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Tagung

Mission: Lesernähe!

Ganz nah am Leser sein: Das will die "Bürgerzeitung". Also nehmen Leser an Redaktionskonferenzen teil und führen Interviews mit Prominenten. Mit der Kritik der Bürger beschäftigt sich ein Ombudsrat. Das Konzept der Braunschweiger Zeitung ist nicht neu. Nur neu umgesetzt. Das Ergebnis gibt den Zeitungsmachern recht.

Stärker einbinden: Leser bei einer Redaktionskonferenz der BZ.

Dortmund. "Sind Sie ein glücklicher Mensch?" Die Frage richtet sich an Stefan Kläsener. Unglücklich wirkt der kommissarische Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung (BZ) jedenfalls nicht. Dazu hat er auch keinen Grund. Denn er ist nach Dortmund gekommen, um auf der Tagung zur Zukunft des Lokaljournalismus von der Bürgerzeitung als innovatives Konzept zu berichten.

Seitdem die Auflagenzahlen vieler Zeitungen rückläufig sind, überlegen die Zeitungsmacher, woran es liegt. Eine Erkenntnis: Die Zeitungen sind zu weit weg vom Leser, seinen Interessen, seinen Bedürfnissen, seinem Alltag. So ging es auch der Braunschweiger Zeitung. Kontinuierlich verlor das Blatt Abonnenten und somit an Auflage, bis die Zeitungsmacher schließlich das Konzept neu überdachten. Heraus kam die "Bürgerzeitung".

Die "Bürgerzeitung" ist kein Bürgerjournalismus

Chef der "Bürgerzeitung": Stefan Kläsener.

Der Name haftet der Braunschweiger Zeitung an, seit sie mit ihrem Konzept 2008 den Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung gewonnen hat. Dabei "klingt Bürgerzeitung ein bisschen behäbig", sagt Kläsener. Und fasst die Idee der Braunschweiger auch nicht ganz. Denn die "Bürgerzeitung" ist kein Bürgerjournalismus, sondern eine Zeitung für Bürger. Sollte das eine Zeitung nicht immer sein? Erst recht eine Lokalzeitung? Ja, das sollte sie. Also ist das Konzept ganz und gar nicht neu. Die BZ hat sich nur an Grundsätze erinnert und versucht mit rund 50 Elementen, die Leser mehr in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen oder sie unmittelbar einzubeziehen.

Viele der Elemente sind altbekannt, beispielsweise die Leserbriefe. Aber sie werden modern aufbereitet: Beispielsweise beklagten sich mehrere Leser über die ausführliche Berichterstattung über Sigmar Gabriel. Zu SPD-lastig seien die Berichte. Eine Beschwerde, mit der sich auch der Ombudsrat der Braunschweiger Zeitung beschäftigte. Auf einer Seite der Zeitung wurde der Vorgang abgedruckt: Die Beschwerde des Lesers, die Stellungnahme des Redakteurs, die Meinung des Ombutsrates. Heraus kommen in solchen Fällen "keine klaren Ergebnisse, aber die Diskussion wird transparenter", sagt Kläsener. Der Leser wird also einbezogen in den Prozess, kann ihn in der Zeitung nachvollziehen, findet sich wieder und fühlt sich ernst genommen. Und das ist gut. Das zeigen auch die Reaktionen: Die Zahl der Leserbriefe hat sich in den vergangenen vier Jahren verfünffacht.

Immer dienstags auf der Seite drei: Leserinterviews

Mit einer Auflage von rund 150.000 Exemplaren ist die Braunschweiger Zeitung die zweitgrößte Zeitung in Niedersachsen. Sie erscheint mit sieben Lokalausgaben unter den zusätzlichen Titeln Salzgitter-Zeitung und Wolfsburger Nachrichten. Seit 2007 gehört die BZ zur WAZ-Mediengruppe.

Ein weiteres Beispiel: Immer dienstags ist die Seite drei der Zeitung reserviert. Für das Leserinterview. Einige ausgewählte Bürger dürfen dabei ihre Fragen an Prominente richten: Anfang Januar war es der Autor Martin Sonneborn. Trotzdem bleibt die letzte Instanz ein Journalist. Denn die Leser, die das Interview führen dürfen, werden von den Redakteuren ausgesucht. Noch ein Beispiel: die Leserkonferenzen. Vier Mal im Jahr werden einige Bürger eingeladen, um an den den Konferenzen teilzunehmen, zu kritisieren, zu diskutieren. Das Prinzip, das hinter allen Bausteinen steckt: Lesernähe schaffen.

Der Name ist ein bisschen altmodisch

Ausgezeichnet: die "Bürgerzeitung".

Nein, neu ist das Konzept der "Bürgerzeitung" nicht. Und ja, der Name, der sich da eingeschlichen hat, ist doch ein wenig altmodisch. Neue Leser, junge Leser, lassen sich damit wohl nicht vom Computerbildschirm weglocken. Dafür lassen sich aber alte Leser binden. Ein bisschen glücklich kann sich der Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung also schätzen. Denn die Zeitung setzt das um, was eigentlich alle in der Branche wissen: Sie schafft Lesernähe. Besonders gelungen ist die Aufarbeitung per Ombudsrat. Klar ist: Wer lässt sich schon gerne kritisieren - und das auch noch öffentlich? Klar ist aber auch: Nur durch Kritik wird man besser. Das gilt eben auch für Zeitungen.

Text: Maike Freund, Christin Otto & Nora Weis
Fotos: Braunschweiger Zeitung, Maike Freund

Veröffentlicht: 29.01.2010
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