Massenkompatibel gegen den TV-Müll
SpongeBob nennt er einen "Drecksschwamm", Big Brother ist für ihn ein "Menschenlager": Der selbst ernannte Medienkritiker Holger Kreymeier findet in seinem Video-Blog Fernsehkritik.TV klare Worte. Im MeMo-Interview spricht er über sinkende Quoten, TV-Skandale und die tägliche Abzocke der Call-in-Sender – und er erklärt, weshalb ihm Vulgärsprache manchmal lieber ist als jeder intellektuelle Anspruch.
Medien Monitor: Herr Kreymeier, in Ihrer Sendung zeichnen Sie ein trostloses Bild vom deutschen Fernsehen – zu sehen gibt es da TV-Abzocke aller Art, primitive Billigproduktionen, journalistische Verflachung und rücksichtslose Kommerzialisierung. Ist das deutsche Fernsehen zum hoffnungslosen Fall geworden?
Holger Kreymeier: Nein, das glaube ich nicht – denn eins muss man deutlich sehen: Die Einschaltquoten gehen stark nach unten. Die TV-Sender klagen alle über sinkende Quoten, und das hat natürlich auch mit den Inhalten zu tun. Irgendwann wird der Punkt kommen, wo die Sender sich etwas überlegen müssen und eine kreative Offensive starten. So hat es das amerikanische Fernsehen übrigens auch gemacht – die hatten vor ein paar Jahren auch eine schwere Krise und haben daraufhin richtig teure Autoren eingekauft. Das waren Leute, die bis dahin alle in Hollywood gearbeitet hatten – und dann entstanden so geniale kreative Serien wie 24 und Lost, die heute die großen Fernseherfolge sind.
In Ihrem Buch "Deutsche TV-Skandale" schildern Sie die Erhebung des früheren TV-Skandals zur heutigen Norm. Hat sich das Fernsehen in dieser Hinsicht zum Schlechteren entwickelt?
Kreymeier: Es ist auf jeden Fall tabuloser geworden. Was früher als riesiger Skandal galt, lockt heute keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor: Wenn es samstagabends eine nackte Frau im TV zu sehen gibt, regt das keinen Menschen mehr auf.
Soll heißen: Alles Sodom und Gomorrha im TV?
Kreymeier: Es gibt noch ein paar Tabus im deutschen Fernsehen. Immer, wenn es in irgendeiner Form ums Dritte Reich geht, gibt es sofort einen riesigen Aufschrei – wenn zum Beispiel bei Big Brother eine dumme Nuss "Sieg Heil" ruft. Das sind die wenigen heutigen TV-Skandale. Aber alles, was mit Erotik zu tun hat, ist heute okay. Ebenso die beleidigenden Kommentare eines Stefan Raab nach zehn Uhr abends. Das alles wäre früher ein Skandal gewesen.
Audio: Skandalöses TV
Wie stehen Sie selbst dazu?
Kreymeier: Ob das besser oder schlechter ist, weiß ich nicht – das Fernsehen war früher eher ein Kulturbetrieb, es war anspruchsvoller. Dadurch war es aber auch ein gutes Stück langweiliger – heute ist mehr los im Fernsehen. Ich kann das nicht nur schlecht finden. Es gibt allerdings Auswüchse im TV, die ich sehr schlecht finde, und die kritisiere ich ganz besonders in meiner Sendung.
Kreymeier, Jahrgang 1971, arbeitet als freier Journalist und betreibt seit April 2007 sein eigenes Video-Blog Fernsehkritik.TV, in dem er das aktuelle Fernsehprogramm kommentiert. Erste Erfahrungen sammelte Kreymeier im Printjournalismus und arbeitete später unter anderem im Springer-Verlag für "Bild-TV". 2004 erschien sein kritisches Buch Deutsche TV-Skandale. Heute schreibt der Hamburger unter anderem für den Online-Bereich des NDR und betreibt eine kleine Video-Produktionsfirma.
"Kritik, Satire und Comedy"
Fernsehkritische Blogs gibt es im Internet wie Sand am Meer, und Medienkritiken füllen in den etablierten Magazinen ganze Seiten. Hat die deutsche Medienlandschaft eine Sendung wie Fernsehkritik.TV wirklich nötig?
Kreymeier: Ich habe nicht den Anspruch, ein seriöser Fernsehkritiker zu sein. Was ich mache, ist eine Mischung aus Kritik, Satire und Comedy. Ich versuche, die unfreiwillig komischen Momente des Fernsehens zu zeigen und mit Kommentaren zu überspitzen.
Audio: TV-Magazin statt Text-Blog
Haben Sie denn eine spezielle Zielgruppe?
Kreymeier: Natürlich erreiche ich nicht diejenigen, die sich gerne Big Brother angucken. Meine Zuschauer haben, glaube ich, einen gewissen Mindest-Intelligenzquotienten, sonst kommt’s bei denen auch nicht an. Ansonsten habe ich keine spezielle Zielgruppe. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen in meinem Alter die Sendung schauen – aber erstaunlicherweise sind die jungen Leute in der Mehrheit.
