Mehr als die Summe seiner Teile
400 helfende Hände, 750 Stunden Rohmaterial und Zeit, viel Zeit, haben aus einer Idee einen Film gemacht, der sage und schreibe 24 Stunden lang ist. Von Samstag auf Sonntag haben arte und der RBB parallel diese Dokumentation über die deutsche Hauptstadt und die Menschen, die in ihr leben, ausgestrahlt. So etwas gab es noch nie.
Berlin. "Nichts interessiert Menschen so sehr wie andere Menschen." Das ist das Zwischenfazit von Kai Diekmann zur Halbzeit der Dokumentation "24h Berlin - Ein Tag im Leben". Der Chefredakteur der Bild-Zeitung hat mal eben den Spieß umgedreht. Nicht er ist weiter der Porträtierte, sondern der Redakteur hinter der Kamera, der Diekmann mit seinem Team schon seit 9 Uhr in den Redaktionsräumen des Springer Verlagshauses in Berlin begleitet. Die beiden Männer sind sich einig, Diekmanns Äußerung gilt für beide, die Bild und den couragierten Versuch einer 24-Stunden-Dokumentation über Berlin. "Deshalb machen Sie doch diesen Film", ergänzt der Chefredakteur. Deshalb und um über die porträtierten Berliner einen filmischen Zugang zur Hauptstadt zu finden.
Ausgestrahlt am 5. September 2009, gedreht exakt ein Jahr zuvor am 5. September 2008, ist "24h Berlin" vor allem ein logistisches Mammutprojekt. Produzent Thomas Kufus und Regisseur Volker Heise sind die Köpfe eines 400 Menschen umfassenden Teams. An jenem Freitag im vergangenen Jahr, der nun in die Geschichte eingehen wird, waren 80 Filmteams unterwegs, um ein Bild der Stadt und damit auch einen Moment unserer Zeit einzufangen. 20 Kuriere sind zwischen der Hauptzentrale, einer ehemaligen Uniformfabrik in der Nähe des Hauptbahnhofs, und den Drehorten hin- und hergependelt, um Speicherkarten, leere gegen volle und umgekehrt, auszutauschen. In zehn Schneideräumen gleichzeitig ist anschließend über das gesamte Jahr hinweg entstanden, was nun im RBB und auf arte sowie im Internet einen Tag und eine Nacht lang zu sehen war.

- Die Väter des Ganzen: Thomas Kufus und Volker Heise.
Geschichten von Leben und Tod
ist Regisseur, Autor und Dramaturg für Doku-Serien und Dokumentationen.
Mit seiner ersten Regie-Arbeit "Schwarzwaldhaus 1902" gewann er 2003 den Grimme-Preis. Regie führte Volker Heise in den vergangenen Jahren bei "Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener" (arte), "Matusseks Reisen" (SWR), "Abenteuer 1927" (ARD), Abenteuer 1900 (ARD) sowie beim bereits erwähnten "Schwarzwaldhaus 1902" (SWR/ARD). Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er zusammen mit dem Produzenten Thomas Kufus an der Entwicklung neuer Doku-Formate.
Im "Making of", das einen Abend zuvor im RBB ausgestrahlt wurde, erzählt Annette Muff, eine der Cutterinnen, von der dramaturgischen Herausforderung, die das Zusammensetzen der Einzelteile war. 750 Stunden Rohmaterial hatten die Drehteams geliefert. Doch der fertige Film will mehr sein als die Summe seiner Teile - und das ist definitiv gelungen. Manche Stellen sind philosophisch, regen zum Nachdenken an über das Leben, die Liebe, Ängste und den Tod. Diese Erkenntnisse gelten nicht nur für Berlin, sie sind übertragbar auf andere Städte, auf ganz Deutschland oder sogar die Menschheit. Nicht ohne Grund lautet der Untertitel "Ein Tag im Leben" - wobei die französische Übersetzung auf arte "une journée en capitale" heißt.
