Jahre im Arbeitslager: Die US-Reporterinnen Laura Ling und Euna Lee zahlen einen hohen Preis für einige unbedachte Schritte über die nordkoreanisch-chinesische Grenze. Sind sie Heldinnen der mutigen Recherche? Leichtsinnige Sensationsjunkies? Oder sind sie Opfer eines neuen Mediensystems, das viel Druck ausübt und wenig Rückhalt bietet?

In San Francisco demonstrieren Bürger für die Freilassung der Journalistinnen

Dortmund. Als den nordkoreanischen Grenzposten die beiden amerikanischen Journalistinnen Laura Ling und Euna Lee ohne Visum ins Netz gingen, muss sich Staatsoberhaupt Kim Jong Il sehr gefreut haben. Zu günstig das Timing, mit dem ihm das Schicksal diesen Trumpf im Atomstreit mit den USA zuspielte. Seit Nordkorea verstärkt Raketen- und Atomwaffentests durchführt, hat sich das ohnehin gespannte Verhältnis der kommunistischen Diktatur zur Internationalen Gemeinschaft deutlich verschlechtert. Präsident Obama verkündete, sich vom Regime in Pjöngjang nicht mehr unter Druck setzen zu lassen. Kim Jong Il weht aus westlicher Richtung eine steife Brise entgegen.

In diesem rauen politischen Klima brachen Laura Ling und Euna Lee auf, um über Menschenrechtsverletzungen an der Grenze von China (Rang 167 von 173 auf dem Index der Pressefreiheit) und Nordkorea (Rang 172) zu berichten. Zuerst recherchierten sie von der chinesischen Seite aus. Am 17. März allerdings betraten sie nordkoreanisches Gebiet – ohne Drehgenehmigung, ohne Papiere.

Chronik der Verurteilung

Die Journalistinnen Euna Lee und Laura Ling wurden am 17. März von nordkoreanischen Grenzposten verhaftet, als sie ohne Visum und Drehgenehmigung die Grenze von China nach Nordkorea überquert hatten. Sie wollten für den Sender Current TV, der zum Teil dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Al Gore gehört, über die Flüchtlingsproblematik und den Frauenhandel an der Grenze berichten. Der oberste Gerichtshof in der Hauptstadt Pjöngjang verurteilte die Frauen am 8. Juni zu zwölf Jahren im Arbeitslager. In der Begründung des Urteils heißt es nach Angaben der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA, die Reporterinnen hätten das Land als Missachter der Menschenrechte diffamieren wollen. Das Gericht in Pjöngjang sah darin ein "schweres Verbrechen". Experten rechnen mit einer vorzeitigen Freilassung der Journalistinnen. Der Kontakt zu ihren Familien blieb den Frauen bisher jedoch weitestgehend verwehrt.

Diskussionen im Web: Journalismus-Kritik von Sesselpupsern

In den Diskussionsforen des Internets ist man geteilter Meinung darüber, ob das unglaublich mutig oder unglaublich dumm war. Ein gewisser Jack Neumann schreibt in den Kommentaren zum Blog von New York Times-Redakteur Nicholas Kristof: "Ich würde das Leben keines einzigen Soldaten für die Befreiung der beiden aufs Spiel setzen; ich würde noch nicht einmal etwas zu ihrer Verteidigung schreiben. Sogenannte Journalisten müssen endlich lernen, dass sie nicht über dem Gesetz stehen und auch die Souveränität despotischer Staaten akzeptieren müssen." Ein Nutzer, der unter dem Kürzel gg postet, raunzt ihn daraufhin an, er solle den Journalisten gefälligst dankbar sein, die ihr Leben riskieren, um die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt ans Licht zu zerren. Die hätten allemal mehr Courage als jene "Sesselpupser", die in ihren klimatisieren Räumen nur meckern würden.

Tatsache ist: In einer zunehmend globalisierten Welt ist auch das wichtig, was auf der gegenüberliegenden Seite der Weltkugel passiert. Wenn Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern Grund genug für militärische Intervention sind, sind sie allemal Grund genug für journalistische Recherche. Dort, wo sich die Pressefreiheit in solch erbärmlichem Zustand befindet wie in Nordkorea, können ausländische Journalisten sogar oft besser berichten als Staatsangehörige. Letztere leben besonders gefährlich: Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen waren von den rund 500 Journalisten, die zwischen 1994 und 2004 in Krisengebieten ums Leben kamen, fast 90 Prozent einheimische Reporter.

Riskante Konkurrenz

Kameramänner gehen hohe Risiken ein, um die spektakulärsten Bilder zu liefern

Aber mussten Euna Lee und Laura Ling nun unbedingt die Grenze zu Nordkorea überschreiten? Hätten sie sich nicht mit Recherchen auf der chinesischen Seite begnügen können? Wozu einen Drachen wecken, der einen leichten Schlaf und einen mächtigen Appetit auf Amerikaner hat? Vielleicht waren sie als engagierte Rechercheure auf der Suche nach wichtigem Material, das auf legalem Wege unerreichbar geblieben wäre. Vielleicht sind die Gründe für den waghalsigen Grenzübertritt aber auch im Mediensystem selbst zu suchen. Seit Jahren grummelt es in der Korrespondenten-Szene, die Konkurrenz um die spektakulärsten Bilder führe besonders unter Videojournalisten dazu, jegliche Vorsicht fahren zu lassen. Zu groß sei das Verlangen mancher Redaktionen, die extremsten Bilder von vorderster Front zu besitzen. Die Mechanismen dieses Wettbewerbs und seine möglichen Folgen beschreibt der ehemalige Auslandskorrespondent Peter Maass in einem Artikel zum Tod des Kriegskorrespondenten Kurt Schork und des Kameramanns Gil Moreno, die in Sierra Leone erschossen wurden. Ein noch größerer Druck lastet auf Angestellten kleiner Sender und Webmedien. Je kleiner das Medium, desto größer das Bedürfnis nach den spektakulären und exklusiven Geschichten – sie sind der einzige Trumpf im Kampf um die Quote. Auch Current TV, Auftraggeber von Euna Lee und Laura Ling, ist ein Nischen-Kabelsender, der viele seiner Videos auf der Internetplattform veröffentlicht.

Reporter ohne Rückendeckung?

Die Zukunftsaussichten des investigativen Journalismus?

Zusätzlich fehlt den Veteranen der Zwergensender das starke Netzwerk, auf das sich ihre Kollegen bei Medienriesen wie dem CNN oder der BBC im Notfall verlassen können. Nicht umsonst sind die Gefängnisse dieser Welt ein Sammelbecken für Online-Journalisten – nach Angaben des CPJ (Committee to Protect Journalists) waren im Jahre 2008 56 von 125 inhaftierten Journalisten Blogger, Webreporter und Online-Redakteure. Der wachsende Einfluss des Mediums Internet geht für die Berichtenden nicht mit wachsender Rückendeckung einher.

Nun versucht die amerikanische Regierung auszubügeln, was einige unbedachte Schritte zur falschen Zeit am falschen Ort Laura Ling und Euna Lee eingebrockt haben. Am 13. Juli rief die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton die Regierung in Pjöngjang erneut dazu auf, die beiden Frauen freizulassen. Der öffentliche Druck im eigenen Land ist enorm: Trotz Kritik am Verhalten der Journalistinnen überwiegt das Mitgefühl. Es gibt eine Facebook-Seite und eine Online-Petition, Familie und Journalisten drängen auf eine baldige Freilassung. Die öffentliche Unterstützung sendet auch ein positives Zeichen an den investigativen Journalismus als solchen. Daniel Beckmann, ein Freund und ehemaliger Kollege von Laura Ling, sähe es als gefährlich an, würde der Staat seine ‚Watch Dogs’ im Stich lassen. "Dann hätten wir ganz schnell keine Geschichten von der Art mehr, wie sie Laura und Euna erzählen wollten." Außerdem: Wären die Frauen mit der Geschichte im Kasten wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt – sie gälten heute nicht als Opfer ihres eigenen Leichtsinns, sondern als Heldinnen der mutigen Recherche.

Text: Nora Schlüter

Teaserbild: jk5854/Flickr

Bilder: velobry/Flickr; José Goulão/WikiCommons

Veröffentlicht: 23.07.2009
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