Sie haben selbst Erfahrungen im Boulevard-Journalismus gesammelt – 2003 arbeiteten Sie ein halbes Jahr für "Bild-TV"...
Kreymeier: Bei Bild-TV im Hause Springer habe ich Fernsehen der dunkelsten Sorte von der Innenseite kennen gelernt. Das halbe Jahr war furchtbar – neben lustigen Dingen wie Interviews mit Models oder Porno-Darstellerinnen ging es auch darum, Angehörige von Unfallopfern zu Interviews zu überrreden. Das hat mich sehr geprägt.
Waren diese Erfahrungen auch ein Grund für Fernsehkritik.TV?
Kreymeier: Ja – bei Bild-TV habe ich auch das Schneiden von Videomaterial gelernt. Das war die handwerkliche Grundlage für die Sendung.
Wie wählen Sie die Themen für Ihr Magazin aus?
Kreymeier: Aus der Fernsehzeitschrift oder beim Zappen. Oft sagt schon der Titel etwas aus: Wenn RTL2 eine Sendung namens Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ins Programm nimmt, wo Leute an einen Lügendetektor angeschlossen werden und intime Geheimnisse verraten müssen, dann weiß ich schon vorher: Das ist ein Thema für mich – das kann nur absurd sein. Ich bekomme aber auch viele Hinweise von den Zuschauern.
Das Motto Ihrer Sendung lautet "Schalten Sie mal wieder ab!". Auch sonst wirkt Fernsehkritik.TV wie eine Dokumentation über die Unzulänglichkeiten des Unterschichten-Fernsehens.
Kreymeier: Was heißt hier Unterschichten-Fernsehen? Ich kritisiere Sendungen, die davon leben, dass die Leute sich keine Gedanken um das machen, was sie sich da anschauen.
Zum Beispiel?
Kreymeier: Die Leute, die bei 9Live anrufen: Die haben meistens sowieso nicht viel Geld, und von denen lebt der Sender. Ich versuche mit meinem Format auch solchen Leuten zu zeigen, was sie sich da antun. Mein Leitspruch stammt von Hugo von Hofmannsthal: "Man muss das Tiefgründige an der Oberfläche verstecken." Das heißt: Wenn man die Masse mit einer Botschaft erreichen will, dann muss man es so machen, dass es auch massenkompatibel ist. Ich könnte das Ganze auch auf einer intellektuellen Wolke sieben machen – aber dann interessiert die Sendung höchstens noch die Menschen, die sowieso schon eine kritische Haltung dem Fernsehen gegenüber haben.
Audio: Lieber platt als abgehoben
Satirische Elemente überwiegen in Fernsehkritik.TV. Kann man dem heutigen Fernsehen nur noch satirisch gerecht werden?
Kreymeier: Das Fernsehen ist heute ein sehr mächtiges und bestimmendes Medium. Die Leute sitzen fast alle jeden Tag vor dem Fernseher, teilweise sogar mehrere Stunden. Es ist Gesprächsthema in den Zeitungen und am Arbeitsplatz. Allein deshalb sollte man den satirischen Blick darauf haben. Das TV bietet unglaublich viel Angriffsfläche für Satire – viele Sendungen sind an sich schon so absurd, dass man darauf nur noch mit Satire antworten kann.
Für Kommerz, aber gegen Abzocke
Sie kritisieren häufig die Kommerzialisierung des Fernsehens. Gleichzeitig schalten Sie Werbung auf Ihrer Internetseite und vertreiben Merchandising-Artikel. Wie passt das zusammen?
Kreymeier: Ich kritisiere nicht die Kommerzialisierung an sich – ich habe auch nichts gegen das Privatfernsehen. Die Kosten, die die Sendung hervorruft, muss ich aber decken – das gehört zum Geschäft. Die Werbung platziere ich nicht in der Sendung, sondern nur auf meiner Internetseite. Die Fangemeinde fragt auch nach DVDs und T-Shirts – daher das Merchandising.
In Ihrer Sendung dokumentieren Sie immer wieder minutiös und ausführlich, wie Gewinnspiel- und Verkaufs-Sender ihre Kunden hinters Licht führen. Ist der Kampf gegen die TV-Abzocke Ihr persönliches Steckenpferd geworden?
Kreymeier: Sicherlich. Es ist eine weitere Steigerung der Unverschämtheit, wenn der Zuschauer nicht nur für dumm verkauft wird, sondern wenn ihm obendrein das Geld aus der Tasche gezogen wird – das geht zu weit. Normalerweise wäre es die Aufgabe der Bayerischen Landesmedienanstalt, das sofort zu unterbinden. Denn es gibt ganz klare Vorgaben und Spielregeln für Gewinnspiele im Call-in-TV, die vereinbart wurden mit der Landesmedienanstalt. Gegen diese Spielregeln wird jeden Tag ununterbrochen verstoßen.
