Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Mediendemokratie

Millionen Opfer, kein Bericht

Jedes Jahr veröffentlicht das Project Censored 25 in den US-Medien nicht beachtete, brisante Recherchen. Reaktion der etablierten Medienkonzerne? Keine. Eine Geschichte über Lücken in der Berichterstattung - auch in Deutschland.

Über eine Million zivile Opfer hat der Irak-Krieg seit 2003 gefordert. Und über die Hälfte sind unmittelbar durch amerikanische Angriffe ums Leben gekommen. Doch statt auf die Recherchen des Project Censored einzugehen und über die Millionen Toten im Irak zu berichten, veröffentlichte die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) eine Gegengeschichte: Seit 2005 seien 87.000 Tote Iraker zu betrauern, dies habe AP von einer geheimen Quelle aus der Irakischen Regierung erfahren.

Warum diese kritischen Fakten von den etablierten US-Medien nicht erwähnt werden, lässt sich nur vermuten. Für Peter Phillips, Professor an der Sonoma State University in Kalifornien und bis vor kurzem Chef des Project Censored, sind die Gründe vielfältig. Der Großteil der amerikanischen Medien sei mittlerweile in wenigen großen Konzernen vereint, die mit Wirtschaft und Politik eng verbunden sind. Und während die Anzahl der Mitarbeiter von PR-Firmen in den letzten zehn Jahren immer weiter angestiegen sei, würden die Stellen für Reporter immer weiter heruntergefahren.

Disneyland statt harte Realität

Peter Phillips am Institut für Journalistik in Dortmund.

Die Recherchen der Medien seien deshalb zunehmend lückenhaft. Deutlich schlimmer noch als zur Gründung der Initiative vor gut drei Jahrzehnten. TV-Nachrichten der großen Sender CNN, NBC oder Fox vergleicht Phillips gar mit einem Besuch in Disneyland: Hyperreal, eine Art Gegenwelt, als sei man selbst nicht betroffen. Besonders emotional, aber ohne Fakten. Ein Beispiel unter vielen: der erste Golfkrieg, inszeniert als Spektakel. "Die Leute wissen nicht mehr, was die Mächtigen tun", sagt Phillips. Und dies sei nicht mehr nur eine Medien-, sondern längst eine politische Krise.

Hört man dem Soziologie-Professor und seinen zahlreichen Geschichten zu, denkt man unwillkürlich an den Film "Wag the Dog": Weil der amerikanische Präsident in einen Sex-Skandal mit einer minderjährigen Schülerin verwickelt ist, inszenieren seine Berater in dem Ende der Neunziger produzierten Film einen fiktiven Krieg mit Albanien - und Medien wie Öffentlichkeit fallen darauf herein.

Dagegen ein Beispiel aus dem wahren Leben: Vor sechs Jahren informierte ein irakisches Krankenhaus die US-Armee über die anstehende Auslieferung der verletzten Soldatin Jessica Lynch. Doch statt das freundliche Transport-Angebot anzunehmen, inszenierten PR-Berater des Pentagons eine dramatische Befreiungsaktion. Begleitet von Filmteams drangen US-Militärs in das Krankenhaus ein und taten so, als müssten sie Lynch gewaltsam befreien. Die erfundene Heldengeschichte dominierte in den folgenden Tagen die Medien und wurde erst später aufgedeckt.

Gegen irreführende PR

Um diese irreführenden PR-Geschichten zu widerlegen und anderen, nicht-veröffentlichten Geschichten mehr Aufmerksamkeit zu geben, gründete Carl Jensen 1976 das Project Censored. Mittlerweile arbeiten jedes Jahr etwa 60 Studenten sowie zusätzlich zahlreiche Uni-Mitarbeiter und freiwillige Helfer für die Initiative. Der Jahresetat beträgt etwa 150.000 Euro. Teils aus Geldern der Universität, teils aus Spenden. Jahr für Jahr kürt das Project Censored aus bis zu 1.000 Hinweisen ihre "Top 25 Censored Stories" und veröffentlicht diese in einem Buch zusamm mit Hintergrundberichten, weiteren Recherchen und sogar Comics.

Initiative Nachrichtenaufklärung

Horst Pöttker

Obwohl einige Geschichten auch das Ausland betreffen, fokussieren sich die Geschichten auf die USA. Aber auch in Deutschland gibt es eine Art Project Censored, die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA). Peter Ludes, inzwischen Professor an der Jacobs University Bremen, hatte die Idee aus Amerika mitgebracht. Seit 2002 ist Horst Pöttker, Journalistik-Professor an der Uni Dortmund, sein Nachfolger als Chef der Initiative.

Mit dem Project Censored steht die deutsche Initiative in ständigem Kontakt, dennoch gibt es Unterschiede. "Wir schauen nicht nur auf äußere Einflüsse, sondern auch darauf, was innerhalb des Journalismus dazu führt, dass Themen vernachlässigt werden", sagt Pöttker. Das Project Censored sei aggressiver in seiner Recherche und seinem Auftreten, was sicherlich auch mit den verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen zusammenhänge.

Horst Pöttker: "Amerika hat größere soziale Probleme"

Das Budget der INA beträgt etwa ein Zehntel der amerikanischen Finanzen, aber es gehen auch nur etwa ein Zehntel so viele Themenhinweise ein. Studenten der Universität Dortmund recherchieren die vorgeschlagenen Themen auf Glaubwürdigkeit, Richtigkeit und Vernachlässigung. Einmal im Jahr kommt eine Jury aus Wissenschaftlern und Journalisten zusammen und kürt aus den recherchierten Geschichten die relevantesten zehn Themen. So werden auch Studenten in der Recherche geschult. Ähnlich dem amerikanischen Project Censored, wobei die universitäre Ausbildung der Journalisten in Amerika laut Pöttker einen ganz anderen Stellenwert hat.

Horst Pöttker: "Unterschiedliche Ausbildung"

Erst vor wenigen Tagen hat die Initiative Nachrichtenaufklärung ihre Top Zehn des Jahres 2009 vorgestellt. Darunter finden sich Themen wie illegale Zwangseinweisungen in Psychatrien, die rechtswidrige Anwendung von Polizeigewalt oder die mangelnde Kontrolle deutscher Rüstungsexporte. Auch in Deutschland werden einige Themen vom allergrößten Teil der Medien ganz einfach links liegen gelassen.

Text, Fotos und Audios: Daniel Drepper

Veröffentlicht: 15.02.2010
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