"Mit einem Klick im prallen Leben"
Der Erziehungswissenschaftler Jakob Pastötter ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftlich relevanten Aspekten der Sexualität und will die Sexualforschung in Deutschland neu etablieren. Jabok Pastötter ist außerdem tätig an der "American Academy of clinical sexuology" als Professor und lehrt dort im Bereich Sexualforschung. Der 41-Jährige spricht im Interview über Liebe und Sexualität im Internet.

- Prof. Dr. Jakob Pastötter
Herr Pastötter, wie unterscheiden sich Männer und Frauen in Bezug auf Partnersuche?
Jakob Pastötter: Es gibt Hinweise, dass im Internet sehr viel mehr Männer nach einer Frau suchen, als umgekehrt. Zumindest, was das Sexuelle angeht. Männer sind auf schnelle Bedürfnisbefriedigung fixiert, während für die meisten Frauen die soziale Interaktion wichtiger ist, um einen Sexualpartner zu finden. Auch bereitet die Suche als solche den Männern bereits Lust. Natürlich kann man das nicht pauschalisieren, es gibt immer Ausnahmen, sowohl bei Männern als auch bei Frauen.
Warum suchen viele Männer eine jüngere Partnerin?
Pastötter: Wahrscheinlich spielen die klassischen Gründe eine Rolle: Die Evolutionsbiologie, nämlich, dass sich ein Mensch mit einem möglichst vitalen, gesunden und damit einhergehend jungen Partner vermehren will. Aber auch Bewunderung und Phantasie sind sicherlich Gründe. Außerdem gibt es etwa zehn Prozent sogenannte Viel-Sex-Haber. Wenn ein verheirateter Mann unter diese zehn Prozent fällt, seine Frau jedoch nicht, dann ist die sexuelle Frustration möglicherweise groß.
Ansonsten kann ich nur Vermutungen anstellen, es gibt kaum soziologische Studien darüber. Viele wollen sicherlich die Jugend wiederbeleben oder fühlen sich von der vermeintlichen Naivität junger Frauen angezogen – die können sie um den Finger wickeln, denken diese Männer wohl. Was allerdings ein Trugschluss ist: Junge Frauen hätten eine größere sexuelle Energie. Das stimmt nicht, denn Frauen erleben diesen Höhepunkt etwa mit 35 Jahren, weil sie sich ab diesem Alter mit ihrem Körper wohler fühlen.
Welchen Reiz macht die Virtualität des Internets aus?
Pastötter: In Bezug auf die Sexualität ist der Reiz der Verfügbarkeit für die Surfer der wichtigste. Im Internet ist man mit einem Klick im vermeintlich prallen Leben. Das Virtuelle verlangt weniger Anstrengung, um einen Sexualpartner kennen zu lernen: Man muss kein Geld ausgeben, und das eigene Verhalten hat keine Konsequenzen. Für Frauen ist es auch wichtig, dass sie durch die Anonymität geschützt sind. Sie können jederzeit das Modem ausschalten.
Kann die Virtualität die Realität ersetzen?
Pastötter: Grundsätzlich stellt man fest, dass die Grenzen zwischen virtuell und real für viele Menschen zu verschwinden scheinen. Die Frage ist aber, ob mich beispielsweise ein erotischer Chat befriedigt oder noch unglücklicher macht. Das kommt zum einen auf die Person an, variiert aber auch bei einem einzelnen Menschen je nach Situation, Tageszeit, emotionaler Verfassung. Aber wenn ich an die normale Partnersuche denke – wenn man jemanden etwa in einer Bar suchen will – dann sind die Chancen in Börsen sicherlich größer, weil man genau weiß, was man sucht und dementsprechend sortieren kann.
Interview: Kerstin Artz, Foto: Jakob Pastötter

