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"Mode ist ein Orchideen-Fach"

Giorgio Armani, Karl Lagerfeld oder Wolfgang Joop – Stefanie Schütte hat die Designer bereits alle interviewt. Die 44-Jährige ist offizielle Modekorrespondentin der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Ihre Einsatzgebiete: Deutschland und Frankreich. Unter anderem schreibt sie über die Haute-Couture-Schauen in Paris. Im Interview verrät die Journalistin, wie man es in die erste Reihe bei einer Modenschau schafft.

Medien Monitor: Um welchen Designer reißen sich aktuell die Modejournalisten?

Stefanie Schütte: Nach wie vor reißen sich die Modejournalisten um Marc Jacobs, weil er wahnsinnig schwer zu kriegen ist. Sehr begehrt ist auch Nicolas Ghesquière von Balenciaga. Das Label ist seit ein paar Jahren das angesagteste der Szene, und die arbeiten nur mit wenigen Medien zusammen. Begehrt ist zudem Miuccia Prada, auch weil sie sich in den Medien sehr rar macht. Jemand der sich nicht so rar macht, ist Karl Lagerfeld. Aber trotzdem reißen sich alle um ihn. Der ist ein Dauerbrenner. Das wird ihm auch in den nächsten Jahren niemand so schnell nehmen.

Der Teufel trägt Prada. Dpa-Modekorrespondentin Stefanie Schütte auch ab und zu.

Viele Modejournalisten, so heißt es, messen den ihnen zugemessenen Rang bei einer Modenschau an der Nähe zu dem Sitzplatz von Anna Wintour, Chefin der amerikanischen Vogue. In welcher Reihe sitzen Sie? Und neben wem?

Schütte: Meistens sitze ich neben meinen Kolleginnen von der AP oder AFP. Mitarbeiter von Agenturen und Tageszeitungen sitzen selten in der ersten Reihe, zumindest die, die aus Deutschland kommen. Anders ist das bei der Korrespondentin der International Herald Tribune, Suzy Menkes. Die sitzt ganz vorne und ist fast genauso wichtig wie Anna Wintour. Es gibt aber auch Labels, bei denen ich einen Platz in der ersten Reihe habe. Ein anderes Mal sitze ich dann aber wieder weiter hinten oder bekomme nur einen Stehplatz.

Sitzt immer in der "ersten Reihe": Anna Wintour.

Wie kommt es zu der unterschiedlichen Sitzordnung?

Schütte: Es hängt damit zusammen, wie das Label gewichtet. Erstens, ob es in Deutschland präsent sein will – ist dies der Fall, dann sind wir deutschen Journalisten natürlich viel wichtiger als sonst. Und zweitens, ob das Label von einer großen Menge Menschen wahrgenommen werden möchte. Für ein Label wie Chanel ist es wichtig, viel Aufmerksamkeit zu bekommen, weil die sehr global, professionell und auch sehr breit arbeiten. Für ein kleineres Label eines neuen In-Designers mag es vielleicht gar nicht von Bedeutung sein, von vielen Menschen wahrgenommen zu werden. Da ist dann auch die Korrespondentin der dpa eher unwichtig.

Haute-Couture-Schau des Labels Chanel (Frühling/Sommer 2009)

Schütte über Karl Lagerfeld: "Der ist ein Dauerbrenner."

Wie hoch schätzt die dpa Ihrer Meinung nach die Wichtigkeit einer Modekorrespondentin ein?

Schütte: Die dpa hat jemanden, der sich wirklich um das Thema Mode kümmert. Das ist ja schon ein aussagekräftiges Statement. Übrigens habe ich noch einen Kollegen, Axel Botur, der hauptsächlich die Schauen in Mailand besucht. Trotzdem ist Mode bei einer Agentur nur ein kleiner Bereich, der aber sehr gut gedruckt wird. Aber ich glaube, und das sehe ich auch bei den anderen Agenturen, dass in den vergangenen Jahren die Wichtigkeit von Mode zugenommen hat. Der ganze Themenbereich Lifestyle ist einfach nicht mehr wegzudenken. Im Moment beobachte ich allerdings, dass allgemein ein bisschen weniger über Mode reflektiert wird. Das hat etwas mit unseren Zeiten zu tun, wird aber auch bald wieder zunehmen.