Können Sie Beispiele nennen?
Kreymeier: Es darf kein künstlicher Zeitdruck aufgebaut werden – das geschieht bei 9Live andauernd. Und wenn ein Anrufer nicht die richtige Antwort gibt, muss sofort der nächste durchgestellt werden – auch das ist nicht der Fall. Hier verdienen offensichtlich andere Leute mit, die das Ganze so weiter laufen lassen. Damit meine ich auch die Landesmedienanstalt.
Dass die meisten Call-in- und Teleshopping-Sendungen auf dem Abzockprinzip basieren, ist ja nichts Neues. Was versprechen Sie sich von der gebetsmühlenartigen Kritik?
Kreymeier: Ich will diesen Sendern das Handwerk legen. In anderen europäischen Ländern ist das bereits gelungen – in den Niederlanden etwa sind TV-Gewinnspiele mittlerweile verboten. In Großbritannien konnte einem Call-in-Sender nachgewiesen werden, dass er mit Fake-Anrufern arbeitet: Angebliche Gewinner waren in Wirklichkeit Mitarbeiter des Senders, die aus dem Redaktionsraum nebenan angerufen haben. Der Sender wurde dicht gemacht – es gibt also Beispiele aus Ländern, wo der Kampf erfolgreich war.
Audio: Wahnsinnige Fernsehmacher
Der Ruf nach juristischen Konsequenzen ist schon lange da.
Kreymeier: Die Betrügereien sind absolut offensichtlich. Wenn Rinderwahn ausbricht, ist unser Verbraucherschutzminister sofort zur Stelle – aber wenn wahnsinnige Menschen Fernsehen machen, dann passiert nichts. Da ist auch die Politik gefragt.
Ein-Mann-Betrieb
Produziert und finanziert wird die Sendung von Ihrer eigenen kleinen Firma Alsterfilm. Wie viel Zeit und Geld investieren Sie in das Projekt?
Kreymeier: Monatlich kostet mich der Server etwa 150 Euro, hinzu kommen Kosten für Hard- und Software, gelegentliche Honorare und Reisekosten. Ich investiere meine Freizeit in das Projekt und arbeite nebenher noch als Journalist.
Auch Ihre Sendung unterliegt gewissermaßen dem Diktat der Quote – wie hoch sind momentan die Zugriffszahlen?
Kreymeier: Zwischen 20.000 und 30.000 Zuschauer pro Folge, Tendenz steigend. Viele Leute stellen Ausschnitte der Sendung auch auf Videoportalen wie YouTube oder MyVideo ein.
Wenn Sie selbst vor dem Fernseher sitzen – macht Ihnen das noch Spaß?
Kreymeier: Ich bin ein starker Zapper und schaue dabei immer mit einem Auge für meine Sendung. Habe ich etwas entdeckt, wird sofort die Aufnahmetaste gedrückt. Aber ich sehe auch zum eigenen Vergnügen fern, dann aber meistens Informations- und Nachrichtensendungen...
... wobei Sie doch langsam von ihrem eigenen Rezensenten-Job ziemlich genervt sein dürften, wenn Sie für Ihre Sendung z.B. ein Ranking der "10 bescheuertsten Doku-Soaps" aufstellen.
Kreymeier: Es macht mir durchaus Spaß, wenn die Sendung so bescheuert ist, dass man sich schon im Kopf den späteren kritischen Kommentar dazu ausdenkt. Ich habe kein Problem damit, Trash zu gucken – ich kann auch mit TV-Trash etwas anfangen, das langweilt mich nicht.
Manchmal scheint es, als würden Sie das Fernsehen regelrecht hassen. Ist aus Abneigung nun aktive Rebellion geworden?
Kreymeier: Nein, ich hasse das Fernsehen nicht – ich liebe es eigentlich! Ansonsten würde ich meinen Fernseher abschaffen. Am TV liegt mir viel: Es ist ein sehr faszinierendes Medium. Ein sehr demokratisches Medium, weil sich auch Menschen ohne viel Geld informieren und unterhalten lassen können. Gerade deswegen kämpfe ich dafür, dass das Fernsehen wieder besser, anspruchsvoller und authentischer wird. Im Moment ist das TV sehr berechnend – es sollte wieder etwas ehrlicher und anarchischer werden.
Audio: Fernsehen ist demokratisch
Herr Kreymeier, vielen Dank für das Gespräch.
Ehemaliger Big-Brother-Kandidat im Gespräch
Aufs Glatteis geführt: Der Polylux-Skandal
Das Video-Blog als unredigierte Kolumne
Externe Links:
Fernsehkritik.TV
Interview: Nils Glück
Screenshots: Fernsehkritik.TV






