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"Mich hat diese Welt gefangen"

Obwohl die Welt von Second Life nicht fassbar ist, steckt in ihr jede Menge Sinnlichkeit. Das beweist Giselle Bleac. Sie ist Avatarfotografin und glücklich über die Möglichkeit, Kunst schaffen zu können. Mit ihrem virtuellen Partner hat die selbst ernannte Suchtnudel zudem "die perfekte Harmonie" gefunden - und dafür viele Nächte durchgemacht.

Idylle voller Schönheit: Auf der Insel Midsomer entstand Giselles Wunsch, Fotografin zu werden.

Martin Gehr: Giselle, wie bist du auf die Idee gekommen, in Second Life Avatarfotografin zu werden?

Giselle Bleac: Als ich in SL noch kein eigenes Land hatte, war mein damaliger Lieblingsplatz unter einem Apfelbäumchen auf der Insel Midsomer. Ich lag da, schaute durch die Gegend, lauschte der fantastisch entspannenden Musik und dachte mir, dass ich diesen Moment mit einem Foto verewigen sollte. Ich habe sowieso schon ständig mit meinen Profilfotos experimentiert, und da kam mir die Idee: Wieso mache ich das nicht auch für andere? Außerdem bin ich im RL Hobbyfotografin.

Wie viele Aufträge hast du denn pro Woche?

Da ich sehr viel im RL zu tun habe und das immer vorgeht, versuche ich das auf zwei große Aufträge in der Woche zu beschränken. Falls mal ein kleinerer Auftrag, zum Beispiel nur ein oder zwei Bilder, dazwischen kommt, nehme ich das aber auch noch an.

Und was sind große Aufträge?

Stressig. :-) Ich hatte am Sonntag ein Fotoshooting, bearbeite für meine Kundin zehn Fotos plus Fotocollage plus Sedcard, und die nächsten klopfen schon an.

Hautnah: Fotoshootings im eigenen Studio

Ob Modelfotos für Agenturen oder erotische Inszenierungen für den Liebsten: Giselle liebt es, Kunst zu schaffen.

Da du von Sedcards schreibst, klingt es, als seien vor allem Models dabei. Oder gibt es auch Residents, die einfach privat ein paar Fotos machen lassen wollen, etwa um sie zu verschenken?

Große Aufträge erhalte ich eher von Models, welche mehrere unterschiedliche Bilder von sich haben möchten und eine Fotocollage für Agenturen. Die Sedcard liefert Details über den Avatar, wie SL-Alter und Erfahrung. Damit bewerben sie sich etwa für Modenschauen, auf denen Designer ihre Kleidung dem Publikum "hautnah" vorstellen möchten - wie im RL. Aber ich hatte auch schon Kunden (vor allem Frauen), die ihrem Liebsten hier mit einem erotischen Bild eine Freude machen wollten oder auch nur Avatare, die ihr Profil verschönern möchten.

Wie setzt du deine Kunden bei deinen Shootings in Szene?

Am Anfang habe ich viel mit der SL-Welt gemacht. Weil ich dort herumgereist bin und schöne Landmarks gesammelt habe, hatte ich eine gute Auswahl an Locations, zum Beispiel einen Flughafen oder einen chinesischen Garten. Dann habe ich aber festgestellt, dass ich die Avatare abstrakter in Szene setzen will. Ich fotografiere nun vor einer weißen Leinwand bei mir auf dem Land und mache den Rest komplett mit Photoshop, das heißt, ich setze Fantasiebilder oder reale Fotos hinter die Avatare und gleiche die Avatare grafisch so weit an, dass es wie echt aussieht.

Im Erdgeschoss ihres Hauses hat Giselle Bleac ihr Büro eingerichtet.

Wie siehst du dann diese "Illusion der Identität"? Macht es einen Unterschied zum RL-Fotografieren aus, bei dem man auch gerne "das Beste" aus der Atmosphäre herausholt? Es gibt Puristen, die wollen alles so natürlich lassen, wie es ist, aber es gibt auch diejenigen, die das Fotografieren in tieferen Dimensionen ausleben.

Das mit den tieferen Dimensionen hast du gut ausgedrückt. So geht es mir dabei. Ob man die Art der Fotografie zwischen RL und SL vergleichen kann, weiß ich nicht. Für mich ist das Wichtigste daran der Spaß, den mir meine Arbeit macht und dass ich Kunst schaffen kann. Kunst ist immer eine Art Illusion, ob es SL oder RL ist, ist völlig egal.