Was unterscheidet Ihre Arbeit als Journalistin bei einer Nachrichtenagentur von der einer Modejournalistin, die bei einem Special-Interest-Magazin arbeitet?

Schütte: Zum einen arbeite ich aktueller. Außerdem bin ich einer starken Objektivität verpflichtet. Es gibt Themen, die ich gar nicht machen kann, weil sie einen zu subjektiven Blickpunkt einnehmen. Dafür bin ich in keiner Weise einem Anzeigenkunden verpflichtet. Ich glaube, dass für die Mitarbeiter der Special-Interest-Magazine das Thema Anzeigenkunden immer ein wenig im Raum steht, auch wenn sie sich um Objektivität bemühen. Im Gegenzug kann ich nicht ganz so ausführlich schreiben und muss sachlicher berichten. Aber insgesamt sind das alles Punkte, die mich ganz glücklich machen. Es ist auch schön, diese gewisse Distanz wahren zu müssen, zu der wir Agentur-, und das gilt auch für die Tageszeitungsjournalisten, gehalten sind.

Haute-Couture-Schau 2009 in Paris: Presseleute reißen sich um die Kreationen des libanesischen Modedesigners Elie Saab.

Wie wird man eigentlich Modekorrespondentin bei einer Nachrichtenagentur?

Schütte: Das kann man nicht allgemeingültig beantworten. Ich bin da eigentlich hinein gerutscht, weil ich nebenbei für die dpa gearbeitet habe. Die Agentur hatte damals diese unglaublich tolle Modekorrespondentin Karla Eckert, vor der ich einen wahnsinnigen Respekt hatte und bis heute habe. Leider ist sie vor ein paar Jahren gestorben. Sie merkte, dass ich modeinteressiert bin, und hat mich sozusagen adoptiert. Unsere Zusammenarbeit fing an, als ich einen Artikel über Brüsseler/Antwerpener Designer schreiben wollte. So kam ich bei der dpa zur Mode. Andere Werdegänge sehen bestimmt ganz anders aus. Meine Kolleginnen von AP oder AFP, die ich öfters bei Modenschauen in Paris treffe, sind in der Regel auch keine Frauen, die Mode studiert haben. Letztere werden eher Moderedakteurinnen. Die Agentur-Mitarbeiterinnen kommen eher aus dem Journalismus.

Welche Eigenschaften braucht eine Modejournalistin?

Schütte: Sie braucht einen Sinn für Ästhetik. Sie muss ein schnelles Auge haben, also wirklich zügig erkennen, was Trend wird. Sie muss auch in etwas größeren Zusammenhängen jenseits von Mode denken können, damit sie Mode auch übertragen kann. Sie muss passgenau formulieren können und gleichzeitig – und dies ist meiner Meinung nach enorm wichtig – eine große Liebe zur Mode haben. Sie darf aber keinesfalls ein "Fashion Victim" werden, denn dann fehlt ihr die nötige Distanz. Und sie darf niemals in Zynismus verfallen und die Mode für ein großes lustiges Spektakel halten.

Kreation aus der Haute-Couture-Kollektion von Chanel (Herbst 2008).

Viele hegen Vorurteile gegen die Modeberichterstattung. Haben Sie manchmal das Gefühl, nicht dieselbe Beachtung zu bekommen wie beispielsweise Kollegen aus der Politik?

Schütte: Als Modemensch fühlt man sich natürlich ab und zu wie ein Paradiesvogel – nett gesagt. Etwas boshafter ausgedrückt, wie jemand, der die Narrenkappe auf hat. Innerhalb der dpa habe ich dieses Gefühl zum Glück nie vermittelt bekommen. Aber innerhalb größerer Kreise von Journalisten schon. Als Modejournalist hat man nicht so bedeutsame Themen wie jemand, der über Politik oder Wirtschaft schreibt. Andererseits erwächst einem daraus auch eine gewisse Freiheit in der Formulierung und in der Themenwahl.

