Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Memoro.org: Youtube für die Rheumaliga

Ein Versuch, menschliche Erinnerungen digital zu konservieren, ist die Website memoro.org. Der Hybrid aus Online-Community und Videoportal will "eine Brücke zwischen den Generationen schlagen", wie Nikolai Schulz, Gründer und Betreiber des deutschen Ablegers der italienischen "Banca della Memoria" (Bank der Erinnerungen), erklärt.

Ü60-Videoportal Memoro.org.

Das im Layout an Youtube erinnernde Portal präsentiert Videos, in denen Senioren in persönlichen Anekdoten und Alltagsgeschichten ihre Lebenserfahrung mitteilen. Das erklärte Ideal: Internet- und Video-affine Jugendliche filmen ihre weniger Cyberspace-affinen Großeltern und eröffnen so der Online-Menschheit Zugang zur Weisheit der Älteren. Im Gegenzug sollen diese so an das Internet herangeführt und damit vertraut werden.

Nikolai C. Schulz

... ist seit zwei Jahren selbständiger EDV-Berater und bietet PC-Schulungen für Senioren an. Auf das Memoro-Projekt aufmerksam wurde er über einen Artikel auf Spiegel online, nahm Kontakt auf und entschloss sich schließlich, die deutsche Version aufzubauen. Das Projekt sieht er als Experiment und persönlichen Lernprozess: durch den Austausch mit älteren Menschen und das Aneignen der Videobearbeitung.

Siehe auch: Interview auf münchen.tv

In den derzeit 90 Videos von maximal zehn Minuten Länge erfährt man von den Herr- und Damenschaften Baujahr 1940 und älter primär triviale Stories aus Jugendzeiten: diverse erste Küsse, Haustier-Anekdoten, Jungenstreiche, aber auch anschauliche Details zur damaligen Sexualmoral oder Erfahrungen im Kontext des Zweiten Weltkriegs. Eingestellt werden die Clips nach redaktioneller Durchsicht sowohl von Mitgliedern der Community selbst – die deutsche Version zählt derzeit erst zehn Nasen – als auch durch die Betreiber. Im Stil von Youtube werden diese mit Tags etikettiert, und mit einer kurzen inhaltlichen Beschreibung versehen, durch die sie über Suchfunktion und eine Rubrikenauswahl (Bildung, Geschichte, Gesellschaft etc.) aufgespürt werden können.

Video: Helga Lerch – Kurze Episoden aus der Kindheit

Die Digicam als sozialer Draht von jung zu alt

Gründer der deutschen Memoro-Version: Nikolai C. Schulz

Unter den greisen Köpfen findet sich mit Ali Mitgutsch gar ein VIP-Senior. Ein paar Promis der "Rheumaliga" sollen Altergenossen, so erklärt Schulze, zum Mitmachen anregen und das vielfach bestehende Misstrauen gegenüber dem Medium abbauen: "In der Vorstellung vieler Senioren besteht das Internet nur aus Pornos und Betrügern. Zudem haben viele Ältere eine große Scheu vor der Kamera." An die Senior-Zielgruppe tastet sich Schulz über private Kontakte und Altersheime heran, während der Kontakt zu den Jugendlichen über eine Gruppe in der Social Community Facebook und über Video-Kurse an Schulen und Universitäten hergestellt werden soll: "Im Idealfall filmt der Enkel die Großeltern", sagt Schulz.

Video: Ali Mitgutsch - Osterhasen

Altersverteilung der User der italienischen Memoro-Seite "Banca della
Memoria":


Durchschnittsalter: 50,6 Jahre
Unter 30 Jahre: 11%
30-40 Jahre: 21%
40-50 Jahre: 19%
50-60 Jahre: 19%
60-70 Jahre: 15%
über 70: 17%

In der italienischen Version funktioniere das bereits – dort seien eine Reihe technisch versierter Jugendlicher in eine Art kreativen Wettstreit getreten und hätten sogar Videocollagen hochgeladen, die dokumentarisches Material einbinden. Die Community dort hat sich mit inzwischen mit über 1000 Nutzern und 700 Mitgliedern in der Facebook-Gruppe etabliert – die deutsche Seite, die erst seit November 2008 besteht, zählt bisher erst zehn registrierte Nutzer. Weitere nationale Seiten bestehen bisher für die USA, Spanien und Frankreich.

