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Missy Magazine: Emmas Erbin?!

Das Redaktionsteam (v. li. n. re.): Sonja Eismann, Chris Köver und Stefanie Lohaus.

Berlin. Frauen sind eine einzige Problemzone. Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man durch die Stapel einschlägiger Magazine im Zeitschriftenhandel blättert. Seit Ende Oktober gibt es einen weiteren Titel mit weiblicher Zielgruppe. Doch statt um das richtige Make-up, die besten Diät-Tipps und die neusten Stylings hat das Missy Magazine einen anderen Anspruch: Es will über Popkultur aus feministischer Perspektive berichten.

Das Interesse an der ersten Missy war groß. Mittlerweile ist der Erstling vergriffen. "Wir wollen das Heft lesen und mit dem Gefühl zuklappen können, dass wir super sind, alles erreichen können und jetzt sofort damit anfangen müssen", so der Anspruch des Redaktionsteams um die Journalistinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Stefanie Lohaus. Hat das Team nur für sich geschrieben? Oder stellt sich nach der Lektüre auch bei uns restlichen Frauen dieses Gefühl von Großartigkeit ein? Beim Durchlesen muss die unvoreingenommene Leserin zumindest feststellen, dass in diesem Magazin vieles anders ist.

Sieg beim Hobnox Evolution Contest

Dass die Leserinnen Missy Magazine überhaupt in den Händen halten können, liegt nicht zuletzt am Sieg der Missy-Gründerinnen beim Hobnox Evolution Contest. Sonja Eismann, Chris Köver und Stefanie Lohaus überzeugten die User der Internetplattform Hobnox von ihrer Idee eines feministischen Magazins für Popkultur und konnten 25 000 Euro Startkapital abholen. In einem der Videokanäle der Hobnox-Plattform erschien folgendes Video über Missy:

Von Tantra bis zur Genitalverstümmelung

Missy: Auch für Frauen, die statt Make-up gerne mal Bart tragen.

Schon das Cover spiegelt das Selbstverständnis der neuen Feministinnen wieder: Statt photoshop-retuschierter Perfektion schauen wir auf spröde, pflegebedürftige Lippen. "Missy berichtet von anderen Frauen, die Musik machen, Filme drehen, die Welt retten oder auf andere Arten fantastisch sind" – und dabei auch dem gängigen Schönheitsideal nicht entsprechen müssen. Doch bei allem feministischen Hintergrund: Mit dem Traditionsblatt Emma hat Missy nur wenig gemein. Das Magazin ist jünger und popkultureller. Locker und lebensbejahend kommt es daher. Zwar werden auch ernste Themen angesprochen, doch ohne erhobenen Zeigefinger. Emma hat Nachwuchs bekommen. Keine Konkurrenz.

In Missy treffen Artikel über Genitalverstümmelungen in Burkina-Faso auf "Nachrichten aus der Intimzone". Überhaupt lernt man, dass Überschriften à la "Aua oder oahh" (über einer Tantra-Geschichte) oder "Die Finger in der Nase lassen" nicht ausschließen, dass es in diesem Magazin auch Niveauvolles zu lesen gibt. Man mag manches zu provokant oder wild finden, die neuen Feministinnen würden wohl sagen, dass junge Frauen heute einfach so sind. Und sie haben recht. Stört man sich nicht am direkten Tonfall, entdeckt man eine bunte Themen-Mischung – so vielfältig wie Frauen selbst. Wenn erklärt wird, wie sich frau gekonnt einen Bart klebt oder bissig über die Last des Abstillens geschrieben wird, dürfen sich Hetero- und Homofrauen angesprochen fühlen.

Missy Magazine - Die Fakten

Herausgeberinnen: Sonja Eismann, Stefanie Lohaus, Chris Köver

Redaktion: s. o.

Verlag: Selbstverlag

Auflage: 15.000 Exemplare

Erscheinungsweise: vierteljährlich

Preis: 3,80 Euro

Auszeichnungen: Gewinner des Hobnox Evolution Contests

91 Seiten Obstsalat

Hübschhässlich: Viele Fotos sind weit weg vom Mainstream.

Der Feminismus springt der Leserin im Gespräch mit Dietmar Dath und Caroline Peters (bekanntere Gesichter hätten dem Magazin zum Start gut getan) förmlich entgegen, dann tritt er jedoch wohltuend in den Hintergrund: Beim Rezept zur L-Word-Serie, den Reisetipps oder den Erklärungen der DJane Vera darf die Leserin verschnaufen. Nicht jede Geschichte reißt zu Begeisterungsstürmen hin: Muss ich lesen, wie sich die Autorin mit ihrer Mutter über deren Vergangenheit unterhält? Und wer Paris Geller nicht kennt, den sollte man beglückwünschen statt aufzuklären!

Zum Endspurt bietet die Missy zwölf Seiten Kultur. Wer sein Leben ohne CDs, Kinobesuche und Sinn für darstellende Kunst bestreitet, wird sich wohl ernsthaft überlegen, ob sich die fünf Euro Kaufpreis lohnen. Die restlichen 99 Prozent dürfen sich über viele gute Geheimtipps freuen. Farblich abgesetzt, damit man beim Hineinschmökern nicht zu lange suchen muss.

Nach 91 Seiten endet dann der feministische Ausflug in die Popkultur. Fast ist Missy eher Buch als Zeitschrift. Warum nicht den Seitenumfang radikal reduzieren? Erst dann würde sich wirklich zeigen, welches Profil Missy sich geben will. So aber erinnert das Heft an Obstsalat: Es ist bunt und bietet von jedem ein bisschen. Manchmal sind weniger Zutaten allerdings mehr. Und doch: Die erste Verkostung von Missy macht Lust auf mehr. Am 16. Februar kommt die zweite Ausgabe des Magazins in den Handel. Vitamine für Frauenköpfe.

Veröffentlicht: 26.01.2009
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