Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Mehr als eine "Linkschleuder"

Die Diplom-Journalistin Katrin Scheib hat seit rund eineinhalb Jahren mit einem Kollegen das Ruder in der Newsredaktion von DerWesten übernommen. Vorher war die Absolventin des Dortmunder Journalistik-Studiengangs unter anderem bei Welt Online, dem Deutschen Depeschendienst (ddp), dem Frankfurter Radiosender Main FM und der Neuen Ruhr / Neuen Rhein Zeitung (NRZ) aktiv. Bei DerWesten, dem Online-Portal der WAZ-Mediengruppe, hat sich die Journalistin besonders auch den Twitter-Dienst auf die Fahnen geschrieben - und das durchaus mit Erfolg. Mit Medien Monitor hat die Online-Redakteurin über den (journalistischen) Mehrwert von Twitter diskutiert.

Katrin Scheib ist Online-Chefin bei DerWesten.

Medien Monitor: Wie sehr bestimmt Twitter den Arbeitsalltag in der Redaktion von DerWesten?

Katrin Scheib: Neben dem klassischen Nachrichtengeschäft ist Twitter schon eine große Baustelle für uns. Deswegen hat jeder Redakteur bei uns am Newsdesk explizit die Aufgabe, über den Account @DerWesten zu twittern — und viele haben zusätzlich noch einen persönlichen Account. Natürlich muss man sich da immer absprechen und auch aufpassen, dass man bei den Tweets nicht doppelt — deswegen gleicht die Situation an unserem Newsdesk einer permanenten Konferenz. Neben dem klassischen Nachrichtengeschäft ist Twitter für uns also sehr wichtig. Es gibt jetzt schon rund 14.000 "Follower" (d.h. User, die den Twitter-Dienst von DerWesten.de abonniert haben; Anmerkung des Verfassers) und mittlerweile ist es so, dass die neu angemeldeten User bei Twitter häufig DerWesten vorgeschlagen bekommen; und viele User nutzen das dann auch. Dabei sind unsere Follower auch nicht zwingend aus Nordrhein-Westfalen (NRW): Wir haben — noch relativ am Anfang — an unsere User die Frage gestellt, woher sie denn eigentlich kommen. Und das Ergebnis war, dass etwas mehr als ein Drittel aus NRW kam, ein Drittel einen Bezug zu unserem Bundesland hatte — also beispielsweise früher hier gewohnt hat — und ein Drittel aus ganz anderen Ecken Deutschlands kam. Summa summarum ist es also so, dass wir durch Twitter mit unseren Lesern in direkten Kontakt treten können und der Dienst auch zahlreich genutzt wird. Deswegen ist Twitter ein wichtiger Bestandteil unseres Arbeitsalltages.

Sie gehören ja explizit zur Gruppe der Twitter-Verfechter, weil sie der Meinung sind, dass die Leserbindung — zu der Twitter beiträgt — einen journalistischen Mehrwert darstellt. Können Sie diesen Zusammenhang genauer erklären?

Meiner Meinung nach sind das Ziele, die sich verbinden lassen: Wenn ein Medium guten Journalismus macht, trägt es damit zur Leserbindung bei. Und wenn sich Journalisten in einen Dialog mit den Lesern begeben, dann bindet das die Leser nicht nur, sondern kann auch den Journalismus des Mediums verbessern. Es erfordert allerdings eine andere Haltung vom Redakteur, als er sie vielleicht gelernt hat. Es erfordert nämlich das Eingeständnis, dass man auch als Journalist täglich noch etwas dazulernen kann — und zwar vom Leser. Darum entstehen solche Phänomene wie das so genannte "Crowdsourcing", also der Ansatz, aus der Menge der Menschen, die dort draußen bei Twitter ist und uns vielleicht "followed" (d.h. den Twitter-Dienst von derwesten.de abonniert hat; Anmerkung des Verfassers), Tipps, Informationen und Hinweise zu bekommen. Das setzt natürlich eine gewisse Demut voraus, die nicht jeder hat. Wenn man diese Demut aber hat, kann Twitter sehr gut funktionieren. Wenn man allerdings auf einem hohen Ross angeritten kommt, auf dicke Hose macht und dem Leser suggeriert, dass man alles weiß, dann ist diese Haltung aus meiner Sicht nicht ganz zufriedenstellend. Natürlich sollte ein Journalist wissen, wovon er spricht; das ändert aber nichts daran, dass es dort draußen vielleicht Leute gibt, die in ihrem Fachgebiet noch viel mehr wissen. Und wenn sich ein Journalist das zu Nutzen macht, hat er gewonnen: In dem Moment, wo mir ein Leser Informationen gibt, die ich noch nicht kenne, und ich diese dann verwerte, wird mein Artikel besser. Es gibt also zum einen den journalistischen Mehrwert und zum anderen hat der Journalist einen Dialog mit einem Leser geführt, der sich dann im Gegenzug auch besser wahrgenommen fühlt.

