Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Klassische Medien versus Netzaktivisten

Medienentwicklung in Ägypten

Seit einem Jahr versuchen sich die Staatsmedien in Äygpten neu aufzustellen, die Jugend einzubinden. Doch viele der ehemaligen Propaganda-Organe sind kurz vor der Wahl des neuen Präsidenten am 23 Mai orientierungslos - und die jungen Ägypter trauen ihnen nicht.

Chefredakteur Mohsen Hassnein gibt sich optimistisch, er will sein Blatt entwickeln.

Die Sicht ist frei, kein Hindernis versperrt den Blick aus den Redaktionsräumen des ägyptischen 6th October Magazin auf den Nil und den gegenüberliegenden Sadattower. Hier, im neunten Stock eines durchschnittlichen Bürohauses am Flussufer, zwischen apricot-farbener Tapete, Ornamenten und weißen Bücherregalen, versuchen sich die Redakteure des halbstaatlichen Wochenmagazins seit einem Jahr neu zu erfinden. Mohsen Hassnein, nach eigenen Angaben einer der ersten frei gewählten Chefredakteure Ägyptens, empfängt eine Delegation deutscher Journalisten im Konferenzraum und lässt seine Kollegin Rawda Fuoad übersetzen: "Alles hat sich verändert seit der Revolution, wir sind frei, können schreiben, was wir wollen."

Fuoad nennt die neue Linie des 6th October Magazins "nicht mehr an ein autokratisches System angelehnt." Vor allem die Strukturen in der Redaktion hätten sich verändert: Seit vergangenem Jahr gebe es auch zwei stellvertretende Chefredakteurinnen und Frauen, die etwa die Hälfte der Redaktion ausmachen, bekämen die Verantwortung für ganze Ressorts übertragen. Fuoad betreut etwa zwei Seiten namens "Ohne Eingreifen des Chefredakteurs", auf denen junge Ägypter wöchentlich ihre politischen Ansichten und Probleme beschreiben können.

Twitter-Diskussionen ermöglichen Informationsaustausch

Überall online - junge Ägypter in einer Bar nahe des Tahrir-Platzes.

Die Rubrik, an der sich Leser auch mit Beiträgen auf Facebook beteiligen können, ist ein Sinnbild für den Versuch der staatlichen Medien, sich ein neues Gesicht zu geben. Sie wollen Vertrauen zurückgewinnen, zeigen, dass nicht zensiert wird. Und ein wenig an den Esprit anknüpfen, den die Revolution auf Facebook und Twitter entwickelt hat. Doch die Mühen der staatlichen Medien, die bis zum Sturz Hosni Mubaraks am 11. Februar 2011 reine Propaganda-Organe des Regimes waren, kommen reichlich spät. Vor allem die jungen ÄgypterInnen trauen den Medienmachern auch ein Jahr nach der Revolution kaum über den Weg. Stattdessen bauen sie sich im Web Stück für Stück eigene Informationskanäle auf.

Die wöchentlichen Twitter-Diskussionen, die Beshoy Fayez in der Tahrir Lounge unweit des gleichnamigen Platzes organisiert, sind so ein Informationskanal. 200 junge Leute kommen laut dem Sozialarbeiter regelmäßig zu den Tweet Nadwas genannten Veranstaltungen in dem unabhängigen Jugendzentrum zusammen. Sie diskutieren unter je einer bestimmten Fragestellung über die Perspektiven Ägyptens und dokumentieren alles live bei Twitter, sodass auch tausende Internetnutzer im ganzen Land mitreden können. "Die Leute können sich so über Grenzen hinweg vernetzen und alles loswerden, was sie nach der Revolution so umtreibt", sagt der 25-Jährige. Dabei sei Platz für Diskussionen über die Präsidentschaftskandidaten wie auch die Hintergründe der gewaltsamen Ausschreitungen bei dem Fußballspiel in Port Said im Februar. Diese gesellschaftlichen Diskussionen seien nach 30 Jahren Schweigen längst überfällig und das Social Web der geeignete Raum dafür. Staatliche Medien wie das 6th October Magazin spielen in Fayez‘ Augen dagegen keine Rolle. "Sie transportieren noch immer gesteuerte Meinung statt unabhängiger Informationen."

Journalisten ohne professionelle Ausbildung

Tahrir-Lounge-Gründerin Mona Shahien: "Viele Journalisten haben keine Vorstellung von freier, umfassender Recherche."