"Attraktivität ist ein Zusammenspiel vieler Faktoren"

Macht der Avatar den wirklichen Menschen attraktiver?

Nein. Schau mal: Wenn dir im RL auf der Straße eine attraktive Frau entgegenkommt ... was denkst du als erstes?

Mmh ...

Na komm. Du denkst doch sicher nicht: "Oh Mann, hat die einen tollen Charakter", oder?

Meine Augen werden leuchten. "Die ist aber schön", werde ich denken. Schöne Haare, oder das Lächeln oder die Augen. Vielleicht auch ein süßes Gesicht.

Und wenn du dich traust, diese Frau anzusprechen und es kommt nur "Was willst du denn, ich bin was besseres als du!" heraus - macht sie das dann attraktiver?

Das ist nunmal der erste Eindruck. Über den Charakter kann man erst wirklich etwas erfahren, wenn man diesen Menschen näher kennen lernt und mehr von ihm entdeckt.

Attraktivität ist nicht nur das Äußere, sondern ein Zusammenspiel aus vielen einzelnen Faktoren - im SL wie im RL.

"Schönheit ist die Summe all unserer positiven Eigenschaften." Hat mal jemand gesagt.

Passt.

Wie betrachtest du dann deine Kunden? Sind es die Figuren, die du als SL-Avatare wahrnimmst und deren Charakter in den Hintergrund tritt, oder entblättert sich beim Shooting auch der Mensch?

Entblättern wäre zu viel gesagt. Ich fotografiere einen vom Menschen erschaffenen Avatar, in dem Sehnsüchte stecken. Aber um wirklich dahinter zu sehen, kenne ich meine Kunden zu wenig. Da habe ich sehr gute Freunde hier, denen ich auch vertraue.

Wenn die Trennung der Realitäten schwierig wird

Harmonie in SL: Giselle Bleac und ihr Partner Ruven Boucher, der als Schmuckdesigner arbeitet.

Zum Beispiel deinen Lebenspartner Ruven Boucher - dein Seelenverwandter, wie du ihn im Forum von SLinside beschreibst. Kann sich so etwas, wie im RL, nur auf Dauer ergeben oder ist das sehr schnell gegangen?

Grundsätzlich ist es mir wichtig, dass RL und SL getrennt bleiben, obwohl es manchmal doch recht schwierig ist. Meinen SL-Partner kenne ich schon sehr lange. Ich habe damals angefangen, in einem Wechselbüro zu arbeiten, und da war er Außendienstmitarbeiter. Total verrückt mit roter Punkfrisur und trotzdem liebenswert. Er hat mir sehr geholfen. Wir wurden beste Freunde und naja ... es hat sich mehr entwickelt. Nun haben wir zusammen ein Land. Er ist Schmuckdesigner und ich Fotografin. Wir sind ein eingespieltes Team.

Was unternehmt ihr denn zusammen in SL?

Momentan sind wir beide sehr viel mit unserem SL-Beruf beschäftigt. Wenn ich nicht gerade in einem Shooting bin, trifft man mich sehr oft in seinem Schmuckladen an. Wir sind auch häufig bei Freunden oder gehen abends aus.

Du sagst, dass die Trennung der Realitäten "manchmal doch recht schwierig" ist. Kannst du das intensiver beschreiben? Schließlich ist eine rein virtuelle Beziehung ein Spiel mit der Illusion, eine Traumvorstellung, die in der Realität vielleicht nicht funktionieren würde.

Es ist eine geschaffene Illusion, die ich aber auf keinen Fall als oberflächlich bezeichnen würde. Es ist wirklich manchmal leichter, Gefühle und Wünsche im Chat zu beschreiben, als wenn man jemandem direkt gegenüber steht. Daher sehe ich SL als Plattform an. Jeder, der SL nur als Spiel sieht, hat sich nicht mit den Menschen hier, von denen viele einfach großartig sind, auseinandergesetzt.

Das habe ich zu Beginn auch gemerkt. Herumreisen, mal hier, mal dahin teleportieren und sich die - durchaus beeindruckenden Bauten - der Bewohner anzuschauen, macht zunächst Spaß; aber auf die Dauer fehlt in dieser Form das Ziel und damit auch der Reiz. Wann hat bei dir der Wechsel stattgefunden?

Die Möglichkeiten der Kreativität lockten Giselle ins zweite Leben, das sie einfach auf sich zukommen ließ.