Sehen Sie die Zukunft des Journalismus in diesem Sinne? Müssen Journalisten also gänzlich von ihrem hohen Ross absteigen und sich in den Dialog mit den Lesern und Nutzern begeben?

Ich glaube, dass dieser Umstand vielen Journalisten komplett bewusst ist und bereits ein Umdenken eingesetzt hat. Stellen Sie sich nur mal eine Lokalredaktion vor, die in einer Redaktion wie der meinigen ja quasi die Keimzelle von allem ist: Schon auf dem Level einer Stadt ist der Ort zu komplex, als dass ein Journalist alles bis in die letzte Nische wissen kann. Der Job als Journalist ist es, folgendes zu wissen: Wer ist eine gute Quelle? Wer weiß was? Wer kann was erklären? Und wie habe ich dann diese Erklärung zu gewichten und einzuordnen — stecken da eventuell gewisse Interessen und Prägungen dahinter? Das ist letztlich bei Twitter nicht anders: Der Journalist muss verstehen und akzeptieren, dass das, was er verkündet, nicht die absolute Wahrheit ist, sondern eine Annäherung. Objektivität kann er erreichen und anschließend kann er das, was er als Feedback von den Lesern und Nutzern bekommt, dazu nutzen, sich einem möglichst vollständigen und fundierten Bild anzunähern. Aber zur ganzen Thematik "Zukunft des Journalismus": Ich halte Twitter nicht für revolutionär — aber für sehr nützlich.

Sie glauben also nicht, dass Twitter den Journalismus verändern wird?

Twitter wird Journalismus nicht revolutionieren — aber vielleicht reformieren! Denn: Ob Twitter in einem Jahr noch da, tot oder ob etwas ganz anderes daraus gewachsen ist, das kann niemand wissen! Natürlich habe ich da persönlich ein, zwei Meinungen dazu — aber keine, auf die ich mehr als fünf Euro wetten würde [lacht]. Das finde ich aber auch legitim und es enthebt mich in keinem Fall — egal, wie es ausgeht — von der Pflicht, mich damit auseinanderzusetzen. Ganz einfach deshalb, weil Twitter für einen nennenswerten Teil meiner Nutzer mit deren Leben zu tun hat und in diesem Moment habe ich als Medium auch dort vor Ort zu sein. Es steht mir frei, ob ich das gut finde oder richtig daneben - aber ich muss mich damit beschäftigen. Dünkel ist an dieser Stelle keine Option.

In einem früheren Interview (mit Thomas Mrazek von drehscheibe.org; Anmerkung des Verfassers) sagten Sie, Twitter werde bei DerWesten nur vereinzelt zur Recherche genutzt — hat sich diese Einschätzung in der Zwischenzeit verändert?

Nein, ich denke, das steht noch so. Es gibt zwar immer mal wieder Fälle, bei denen Twitter als wichtigste Recherchequelle genutzt wird; ein Beispiel ist der Einsturz des Kölner Stadtarchivs, wo ein User von seinem Balkon in Köln aus einen guten Blick auf das Geschehen hatte und uns mit Berichten und Fotos versorgen konnte. Es ist aber nicht so, dass wir Twitter jeden Tag zur Recherche nutzen. Wir nutzen den Dienst schon sehr regelmäßig zum "Hineinhören", also zum Sondieren von Themen und auch, um Denkanstöße zu Themen zu bekommen. Aber dass sich nach dem ersten Bewusstwerden auch die nächsten Schritte an Twitter entlanghangeln, ist die große Ausnahme. Es kommt immer mal wieder vor, aber das ist mehr eine Frage von Monaten als von Tagen.

Was war denn eine erwähnenswerte Ausnahme, also eine erfolgreiche Story, die nur dank Twitter umgesetzt werden konnte?