Seit dem Rücktritt Mubaraks und seines Informationsministers sind die Medien in Ägypten formal so frei wie nie zuvor. Viele staatliche und halbstaatliche Medien, die das Gros der Medienlandschaft ausmachen, haben nach dem 11. Februar ihre Chefredakteure gewählt, zum allerersten Mal. Sie wollten Aufbruch signalisieren. Naila Hamdy, Journalistikprofessorin an der Amerikanischen Universität Kairo, sagt: "Das ist ein Fortschritt, doch es ändert nichts daran, dass die Staatsmedien nach wie vor extrem unter Druck stehen." Der staatliche Rundfunk habe den zuständigen Militäradvisor direkt in seinem Gebäude sitzen, freier Journalismus sei so unmöglich. Das größte Problem seien aber nicht neue Regeln und Beschränkungen und auch nicht die viel beachteten Festnahmen von Bloggern und Journalisten durch den Militärrat. "Es sind auf lange Sicht die beschränkten Kompetenzen der Journalisten selbst, die sie am meisten behindern", sagt Hamdy. Wer sein halbes Leben lang nur schreiben durfte, was die Mächtigen genehmigten, wisse nicht, wie man eine vollständige Recherche angehe. Viele Journalisten beherrschten die einfachsten Grundlagen nicht.

Diese Erfahrung haben auch Beshoy Fayez und seine Kollegin Mona Shahien im vergangenen Jahr gemacht. Sie haben die Tahrir-Lounge nahe des gleichnamigen Platzes auch mit dem Ziel gegründet, dort Medienkompetenz zu schulen und Fortbildungen für Journalisten anzubieten. Zu den Journalistenworkshops im vergangenen Jahr luden Fayez und Shahien auch Redakteure der großen staatlichen Medien wie Ahram oder Akhbar El-Youm ein. Einige der Medienmacher hätten sich nach den Sessions bei ihnen gemeldet, sagt Shahien: "Sie sagten, sie hätten zum ersten Mal von dem Prinzip gehört, dass Meinung und Nachricht getrennt werden sollen und baten um weitere Hilfestellungen."

Kritik am Militär ist möglich - theoretisch

Während die Staatsmedien das Militär nicht angehen, sagen Demonstranten am Tahrir-Platz ihre Meinung: Der oberste Militärrat Mohammed Tantawi muss weg!

Rawda Fuoad vom 6th October Magazin ist Absolventin des renommierten Studiengangs Massenkommunikation der Universität Kairo, sie weiß um die Grundlagen des Handwerks. Doch damit stellt sie eine Ausnahme dar, die meisten ihrer KollegInnen haben keine professionelle Ausbildung. Fuoad glaubt, dass sie dennoch gute Arbeit leisten, die Redaktion als Ganzes auf dem richtigen Weg ist: "Seit es keine Tabus mehr gibt, praktizieren wir alle den Kernjob eines Journalisten und recherchieren getreu dem Motto: Nichts kann lange verborgen bleiben." Schließlich könne man nun sogar das Militär frei kritisieren.

Und was ist zum Beispiel schlecht am Militär? Darauf wollen Fuoad und Chefredakteur Mohsen Hassnein erst mal nicht antworten. Fuoad schreibt später auf Anfrage: "Um es klar und deutlich zu sagen, wir als Magazin kritisieren das Militär nicht." Aber sie kritisiere auf ihrem privaten Facebook-Account und sei als Journalistin dennoch nicht bedrängt worden - das sei früher nicht möglich gewesen. Sie fügt noch an: "Ich habe wirklich keine Ahnung, was Sie damit meinen, ‚schlecht am Militär‘?"

Meinungsmacher ohne eigene Linie

Rawda Fuoad, Redakteurin des 6th October Magazin, setzt auf die Präsidentschaftswahlen.

Nun, inmitten ihrer auf den schwarzen Lederstühlen verteilten Kollegen und den deutschen Journalisten, spult sie die Übersetzungen Hassneins weiter ab: Man glaube als Redaktion, dass die Übergangsregierung alles in die Wege leite, damit sich langsam ein demokratisches System bilde. Große Hoffnungen, auch um die eigenen redaktionellen Ziele künftig erreichen zu können, setze man auf den Präsidenten. Welchen Kandidaten bevorzugen sie bei der ersten Wahlrunde am 23. Mai? Fuoad blickt kurz irritiert. Die Frage übersetzt sie ihrem Chef nicht, stattdessen bleibt sie ohne Rücksicht auf ihn im Englischen und erwidert: "Was glauben Sie, wie viel Macht braucht der Präsident und was sollte die künftige Rolle des Militärs sein?" Als von den deutschen Journalisten eine ausweichende Antwort kommt, sagt sie: "Sehen Sie, wir wissen es auch nicht, die politische Lage einzuordnen, ist momentan sehr schwierig."