Wirklich als Spiel habe ich es nie gesehen. Ich habe einen Bericht im Internet gelesen und dachte mir ... wow, das musst du dir mal anschauen. Dann hat mich diese Welt gefangen. Es ist so fantastisch, wenn man sich vorstellt, dass nur viele Menschen gemeinsam diese Welt erschaffen haben. In jedem Ort steckt Kreativität. Ich bin mit keinem Ziel hereingegangen. Vielleicht ist es das, was man tun sollte: einfach alles auf sich zukommen lassen. Menschen und Orte kennenlernen. Dann entsteht alles von allein.

Vom Tanzpodest in die Wechselstube

Du hast im Wechselbüro einen deiner ersten Jobs angetreten. Was war deine Aufgabe? An der Kasse stehen und Lindendollar austeilen?

Oh Mann, das war der langweiligste Job, den ich hier gemacht habe. Ich hatte ihn angenommen, weil ich Lindendollar brauchte. Schließlich wollte auch ich meinen Avatar meinen Vorstellungen anpassen. Ich hatte sogar einen festen Stundenlohn von 50 L$. Ich saß an einem Schreibtisch im Büro - ganz allein - und habe darauf gewartet, dass die Außendienstmitarbeiter mir Kunden vorbeibringen. Das habe ich nur zwei Tage je vier Stunden ausgehalten.

Aber dafür hast du in diesen zwei Tagen deinen Partner kennen gelernt ... hat sich doch gelohnt.

:-) ... Stimmt, und dafür bin ich sehr dankbar. Hier hat eben alles seinen Zweck.

Kannst du das auch für deinen Tanzjob unterschreiben, den du in der Disco "Red Star" angenommen hattest?

Ja, er hat mir gezeigt, wie ich auf gar keinen Fall in SL enden will - als Lustobjekt irgendwelcher Perverser, weil ich dauernd von Typen belästigt wurde.

Statt der Sucht zählt jetzt nur noch der Genuss

Du bezeichnest dich, was SL angeht, als Suchtnudel. Wie zeigt sich das? Schließlich hast du gesagt, dass das RL immer vorgeht.

Ich war bis vor zwei Wochen immer halbe Nächte hier und bin am nächsten Tag völlig übermüdet zur Arbeit. Das habe ich jetzt eingeschränkt. Da muss man wirklich vorsichtig sein. Ich habe mir jetzt eine zeitliche Grenze pro Tag gesetzt und die werde ich nicht mehr überschreiten. Damit bin ich glücklich.

Denkst du trotzdem auch tagsüber an SL - freust dich also auf den Feierabend, weil du weißt, da stehen wieder Augenblicke in SL an?

Eine Zeitlang war das wirklich extrem. Als mir die Idee mit der Avatarfotografin einfiel und ich fast parallel mit meinem SL-Partner zusammenkam, war das so viel Neues und Aufregendes auf einmal, dass ich nicht genug bekommen konnte. Aber dadurch, dass momentan in meinem RL-Job viele Neuerungen anstehen, ist das vorbei. Ich stürme auch nicht mehr direkt an den PC, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, sondern genieße die Zeit hier.

Und was genießt du am meisten? Welche größeren Wünsche hast du dir bislang in SL erfüllt?

Die perfekte Harmonie in einer Partnerschaft zu finden und eigene Entscheidungen einfach aus dem Bauch heraus treffen zu können, ohne an Geld oder Risiken denken zu müssen.

Hast du Sorge vor dem technischen Absturz? Was die Server von Linden Lab angeht, wird oft bemängelt, dass das Unternehmen nicht für genügend Stabilität sorgt. Was wäre für dich der größte Verlust?

Mein gesamtes SL-Leben. Vor allem aber meine engsten Freunde und mein Partner. Und zu wissen, dass die Energien, die man hier reingesteckt hat, verloren sind.

Giselle Bleac ist im wirklichen Leben 26 Jahre alt und arbeitet als Kauffrau.

Interview: Martin Gehr;
Fotos: Giselle Bleac/Second Life

The Beach: Ein Besuch bei Giselle und Ruven

Von Martin Gehr; 02. Juli 2007

Ein Haus am Meer mit Privatstrand und Pavillon. Und das alles für nur rund 200 Euro! Giselle Bleac und Ruven Boucher stellen in Second Life ihr Traumdomizil vor. Eine bildgewaltige Homestory. Mehr...

Veröffentlicht: 22.08.2007
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