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Migration und Medien: Wann kehrt endlich Normalität ein?

"Der Türke" verkauft Gemüse, während seine verschleierte Frau zu Hause Tee kocht: ein klischeehaftes Migrantenbild, das die Medien nicht selten vermitteln. Auf einer Fachkonferenz in Berlin haben Experten über Integration, Normalität und die Rolle der Medien diskutiert.

Foto: flickr.com/mikko_l
Klischeehafte Migrantenbilder sind in den Medien keine Seltenheit.

Berlin. "Draußen? Drinnen? Dazwischen? Migration und Medien: eine offene Beziehung", unter diesem Motto haben das Adolf-Grimme-Institut und die Bundeszentrale für politische Bildung zu einer Tagung über Klischees im deutschen Fernsehen, die Rolle von Politik und Medien und die Wirkung von Ethnomedien eingeladen. Vor allem die muttersprachlichen Medien sind bislang kaum untersucht worden. Lediglich mit den türkischen Ethnomedien haben sich einige Wissenschaftler beschäftigt.

"Nach älteren Forschungsergebnissen aus der zweiten Hälfte der 90er Jahre haben türkischen Ethnomedien eine nationalistische, islamistische und türkeizentrierte Gesinnung", erklärt Soziologie-Professor Rainer Geißler von der Universität Siegen. Sie seien demnach auch nicht integrationswilliger als deutsche Medien. Da Mediensysteme aber viel dynamischer seien als die Forschung, könnten diese Ergebnisse nicht ohne Vorbehalte auf die Gegenwart übertragen werden.

Ethnomedien

Ethnomedien sind Medienangebote, die sich speziell an zugewanderte ethnische Gruppen richten, manchmal auch gleichzeitig an Deutsche. Sie werden häufig in den Herkunftsländern, seltener in Deutschland hergestellt und sind meist in der Herkunftssprache, ab und zu auch zwei- oder mehrsprachig oder auch auf Deutsch verfasst.

Ethnomedien erzeugen keine "Medienghettos"

Foto: Anis Micijevic
Rainer Geißler befürwortet muttersprachliche Ethnomedien.

Eine neue Studie, an der Geißler zusammen mit dem Dortmunder Journalistik-Professor Horst Pöttker arbeitet, macht deutlich, dass die Nutzung von Ethnomedien keine "ethnischen Medienghettos" schafft. Als "Medienghettos" werden gesellschaftliche Milieus bezeichnet, in denen die Migranten kaum oder gar keine deutschen Medienangebote nutzen und sich somit schwieriger integrieren können, da sie die deutsche Sprache weniger schnell erlernen oder sich nicht mit der deutschen Kultur auseinandersetzen.

"Die meisten Migranten haben aber eine vielfältige Mediennutzung, genauso wie sie vielfältige Identitäten haben", so Geißler. Er sieht die Ethnomedien als Brücke zur Heimat, die vor allem emotional auf die Migranten wirkt.

Rainer Geißler: Warum muttersprachliche Medien notwendig sind (0:14 min, 228 KB)

Die Vertreter der muttersprachlichen Medien selbst empfinden ihr Produkt auch nicht als integrationshemmend. Sie sehen das Problem woanders: "Es ist doch so, dass türkischstämmige Kinder in der Schule gefragt werden, wie es in der Türkei sei, selbst wenn sie noch nie da gewesen sind. Hinzu kommt, dass es für nachfolgende Generationen sehr schwer ist, sich zu Deutschland zu bekennen, da sie nicht in einen Konflikt mit ihren Eltern geraten möchten, die sich in erster Linie mit der Türkei identifizieren", so Süleyman Bag, Redaktionsleiter bei der Zaman Media GmbH.

Schwierige Zusammenarbeit zwischen deutschen und Ethnomedien

Foto: Anis Micijevic
Kenan Kubilay beschwert sich über die Zusammenarbeit mit deutschen Sendern.

Kenan Kubilay, Geschäftsführer der Ihlas Media & Trade Center GmbH, kritisiert die Zusammenarbeit mit deutschen Medien: "Wir wollten ein zweisprachiges Programm anbieten und sowohl türkische Filme mit deutschen Untertiteln als auch deutsche Filme mit türkischen Untertiteln zeigen. Aber die deutschen Sender verlangten zwischen 30.000 und 40.000 Euro pro Film und das konnten wir nicht bezahlen." Er selbst habe kein Rezept, um diese Probleme zu lösen.

Als positives Beispiel unter den Ethnomedien gilt das junge, interkulturelle, deutschsprachige Frauenmagazin Gazelle. Chefredakteurin Sineb El Masrar will "weg von Ethno und Abgrenzung". Sie geht davon aus, dass deutsche Frauen gerne Reportagen lesen und Frauen mit Migrationshintergrund Kochrezepte mögen. So mischt sie in der Gazelle beides, um die Leserinnenkreise zu vereinen. Allerdings ist die Gazelle derzeit noch eigenfinanziert und hat Probleme, sich gegen die harte Konkurrenz auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt zu behaupten. Deswegen wird das Magazin nur in Bahnhofsbuchhandlungen oder Flughäfen von Großstädten vertrieben und ist auf Spenden angewiesen.