Als es die Bombenanschläge in Bombay gab, haben wir Twitter-User gesucht, die gerade vor Ort sind. Wir haben dann einige Accounts gefunden, sind denen gefolgt und einer, der uns auffiel, war ein Nutzer namens "Vinu". Wir haben dann recherchiert, ob der Account ein Fake-Account oder in sich stimmig ist; wir haben also überprüft, was er sonst so schreibt und ob er überhaupt vor Ort sein kann. Klar, das muss man abklopfen und abklären, sonst verletzt man die journalistische Sorgfaltspflicht. Und Vinu hat nicht nur sehr szenisch beschrieben, was er vor Ort erlebt, sondern auch fotografiert. Wir haben ihn dann "angetwittert", woraufhin ein kleiner Dialog entstanden ist. Danach haben wir mit ihm telefoniert und es trat ein Phänomen auf, das wir bei Augenzeugenberichten bei Twitter häufig beobachten: Der User erlebt oder beobachtet etwas Spannendes und will nun, dass ihm ein Medium hilft, dass noch mehr Leute davon erfahren. Da haben die Augenzeugen etwas davon, weil die Welt erfährt, wie etwas "wirklich" vor sich geht; und da haben natürlich auch wir etwas davon, weil wir Informationen verbreiten möchten, die wir als seriös einstufen. Da in diesem Fall noch hinzukam, dass Vinu uns Fotos zur Verfügung stellte, ist am Ende eine runde Geschichte entstanden, die keiner der Konkurrenten hatte. Nur CNN hatte den Mann noch im Interview — und das war natürlich eine schöne Art der Bestätigung. Mit dieser Geschichte haben wir unseren Lesern etwas geboten, was sie sonst nirgendwo finden konnten. Und das in wirklich kürzester Zeit.

Ganz plakativ gefragt: Wie weit steht bei dem Twitter-Angebot von DerWesten die ökonomische Seite im Vordergrund? Denn Geld verdienen lässt sich im World Wide Web nach wie vor durch die Werbetreibenden, die umso höhere Preise bereit zu zahlen sind, desto mehr Klicks ein Portal auf sich vereinen kann…

Also, wir würden das nicht machen, wenn sich das nicht lohnt — das ist ja ganz klar. Wir machen das nicht, weil es dekorativ oder hip ist. Aber wenn ich sage, dass es sich lohnt, dann lohnt es sich eben nicht nur, weil es Reichweite schafft — was es zweifelsohne tut —, sondern auch, weil es uns wirklich schlauer macht; weil es uns Informationen bringt, die wir sonst nicht hätten. Weil es uns Denkanstöße gibt, die wir sonst nicht hätten. Natürlich transportiert es auch unsere Marke und wir glauben, dass diese Marke etwas kann und dass dahinter guter Journalismus steckt. Aber genauso ermöglicht es uns, im Dialog mit den Usern als einzelne Redakteure und als Redaktion schlauer zu werden und näher heranzukommen an das, was die Nutzer von uns erwarten, wo sie uns einfordern. Und da kann mir doch eigentlich nichts Besseres passieren, als wenn ein Nutzer auf mich zukommt und sagt: Thema XY — was habt ihr dazu oder warum habt ihr noch nichts dazu? So in die Pflicht genommen zu werden, das ist doch ein Traum!

Einige Journalisten sehen das aber wohl eher als Albtraum und fühlen sich vielleicht in ihrer Selektionsfreiheit beschnitten und als Marionette der Nutzer und Leser…

Und genau das wäre die falsche Betrachtungsweise! Ziemlich viele Menschen stehen den Medien apathisch gegenüber; wenn jetzt also Leute auf uns zukommen und sagen: Ich erwarte von Dir, dass Du mir etwas dazu erzählst, dann ist das in meinen Augen ein absolut wertvoller Fingerzeig! Davon mal abgesehen ist es natürlich so, dass wir immer weiter wachsen wollen und auch wissen, dass da noch sehr viel Musik drin ist.

Eine abschließende Frage: Es existiert das Klischee, dass sich besonders ältere Redakteure mit technischen Umstellungen schwer tun — und gerade Twitter ist ja ein noch recht junges Phänomen im Netz. Wie ist bei Ihnen in der Redaktion denn der Altersdurchschnitt?

[Lacht] Das Team ist tatsächlich eher jünger, aber in Ihrer Frage schwingt etwas mit, das ich für einen Mythos halte: nämlich die Aussage, dass man als Online-Redakteur Technik affin sein muss. Ein Journalist darf nicht ängstlich sein, sondern muss Lust haben, sich mit etwas auseinanderzusetzen. Aber ich beispielsweise bin nun wahrlich kein "Tekki" und komme trotzdem sehr gut zurecht. Es ist ja doch schon eine gute Zeit lang her, dass man "coden" können oder HTML-Befehle auswendig lernen musste. Klar, so Leute gibt es und das ist toll — und ich stehe mit Respekt und Fassungslosigkeit davor [lacht]; aber für das, was wir an Journalismus machen, ist eher die Bereitschaft wichtig, sich mit neuen Phänomenen zu beschäftigen. Sich also auf die Frage einzulassen, was denn Twitter nun eigentlich ist und wozu es taugt. Ich muss das alles nicht toll finden, aber ich muss gewillt sein, mich darauf einzulassen. Ja, unser Trupp bei DerWesten ist relativ jung; allerdings macht Jungsein alleine keinen guten Online-Redakteur aus und Nicht-Jungsein alleine verhindert nicht, ein guter Online-Redakteur zu sein.

Interview: Stefan Burkard
Foto: Privat

Veröffentlicht: 18.01.2010
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