Ray William Johnson
Multiplikator des Absurden
Der Amerikaner Ray William Johnson hat den am häufigsten abonnierten YouTube-Kanal der Welt. Er präsentiert Clips aus dem Internet. Das ist nicht nur unterhaltsam - es steckt auch ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell dahinter.
Der Weg zu 1,5 Milliarden Videoabrufen bei YouTube, er ist denkbar einfach. Ray William Johnson, ein 23-jähriger Amerikaner, stellt sich bloß vor eine Kamera und kommentiert drei lustige, viel geklickte Clips aus dem Web. Eichhörnchen springen da plötzlich aus Mülltonnen, Plastiktüten flattern Politikern während Interviews ins Gesicht oder dicke Babys in Windeln tanzen wild durchs Wohnzimmer.
Scheinbare Spontaneität
Dann ist "Equals Three", so der Name der Erfolgsreihe, auch schon wieder vorbei. Das Publikum liebt Ray William Johnson, diesen Multiplikator des Absurden. Clips, die in seiner Sendung landen, erhalten gewissermaßen das Prädikat "besonders wertvoll" und schnellen klicktechnisch noch weiter in die Höhe. 5,2 Millionen Menschen haben seinen YouTube-Kanal zum "meist abonnierten Kanal" beflügelt. Weltweit. Johnsons Name steht nun im Guinness-Buch der Rekorde.
- Der durchschnittliche Onliner schaute 2011 nach Angaben des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) 50 Minuten pro Tag Online-Videos.
- Laut Bitkom wird der Videokonsum im Internet künftig durch die Verbreitung von Tablet-PCs weiter steigen.
- 10 Prozent aller Onliner rufen täglich Videos auf Portalen wie YouTube ab, gelegentlich oder selten tun dies laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 immerhin 58 Prozent.
"Equals Three" lebt von Johnsons Kommentaren. Frech frotzelt er drauf los, Woche für Woche zwei Mal. Oft sind seine Sprüche vulgär und nicht jugendfrei, ist sein Humor spätpubertär und schlüpfrig. Mindestens genauso häufig sind seine Witze aber vor allem eines: brüllend komisch. Noch dazu, wenn völlig unerwartet Stars wie Oscar-Preisträger Robin Williams für Johnson einen YouTube-Clip nachspielen.
Johnson selbst erklärte im Interview mit dem Forbes Magazine: "Ich suche nach Videos, die mich oder meine Freunde zum Lachen bringen. Wenn ich ein Video gesehen habe und laut lachen muss, hat es eine gute Chance, in der Show zu landen." Show nennt er seine Videos. Ein ungewöhnliches Wort für einen fünfminütigen YouTube-Clip. Aber doch irgendwie passend.
Denn der 23-Jährige ist kein Privatmann mehr, der sich unbeholfen mit seiner Webcam im schlecht ausgeleuchteten Wohnzimmer filmt. Er ist ein Star der virtuellen Bühne. Und wie es sich für einen Showmaster gehört, wird er durch ein stetig wachsendes Team von Co-Autoren unterstützt. Jedes Wort seiner An- und Abmoderationen: wohlüberlegt. Jede Pointe: zuvor von bis zu sechs Gag-Schreibern poliert. Scheinbare Spontaneität ist harte Arbeit. Genau das ist es, was gute Comedy ausmacht.
Warum beim "Super-Gott" die Kassen klingeln
Kein Wunder also, dass auch die deutsche Internet-Szene den ebenso charmanten wie durchgeknallten Johnson beobachtet. Für den Videoblogger und Multimedia-Dozenten Markus Hündgen ist Johnson der "absolute Super-Gott des Web-Videos in den USA". Johnson liefere mit seinem "Einfach-drauf-los-Geschnatter" zwar keinen Journalismus im klassischen Sinne, aber er gehe in Richtung "Service-Journalismus", so Hündgen. Der Amerikaner mache "verdammt viel richtig".
