Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Mit Herzblut bloggen

Weblogs ergänzen den traditionellen Journalismus.

Katharina Borchert hat es von der freien Autorin und Bloggerin Lyssa zur neuen Chefredakteurin im Verlag der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung gebracht. Seit August 2006 betreut sie den Aufbau von Westeins, dem gemeinsamen Internetauftritt für vier Zeitungstitel des Medienhauses. Dort setzt sie unter anderem auf Weblogs.

Essen. Genervt beobachtet Katharina Borchert den Techniker an ihrem Laptop. Der Status als VIP in einem großen Medienunternehmen hat nicht nur Vorteile. Um ihren Laptop einzurichten, muss die Westeins-Chefin einen Techniker in ihr Büro rufen, obwohl sie das lieber selbst machen würde. Auf diesen VIP-Service kann sie gut verzichten, denn in der Netzwerktechnik macht ihr so schnell niemand etwas vor. Die Online-Chefin begeistert sich schon seit vielen Jahren für das Internet und seine Möglichkeiten. Sie hat den Trend der Weblogs früh erkannt und ist mit ihrem eigenen Online-Tagebuch Lyssas Lounge seit fünf Jahren erfolgreich.

"Anderer Wind" als in den traditionellen Medien

Katharina Borchert rät zur multimedialen Journalistenausbildung.

"In den vergangenen Jahren hat es im deutschen Pressewesen eine Entwicklung weg vom Meinungsjournalismus und hin zu den Tickern der Nachrichtenagenturen gegeben. Deshalb konnte die kleine Weblogbranche auch hier wachsen", erklärt Katharina Borchert. Subjektive Weblogs übten als Gegengewicht zum Agentur-Journalismus eine große Faszination auf Nutzer und Autoren aus, weil im Internet "ein ganz anderer, viel rauerer Wind" wehe. "Dort darf man einen Kommentar einfach mal richtig schlecht finden", so die Westeins-Chefin. In der Blogosphäre, wie Insider die Weblog-Branche nennen, wurde sie unter dem Nicknamen Lyssa bekannt. Lyssa berichtete wie alle passionierten Blogger ehrlich, ungeschminkt und nicht gerade zimperlich über Themen, die sie interessieren. Katharina Borchert warnt allerdings davor, Weblogs dem Vorwurf auszusetzen, sie seien unjournalistisch.

Verändertes Bild vom Lokaljournalisten

Für die traditionellen Presseunternehmen ist es wichtig, die wachsende Bedeutung der Onlinetagebücher und des Internets überhaupt zu nutzen, um auch eine "junge, zeitungsfern aufgewachsene Generation" zu erreichen. "Die Regionalzeitungen bieten dafür momentan den spannendsten Markt", sagt Katharina Borchert. Denn sie haben den großen Vorteil, vor Ort für ihre Leser berichten zu können. "Die Welt- und Deutschlandnachrichten liest der Nutzer schon nachmittags im Internet, hört sie auf dem Rückweg von der Arbeit im Radio und sieht sie ein drittes Mal abends im Fernsehen. Da muss er die veralteten Meldungen am nächsten Tag nicht noch in der Zeitung lesen", erklärt die Chefredakteurin. Stattdessen rückten für den Leser lokale und regionale Nachrichten in den Vordergrund, die die Zeitungen am besten liefern könnten.

"Die so genannte Hyperlocalisation im Netz, die in Amerika schon übliche Konzentration auf multimedial aufbereite Lokalgeschichten, wird das Bild des Lokaljournalisten verändern. Frei arbeitende mobile Journalisten, die Themen schnell multimedial aufbereiten, werden in regionalen und lokalen Redaktionen sehr gefragt sein", prognostiziert Katharina Borchert. Wer sich als junger Journalist unabhängig von seiner Affinität zu einem Medium für andere technische Möglichkeiten öffne, verbessere seine Chancen. Katharina Borchert empfiehlt Journalisten, sich mit dem Bloggen vertraut zu machen. Gerade für freie Mitarbeiter stellt Online-Meinungsjournalismus, verpackt in Weblogs, eine echte Chance dar.

Multimediale Alleskönner sind gefragt.
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Leserbindung durch Interaktivität

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Zur Person

Die 1972 in Wattenscheid geborene Katharina Borchert hat in Hamburg Jura und Journalistik studiert, fühlte sich bei den traditionellen Medien aber genauso wenig wohl wie mit dem theorielastigen Nebenfach. Daher konzentrierte sie sich auf ihr Hauptfach Jura und schrieb ab 1996 Artikel für ein mittlerweile eingestelltes Online-Magazin. Ab 2002 pflegte sie ihr eigenes Weblog, genannt "Lyssas Peepshow". Nachdem sie einige Jahre als freie Autorin gearbeitet hat, wurde sie von der WAZ-Mediengruppe im August 2006 als Chefredakteurin für den gemeinsamen Internetauftritt von vier Zeitungstiteln engagiert: Westeins vereint die Auftritte der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, der Westfälischen Rundschau, der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung und der Westfalenpost unter einem Dach.

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Ein weiterer Grund, der für die stärkere Einbindung des nutzerorientierten Web 2.0 in Medienhäusern spricht, sei die Schnelligkeit des Internets und die bessere Kommunikation zwischen Redakteur und Leser. Für sinnvoll hält die Westeins-Chefin in diesem Zusammenhang auch die Verknüpfung von professionellem Journalismus und Leserbeiträgen, dem "user-generated content". "Wir wollen bei Westeins keine Klick-Vieh-Farm aufbauen", sagt Katharina Borchert. Nicht nur Durchklicken, sondern Teilhaben und Kommentieren sollten die Leser ihrer Ansicht nach. Die Interaktivität des Internets könne maßgeblich zu einer größeren Leserbindung beitragen. Die Kommentierbarkeit im Netz stellt eine neue Herausforderung für sämtliche Redakteure dar, die mit den Lesern selten in Berührung kommen. Denn im Internet treffen die Journalisten kritische Lesermeinungen direkt vor einem großen Publikum.

Trennung zwischen Redakteuren und Lesern wird durchlässiger.
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Online-Journalismus ergänzt die Lokalzeitung

Trotz aller Multimedialität im Netz glaubt die Online-Chefin der WAZ aber nicht, dass die traditionelle Spezialisierung der Journalisten mit der Zeit stark an Bedeutung verlieren wird. "Man muss sich nur darüber im Klaren sein, was der Online-Journalismus kann, was die Printausgabe kann und wie sich beides sinnvoll verbinden lässt", so die Chefredakteurin. Beispielsweise durch eine Bilderstrecke im Netz, die den Bericht in der Printausgabe ergänzt. Oder durch einen kurzen Videoclip, der den Zeitungsleser mit bewegten Bildern aus seiner Heimatstadt versorgt. Dass die klassischen Berufsbilder des Journalisten auch in Zukunft Bestand haben, bezweifelt Borchert aber nicht. Darum gibt sie Nachwuchsjournalisten vor allem einen Rat: "Tut das, was ihr mit Herzblut tut." Denn ihrer Ansicht nach gebe es "nichts Schlimmeres als Journalisten, die unfreiwillig zum Bloggen gezwungen werden".

In Zukunft beide Journalismusformen.
(2,2 MB, 0:39 Min.)

Veröffentlicht: 14.03.2007
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