Journalistikprofessorin Naila Hamdy beschreibt eine Entwicklung, die ihrer Beobachtung nach fast alle staatlichen Medien seit der Revolution genommen haben: "Erst schrieben sie gegen die Revolution, als Stütze des Regimes. An einem Punkt kippten sie, schrieben pro Revolution, die nicht mehr aufzuhalten schien. Jetzt, da die Zustände chaotischer geworden sind, die Zivilgesellschaft nicht mehr geschlossen auftritt, hängen sie sich ans Militär." Die Redaktionen brauchten immer eine Institution oder Gruppe, nach der sie sich ausrichten. Eine selbst gewählte Linie gebe es nicht, so die Wissenschaftlerin.

Mangelnde Medienkompetenz der jungen Ägypter

Auch die jungen Leute müssen sich bewegen - um langfristig einen guten Informationsfluss zu ermöglichen.

Diese Orientierungslosigkeit der klassischen Medien ist einer der Grund dafür, dass die meisten jungen Leute eher unabhängige Medienprojekte im Internet nutzen. "Wenn man nur eine Zeitung liest, hat man keine Chance auf halbwegs sachliche Information", sagt Beshoy Fayez von der Tahrirlouge. Er und seine Bekannten nutzen Facebook als eine Art Alert-Filter, beobachten die Postings dort und navigieren sich dann weiter. Er sei mit vielen Leuten befreundet, die sich in bestimmten Themenfeldern gut auskennen, sagt Fayez, der seit der Revolution selbst als Fotograf und Bürgerjournalist unterwegs ist. "Auf deren Hinweise vertraue ich und schaue mir die Quellen dann selbst an, um mir eine Meinung zu bilden." Ob er die Quellen immer verifizieren könne? Nein, aber das könne man ja auch im Fernsehen oder der Zeitung nicht.

Laut Hamdy von der Amerikanischen Universität ist diese Mediennutzung unter jungen Leuten weit verbreitet. Sie kann sie angesichts der mangelnden Professionalisierung der klassischen Medien nachvollziehen, hält sie langfristig aber für problematisch: "Weil die klassischen Medien sie enttäuschen, konsumiert diese Generation Blogs und Informationen in sozialen Netzwerken viel zu sorglos." Viele störe es gar nicht mehr, dass die meisten Blogger anonym bleiben. Sie bezweifelt, dass die Mehrzahl der jungen Ägypter die Quellen einer Information kritisch hinterfragen.

Synergien nutzen

Alt und neu kombinieren: Die ausgebrannte Zentrale der Mubarak-Partei, Symbol der Revolution, und die anliegenden antiken Schätze des Ägyptischen Museums Kairo machen es vor.

Interessant seien seit Beginn der Revolution hingegen die Tendenzen einiger klassischen Medien, Themen aus den Sozialen Medien zu spiegeln und aufzugreifen. Als der bekannte Blogger Sandmonkey nach dem Massaker an den Al-Ahly-Fans im Stadion von Port Said in einer Fernsehshow auftrat, sahen ihn auch die Eltern der im Internet aktiven Jugendlichen. Er, der von vielen jungen Ägyptern als sehr zuverlässige Informationsquelle im Netz geschätzt wird, bekam auch in der Offline- Welt ein Gesicht. "Plötzlich reden nicht mehr nur die jungen Leute über seine Berichte und Thesen, sondern alle Ägypter gemeinsam", sagt Hamdy.

Sie hält Initiativen wie die Rubrik "Ohne Eingreifen des Chefredakteurs" bei 6th October Magazin für einen Schritt in die richtige Richtung. Nur so werde sich die momentan klaffende Lücke zwischen den Internetaktivisten, ihrer Elterngeneration und den nationalen Medien langfristig schließen. Und das sei bitter nötig. Denn die sozialen Medien reichten langfristig nicht aus, um einen transparenten und sicheren Informationsfluss zu gewährleisten. "Damit das funktioniert, müssen die Redaktionen aber offener werden, sich professionalisieren, eine eigene Linie herausbilden", sagt Hamdy.

Den Redakteuren um Mohsen Hassnein und Rawda Fuoad bietet sich im neunten Stock am frühen Abend ein fantastischer Ausblick auf den Sonnenuntergang, der Himmel hinter dem Sadattower am Nilufer glüht, die Sicht ist weit. Bei aller Freude über die gewonnene Freiheit ist sich Fuoad auch des Nachholbedarfs bewusst. Sie sagt: "Ich hoffe, dass wir als Redaktion in Zukunft an vielen Fortbildungsprogrammen teilnehmen können, um unsere journalistischen Fähigkeiten auszubauen und den Bürgern noch bessere Informationen zu bieten."

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Naila Hamdy schreibt auch für das unabhängige Online-Medium Ahram English

Auf dem Blog Transit publizieren junge Menschen aus ganz Arabien ihre politischen Ansichten

Wie könnte die Zukunft der ägyptischen Medien aussehen, was sind die Probleme? Ein Ausblick

Text und Bilder: Karen Grass

Veröffentlicht: 22.05.2012
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