- Der in der Szene gut vernetzte Hündgen schätzt, dass Ray William Johnson einen siebenstelligen Betrag im Jahr verdient. Auch in Deutschland gebe es 20 Leute, "die wir gar nicht kennen", die aber durch selbstproduzierte Online-Videos gut leben könnten. "Manchmal sogar besser oder doppelt so viel wie freie Journalisten."
- Beispiel 1: "Die Außenseiter" liefern Trash mit osteuropäischem Akzent.
- Beispiel 2: Sami Slimani (21) alias "Herr Tutorial" sinniert unter anderem über die Grundregeln der Rasur.
User mischen mit

- Feedback auf allen Kanälen.
Als Beispiel nennt Hündgen die Art und Weise, wie Johnson seine Zuschauer einbezieht. Das sei für Bewegtbildangebote im Netz "absolut vorbildhaft". Am Ende jeder Folge bittet Johnson die Zuschauer, ihm eine Frage zu beantworten. Was macht ihr, um aus der Masse hervorzustechen? Wie oft habt ihr euch in die Hose gemacht? Oder: Wie würdet ihr euer Kind nennen? In der nächsten Folge gibt es eine Auswahl der via YouTube, Google+, Facebook und Twitter gesammelten User-Kommentare.
Weil Ray William Johnson mit seinem Charisma und Witz auffällt, klingelt es in seinen Kassen. Johnson ist ein sogenannter YouTube-Partner. Je mehr Klickzahlen seine Videos haben, desto mehr wird er an den Werbe-Erlösen der Google-Tochter YouTube beteiligt. Pro Monat kommen da laut YouTube-Sprecher Henning Dorsewitz bei Hunderttausenden Abrufen schnell fünfstellige Dollarbeträge zusammen. Johnson selbst äußert sich nur schmallippig zu seinem Verdienst, als ihn ein Reporter des US-Klatschmagazins TMZ.com danach fragte.
Tempo gegen Langeweile
Reden über Finanzen ist Johnsons Sache nicht. Er quasselt lieber über virale Videos - und zwar so schnell, dass man sich konzentrieren muss, um nicht einzelne Silben zu verpassen. Das Tempo ist hoch, muss hoch sein. Denn nichts ist schlimmer als Langeweile im Netz.
Das Video der Konkurrenz ist schließlich nur einen Klick auf der Maus oder Wisch auf dem iPad entfernt. Das stetig wachsende Publikum für Bewegtbild-Inhalte im Netz - egal ob zu Hause, im Zug oder in der Mittagspause im Büro - muss bei Laune gehalten werden. YouTube ist ein paradiesisches Umfeld für Johnsons Shows. Vier von fünf Besuchern von Online-Video-Plattformen in Deutschland sehen laut einer Studie Google- oder YouTube-Videos.
Gefloppte Video-Shows- Der Versuch, erfolgreiche Clips aus dem Web 2.0 ins TV zu bringen, scheiterte in Deutschland. Sat.1 versuchte sein Glück mit der "My Video Show" (Moderation: Annika Kipp), RTL mit "Clipfish TV" (Moderation: Matze Knop).
- Den Zuschauern schmeckte das Rezept "virale Netz-Videos im TV" überhaupt nicht. Beide Sendungen waren große Flops, wurden nach wenigen Ausgaben eingestellt.
Ray William Johnson gelingt eine Mischung aus Comedy, Entertainment und Service, die ökonomisch erfolgreich ist. Derzeit bastelt der Comedian und YouTube-Star Ray William Johnson an einem spanischen Ableger von "Equals Three" und baut seinen Merchandising-Bereich aus. Fans können bereits jetzt Kappen, Poster, Plastikfiguren und T-Shirts kaufen.
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YouTube: Komik, Kunst und Copyright
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Externe Links
ARD/ZDF-Online-Studie 2011
Offizieller YouTube-Kanal von Johnson
Die Nyan-Cat: Trash-Video, das durch Johnsons Erwähnung stark profitierte
Text: Tobias Fülbeck
Bilder: (1) rawj.com (2) Screenshots (3) Bitkom