Denn nur in der Hauptstadt ist ein Projekt wie dieses denkbar. Und Berlin ist nun mal Deutschlands einzige Metropole. Am Sendetag erlebt der Zuschauer von 6 Uhr morgens an, was Berliner vor einem Jahr bewegt, was ihr Leben damals ausgemacht hat. Er erfährt von Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten. Die Dokumentation gibt Einblicke in das Arbeits- und Privatleben von jungen und alten Menschen, werdenden Müttern, Drogenabhängigen, der Polizei auf Streife, Gefängnisinsassen, Medienschaffenden wie Diekmann oder einem französischen Korrespondenten in Mitte, Bauarbeitern, Geschäftsleuten, Ärzten, Migranten, Arbeitssuchenden, Obdachlosen, Nachteulen und von vielen mehr. Alle fungieren als pars pro toto für Berliner mit einem ähnlichen Hintergrund, als pars pro toto für alle Bürger und sind somit vielleicht sogar ein Stück weit exemplarisch für alle Menschen. Zusammengenommen ergibt sich ein Bild der Hauptstadt, die niemals zu schlafen scheint.
Berlin aus der Perspektive seiner Bürger

- Geschichten dort einfangen, wo sie geschehen - wie hier, auf der Straße.
20 Hauptprotagonisten hat der Tag. Wie viele es insgesamt sind? Man verliert mit der Zeit den Überblick, vergisst den einen oder anderen, bis er wieder auftaucht, manchmal erst zwei, drei Stunden später. Ein Beispiel: der heroinabhängige Mario. Früh am Morgen verlässt er eine Berliner Notunterkunft, seine Hoffnungen in sein Tagesgebet legend. Die Obdachlosenzeitung will er an den Mann bringen und damit Geld für seinen Drogenkonsum einnehmen. Obwohl er weiß, dass das, was er tut, illegal ist, hofft er trotzdem auf Gottes Beistand. Kurz vor 19 Uhr ist die Kamera wieder auf Mario gerichtet. Er setzt sich bereits seinen zweiten Schuss Heroin, bevor er seinen Weg zurück zur Notunterkunft antritt. Erneut wird er hier seinen Schlafplatz finden.
Oder Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin. Morgens begrüßt er Schüler im Roten Rathaus, mittags isst er mit Kollegen im "Pomme des terre" Kartoffelpuffer - das ist, wenn überhaupt, auch der einzig private Einblick, den er gewährt -, abends sieht man ihn beim Sommerfest der SPD in Tempelhof. Klaus Wowereit - anders als so manch unbekannter Protagonist - hat vorgegeben, wann er gefilmt werden darf und wann nicht.
Langeweile? Fehl am Platz!
Rückblickend betrachtet, wirkt das Geschehen der Nacht sehr viel interessanter als das am Nachmittag - denn vieles davon ist doch nur die Hinleitung auf den Abend: Die 21-jährige Maria Schreiber packt zu Hause ihre Sachen zusammen. Am Abend will sie mit Musikerfreunden Cafébesucher mit Gesang und Gitarrenklängen unterhalten. Ein Transvestit beginnt seine Verwandlung in Gloria Viagra, die Hauptfigur seines Bühnenprogramms. Eine Prostituierte stylt sich auf. Das Wesentliche geschieht erst nach Einbruch der Dunkelheit.
Doch richtig langweilig wird es nie, denn das Beständige am 24-Stunden-Projekt ist der Wechsel. Droht eine Situation zu stagnieren oder ist für den Moment alles erzählt, wird ganz einfach der Schauplatz ausgetauscht, von Pankow geht’s nach Schöneberg, von einer Entbindung zu Straßenmusikanten, aus dem Knast in den Grunewald.
An zwölf Talkpoints, die am Drehtag über die Stadt verteilt aufgestellt waren, konnten Passanten zum Besten geben, was sie gefrühstückt haben oder eben nicht, was sie der Welt schon immer sagen wollten ("Elke, ich liebe dich!") oder was sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden (ein Jugendlicher möchte ganz Berlin dorthin verpflanzen - seine Liebeserklärung an die Stadt).