Öffentlich-Rechtliche bemühen sich um Integration

"Unter den deutschen Medien sind vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zur medialen Integration verpflichtet", findet Rainer Geißler. Dieser wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe sind sich die Sender durchaus bewusst. "Es wird so getan, als ob die Medien erst jetzt das Thema für sich entdeckten", so Karl-Heinz Meier-Braun, Leiter der Fachredaktion SWR International. "Wir haben einen Migrantenvertreter im Rundfunkrat des SWR; wir haben seit 20 Jahren einen Integrationsbeauftragten und wir haben eine Migrantenquote bei der journalistischen Ausbildung."

Dunja Hayali, Co-Moderatorin im "heute-journal", sieht die Migrantenquote kritisch. (0:16 min, 267 KB)

Reinold Hartmann vom ZDF lässt in "Forum am Freitag" Muslime miteinander debattieren. Die Sendung lief zunächst nur im Internet, nun auch im ZDF-Infokanal über Satellit. "Anfangs wurden wir als Moscheesender proklamiert", sagt Hartmann. Er wollte aber den Wünschen der Migranten Rechnung tragen, die auch einmal selbst in den Medien aktiv werden und ihre Probleme kundtun wollten, anstatt nur zu reagieren. Vor allem nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hätten sich viele in einer Rolle gesehen, in der sie sich ständig vor allen rechtfertigen müssten.

Private wollen Migration nicht pushen

Foto: Anis Micijevic
Birgit Brandes setzt bei Pro Sieben keinen Schwerpunkt auf Integration.

Private Sender sind hier deutlich verhaltener, auch weil sie viel mehr als die öffentlich-rechtlichen Sender von der Quote abhängig sind. "Formate müssen zum Sender passen. Und ein Großteil unserer Zuschauer ist einfach deutsch. Wir vernachlässigen das Thema nicht, aber wir pushen es auch nicht besonders", so Birgit Brandes, stellvertretende Redaktionsleiterin Deutsche Fiction bei Pro Sieben.

Das große Problem der Privatsender ist vor allem, dass sie gar nicht genau wissen, von wie vielen Migranten sie überhaupt gesehen werden. "Es müssen endlich auch Leute, die keinen deutschen Pass haben, repräsentativ in die Quotenmessung der IFK aufgenommen werden", fordert Tobias Schmid, medienpolitischer Leiter von RTL. Erst dann könne man weitere Details planen.

Ganz im Sinne der Privatsender argumentiert auch Imran Ayata von der A&B ONE Kommunikationsagentur: Er setzt den Klischeevorwürfen nüchtern entgegen, dass Fernsehen Klischees brauche, um eine breite Nutzerschicht zu erreichen. "Gewisse Quotengrenzen kann man nicht leugnen. Klischees transportieren Emotionen und Emotionen bringen Quote, so die einfache Rechnung."

Journalistin Ferda Ataman über die Gefahr von Stereotypen (0:12 min, 202 KB)

Die Medien allein reichen nicht aus

Rainer Geißler wünscht sich, dass Integration nicht nur als Modethema, sondern als klassisches gesellschaftspolitisches Thema präsent bleibt. Es sei immer noch die Politik, die für die wichtigen Rahmenbedingungen zuständig ist. "Und bei aller Dramatisierung haben die Medien nur ein eingeschränktes Wirkungspotenzial." Auch Lale Akgün, die SPD-Islambeauftragte im Bundestag, ist wenig optimistisch. "Es wird noch lange Zeit brauchen, bis wir das unsägliche Wort ’Mensch mit Migrationshintergrund’ aus unserem Wortschatz verbannt haben und stattdessen nur noch von ’Bürgern’ sprechen."

Und das sei nicht die einzige Herausforderung: "Ich werde im Bundestag von Kollegen oft gefragt, ob ich den und den kenne. Wenn ich 'Nein' sage, werde ich nur ungläubig angeglotzt. Er sei doch schließlich auch Türke, meinen sie dann." Akgün als Psychologin und Therapeutin sei dann aber ganz geduldig und erkläre ihren Kollegen, dass es in Deutschland mehr Türkischstämmige gebe als in Mazedonien Einwohner und da würden sich schließlich auch nicht alle kennen.

Bei allem Engagement bleibt Lale Akgün aber realistisch: "Politik kann nicht die Medien steuern, Medien allein aber auch nicht integrativ wirken."

Karl-Heinz Meier-Braun von SWR International ist anderer Meinung: "Wir haben eine Wächterfunktion in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit, was sehr wichtig ist. Die Medien, vor allem die öffentlich-rechtlichen, haben die Politik erst dazu bewegt, Deutschland als Einwanderungsland anzusehen."

Integration: in Politik und Medien ein großes Thema

Das Thema Integration hat sich inzwischen sowohl in der Politik als auch in der Medienlandschaft fest etabliert – in der Politik zuletzt in Form des Nationalen Integrationsplans, der auf Bund-, Länder- und Kommunenebene eine nachhaltige Integrationspolitik verfolgt und mehr als 400 konkrete Maßnahmen benennt. Dazu zählen unter anderem die Erhöhung der Stundenzahl der Integrationskurse von 600 auf 900, die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien sowie die Zusage der Wirtschaftsverbände, jungen Migrantinnen und Migranten bessere Ausbildungschancen zu gewähren.

In den Medien hat zuletzt die WDR-Studie zur Mediennutzung von Migranten eine besondere Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt. Forscher haben bei den Migranten eine gleichberechtigte Nutzung von deutschen und muttersprachlichen Medienangeboten festgestellt.

Text: Anis Micijevic
Fotos: flickr.com/mikko_l; Anis Micijevic; Teaserfoto: flickr.com/Gérôme

Veröffentlicht: 30.01.2008
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