Zu welcher deutschen Tageszeitung muss man greifen, wenn man regelmäßig Artikel zum Thema Mode lesen möchte?

Schütte: Ganz klar die FAZ. Die anderen können da nicht mithalten. Die Süddeutsche hat insbesondere dank ihres Mitarbeiters Peter Bäldle auch eine gute Modeberichterstattung. Meiner Meinung ist aber die FAZ, einfach durch die hervorragende und umfassende Arbeit von Alfons Kaiser, absolut führend. Und Kaiser ist jemand, der wirklich ganz vorne an den Themen dran ist, der selber unheimlich modeinteressiert ist, der ganz ernsthaft mit Mode arbeitet, trotzdem Distanz wahrt, glänzend formulieren kann und einem das, was sich international in der Mode abspielt, aus erster Hand berichtet.

Zur Person

Stefanie Schütte wurde am 2. Dezember 1964 in Hamburg geboren. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt heute in der Nähe von Hamburg. Schütte hat Romanistik und Germanistik in Hamburg und Bologna studiert, und ist promovierte Romanistin. Seit 1996 ist Schütte als "feste freie Mitarbeiterin" offizielle dpa-Modekorrespondentin. Zuvor schrieb sie für die dpa regelmäßig über verschiedene Kulturthemen, darunter Film und Literatur. Schütte arbeitet regelmäßig für das Schweizer Modemagazin Bolero als Essayistin und hat in den vergangenen Jahren auch für verschiedene Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine, die Frankfurter Rundschau, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und den Rheinischen Merkur geschrieben.

Welchen Stellenwert hat die Modeberichterstattung Ihrer Meinung nach bei deutschen Tageszeitungen?

Schütte: Sie hat sich auf jeden Fall einen festen Platz erobert und ist nicht mehr wegzudenken aus der Berichterstattung. Ein Großteil der Modeberichterstattung findet auf den "Vermischten" Seiten statt und wenn aktuelle Großereignisse stattfinden, dann wird die Mode natürlich in den Hintergrund gedrängt. Aber sie geht ja inzwischen auch über die "Vermischten" Seiten hinaus. Mode findet teilweise im Feuilleton oder auf den Wirtschaftsseiten statt. Sie hat sich also einen festen Platz erobert und ich rechne damit, dass dieser noch größer wird in den nächsten Jahren.

Warum gibt es keine eigenen Moderessorts in den Tageszeitungen?

Schütte: Weil Mode dazu dann doch ein zu kleiner Teil ist, ein Orchideen-Fach. Mode ist ein Bereich, der nicht täglich bestückt werden kann und sicherlich auch nicht täglich bestückt werden sollte. Aber ich fände es wünschenswert, wenn man ein- bis zweimal in der Woche in den deutschen Tageszeitungen etwas über Mode lesen könnte.

Screenshot von der Startseite des Modeblogs "The Sartorialist".

Welche Rolle spielen Modeblogs in der Branche?

Schütte: Die werden immer wichtiger. Ein gutes Beispiel ist der Blog "The Sartorialist" aus New York, der erst einen Kultstatus hatte und mittlerweile über die Seiten von Condé Nast immer zu erreichen ist. Gerade wenn Schauen sind, ruft fast jeder einmal diesen Blog auf. Der ist einfach gut gemacht. Es ist witzig, wenn man dort gut angezogene Menschen sieht. Sie stellen die Entwürfe, die wir auf den Laufstegen sehen, auf eine ganz andere Art zusammen, tragen und interpretieren sie anders. Das wird auch für die Firmen immer wichtiger.

Interview: Katharina Lindner
Fotos: Stefanie Schütte; flickr.com/K Bar; ZDF (Lagerfeld zu Gast bei "Kerner"/Wolfgang Lehmann; flickr.com/Ammar Abd Rabbo, flickr.com/ maddsmadds, Screenshot "The SartoriaList": kli;
Video: YouTube/bengtenrique1/Trailer von Chanel

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 22.06.2009
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