Alle 20 Minuten, später jede halbe Stunde, ertönen die neusten Meldungen des Tages (ein Gefrierschrank brennt, weil er mit Teelichtern abgetaut werden sollte), das Wetter und Statistiken zu Berlin. Außerdem konnte, wer wollte, seinen persönlichen Berlin-Film vom 5. September 2008 auf der Internetseite von "24h Berlin" hochladen. Manche, wie der von einem Flitzer, der im Park akrobatische Übungen vor seiner Kamera vollführt, oder der von roten Leinenschuhen, die durch Berlin wandern, haben es in die Ausstrahlung geschafft.
Vom Teil zum Ganzen
"24h Berlin" orientiert sich an literarischen Werken von Alfred Döblin, James Joyce und am Roman "Manhattan Transfer" von John Dos Passos. Der Regisseur, Volker Heise, hat sich zudem von Filmen wie Wilders "Menschen am Sonntag" oder Ruttmann's "Berlin" inspirieren lassen. Die Idee zum Film kam ihm auf einen Artikel hin, der einen Aufruf eines britischen Historikers enthielt, ihm das Protokoll eines bestimmten Tages im eigenen Leben per E-Mail zu schicken.
Doch so viel Wahres auch in den Geschichten, in den Statements und in dem über sie vermittelten Gesamtbild stecken mag, manches ist doch etwas kitschig - weniger die Bilder, mehr das gesprochene Wort. Wie die Überleitung irgendwann nach 20 Uhr vom Glücksspiel zum Glück des Lebens, also der Liebe, und damit zu einem Single, der beim Speed-Dating fündig geworden ist - für den Anfang zumindest. Zwischendurch erinnert "24h Berlin" schon mal an andere Sendeformate, Kochsendungen etwa. Hausfrauen verraten ihre Rezepte und besonderen Zutaten für ihr Spezialgericht, während sich ein Sternekoch in seinem Gourmetrestaurant über die Schulter blicken lässt.
Andere Teile haben die Anmutung von "Giraffe, Affe & Co." oder ähnlichen Zoo-Dokus der dritten Programme. Das ist allerdings nicht weiter tragisch, denn das Gesamtporträt wäre kein solches ohne diese Parts. Überhaupt scheint es, als hätten die Macher auf Ausgewogenheit gesetzt - von zwei möglichen Gegensätzen sind beide verkörpert: CDU und SPD, ein kleines Mädchen in einer Tagesstätte und eine 86-jährige alleinstehende Frau, frisch Verliebte und Trauernde, Frühaufsteher und Nachtschwärmer.

- Menschen, Bilder - Hauptstadt.
Der Sprecher sagt zu Beginn und am Ende: "Dies ist ein gewöhnlicher Tag in der Stadt Berlin. Menschen werden geboren und sie werden sterben. Sie werden sich lieben und sie werden sich hassen. Es wird ein guter Tag zum Leben." So sehr die Macher auch auf dem Abbild eines normalen Tags der Hauptstadt beharren, so etwas Außergewöhnliches haben sie geschaffen. Wer in 50 Jahren wissen will, wie Berlin 2008 aussah, was das Leben der Bürger und Verantwortlichen ausgemacht hat, welchen Problemen sich die Stadt ausgesetzt sah (Platz 50 von 50 in einer Rangfolge deutscher Städte nach der Wirtschaftlichkeit ihrer Unternehmen - Wowereit nimmt's im Übrigen gelassen), wird diesen Film zur Hand nehmen und Antworten auf sämtliche Fragen erhalten.
Text: Verena Hepperle
Fotos: Steffen Mayer (Potsdamer Platz), alle weiteren: 24h Berlin/zero one film
Teaserbild: 24h Berlin/zero one film