Desideratum: Sponsoren mit sozialer Ader

Die "Bank der Erinnerungen" hat ihren Ursprung in Italien und in den Köpfen der fünf ehemaligen Studenten Franco Nicola, Lorenzo Fenoglio, Valentina Vaio und Luca Novarino, die im Februar vergangenen Jahres die Memoro GmbH in Turin gründeten. Das nach eigener Aussage altruistisch motivierte Unternehmen, das mit der Provinzregierung von Cuneo und dem Verband der Italienischen Senioren-Universität Unitre kooperiert, verfolgt laut deutscher Übersetzung der Projektphilosophie folgendes Ziel: "sich durch die Beiträge von ethisch-kohärenten Sponsoren, denen im Tausch Platz und Sichtbarkeit auf der Webseite gegeben wird, finanziell selbst tragen."

Die Finanzierung soll also über Unternehmen laufen, die sich ein eigenes virtuelles und kollektives Gedächtnis erkaufen, das von ehemaligen Mitarbeitern mit gepflegt wird und über das sie ihr soziales Image aufpolieren können – in Italien beispielsweise die Brauerei Peroni. Die Gewinne reinvestiere man in soziale Projekte, langfristig strebe man aber auch an, den eigenen Lebensunterhalt zu decken, so Schulz.

Der subjektive Blick

Bei dieser Form der "Mitmach-Medialität" fällt bei vielen Videos leider vor allem eines auf: schlechte Tonqualität, ein starker Hall, die starre Kamera und ab und an das "Mhh" des Kameramenschen. In den meisten Videos kam minimalistisch eine Videokamera zum Einsatz, die einfach "draufhält", eine Nachbearbeitung erfolgte nicht. Leider senkt das, für Jugendliche, die Staccato-Schnitte à la Viva-Musikclip gewöhnt sind vermutlich noch mehr als für mich, drastisch die Attraktivität und verleitet dazu, das Video vor Ende "abzuwürgen" – zumal zusätzlich in einigen Fällen starke Dialekte die Geschichte der netten Omi in ein kaum verständliches Kauderwelsch verwandeln.
Inhaltlich fehlt auch häufig ein klarer Fokus: Wie im richtigen Leben kommen die älteren Damen und Herren von einer Anekdote zur nächsten. Relevant und interessant ist das meist nur noch für die, die eine persönliche Beziehung zum Erzählenden oder Erzählten haben – Ausnahme bilden Zeitzeugen-Berichte wie der von Dr. Inge Heinrich zur Deportation ihrer jüdischen Freundin. Ist es da nicht weniger umständlich, einfach gleich seine eigenen Verwandten mal wieder im Altenheim zu besuchen und sich die Geschichten "live" anzuhören?
Fraglich ist außerdem, ob das Projekt geeignet ist, Senioren ans Internet heranzuführen. Denn wer nicht bereits eine gewisse Affinität zum Internet hat, sondern stattdessen die genannten Berührungsängste, und wem die Kompetenz fehlt, der wird nie auf die Website stoßen. Die einzige Chance des Projekts besteht wohl tatsächlich darin, dass sich die Teens ihre Digicam greifen und Omi und Opi "abgedreht" ins Netz bringen.

Video: Dr. Inge Heinrichs – Die jüdische Freundin

Weiterführende Links:

Deutsche Memoro-Seite: www.memoro.org/de

Italienische Banca della Memoria: www.memoro.org/it

Memoro-Seite der Brauerei Peroni: www.memoro.org/it/sponsor/peroni/index.php

Text: Melina Wachtling
Teaserfoto: flickr.com/michael hogenmiller; Bilder: Screenshot memoro.org; Nikolai C. Schulz

Veröffentlicht: 09.03.2009
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Pflichtlektüre

Eldoradio

DO1 TV

Journalistik Journal

Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum