Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Online-Journalismus

Masse statt Klasse

Das Medienunternehmen Demand Media will den Journalismus im World Wide Web revolutionieren. Der Chefredakteur ist ein Computer und die Themen bestimmen die Nutzer über Suchanfragen im Internet - ein Einblick in die journalistische Fließbandfertigung der Zukunft.

Dortmund/Santa Monica. In Deutschland gelingt es bislang nur wenigen Verlegern, wirklich Profit aus ihren Online-Inhalten zu schlagen. Ganz anders in den Vereinigten Staaten. Bei Demand Media wundert man sich gar über die Ratlosigkeit und Probleme hierzulande. Das Unternehmen aus dem kalifornischen Santa Monica versetzt die gesamte amerikanische Medienbranche mit seinem neuen Konzept in Aufregung. Denn geht es nach den Gründern Shawn Colo und Richard Rosenblatt, dann lässt sich mit Online-Inhalten viel Geld verdienen.

Auf alles eine Antwort

„Wir produzieren, was die Nutzer wollen“, sagt Firmengründer Shawn Colo.

Das Geschäftsmodell von Demand Media ist schnell erzählt: Statt weniger ausgewählter Artikel setzt das Unternehmen auf Masse. Aktuell beschäftigen Colo und Rosenblatt rund 7.000 freie Autoren, die täglich mehr als 4.500 Texte und Videos in Netz stellen. Den Namen "Demand Media" ("Nachgefragte Medien") kann man in diesem Zusammenhang wörtlich nehmen. "Wir produzieren, was die Nutzer wollen", sagt Colo. Und was die Leser wollen, das finden die Kalifornier mit Hilfe eines hochkomplexen Algorithmus heraus. Der speist sich jeden Tag aus Milliarden Suchanfragen auf Seiten wie Google, Bing und Co. Diese werden automatisch von Demand Media ausgewertet und zusammen mit ihrem aktuellen Werbewert verrechnet. So entsteht eine Themenliste - sortiert nach absteigender Wirtschaftlichkeit. Demand Media produziert also, was Menschen auf Google suchen, aber nicht finden und was für Werbekunden interessant sein dürfte. "Am Ende des Tages muss man in der Lage sein, die Fragen der Menschen zu beantworten und gute Hintergründe zu liefern", beschreibt Colo die Strategie.

Erscheint ein Thema dem virtuellen Chefredakteur interessant und ist es aus Werbesicht profitabel, wird es automatisch unter den registrierten Autoren ausgeschrieben. Die Freiberufler erhalten 20 US-Dollar je Beitrag - pauschal und unabhängig vom jeweiligen Aufwand. Auch weitere, typisch redaktionelle Aufgaben, wie das Redigieren von Texten (2,50 Dollar je Beitrag) oder ein Abgleich der Fakten (ein Dollar je Beitrag), werden von den freien Autoren übernommen. Wer hier etablierte Journalisten vermutet, der liegt falsch. Auch Ärzte, Psychologen oder Finanzberater bessern bei Demand Media ihr Gehalt auf.

Beeindruckende Zahlen

Den Nutzern stehen dutzende Portale wie ehow.com oder Trails.com zur Verfügung, die alle erdenklichen Interessen abdecken. Wer also wissen will, wie er sein Auto richtig wäscht, wird genauso fündig wie diejenigen, die ihrem Vierbeiner die Analdrüse ausdrücken wollen. Mittlerweile produziert Demand Media aber auch Beiträge für Plattformen wie Youtube.

Demand Media bedient auf seinen unzähligen Internetportalen nahezu alle erdenklichen Interessen.

Über die Qualität der Artikel vom Fließband lässt sich freilich streiten. In vielen Texten häufen sich die Rechtschreibfehler. Mögliche Qualitätskritiken lassen sich die Macher von Demand Media aber nicht gefallen: "Wenn unsere Inhalte schlecht wären, würde sie niemand anklicken", weist Shawn Colo die Kritiker zurück. Die Zahlen scheinen ihm recht zu geben: Mehr als 100 Millionen Nutzer surfen jeden Monat auf die Seiten von Demand Media. Nach eigenen Angaben macht das Unternehmen, dank der werbeträchtigen Hilfeseiten, mittlerweile etwa 200 Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Das beeindruckt viele gebeutelte Verlagsmanager hierzulande.

Dass Demand Media das Geschäft mit Online-Inhalten tatsächlich nachhaltig revolutionieren kann, zeigen die Vereinigten Staaten. Der Widerstand der traditionellen Medien schwindet. Selbst die ehrwürdige New York Times soll an einer Kooperation mit den Kaliforniern interessiert sein.

Kommentar: Keine Wohltat für die Qualität

Der journalistischen Qualität dürfte die vermeintliche Revolution aus den USA wirklich nicht dienen. Auch wenn Demand Media in seinem seitenlangen Manifest anderes gelobt und von der Qualität seiner eigenen Schreiberlinge schwärmt. Ein Großteil von ihnen soll sich immerhin aus der Masse derer rekrutieren, die von der Medienkrise getroffen wurden. Mag sein. Fakt ist allerdings, dass bei einer "Content-Fabrik" wie Demand Media allein der wirtschaftliche Erfolg im Vordergrund steht. Gemeldet wird, was auch aus Werbesicht profitabel erscheint. Investigative Recherchen, aufwendige Reportagen - Fehlanzeige. Bei einer pauschalen Vergütung von 20 US-Dollar je Beitrag aber auch kaum verwunderlich. Eine Kostprobe des neuen, revolutionären Journalismus gefällig? Dann lesen Sie die geistreiche Antwort auf die Frage "Wie heirate ich einen Millionär?". Vielmehr darf man von einer derartigen Fließbandarbeit aber auch wirklich nicht erwarten. Qualität, nein danke. Masse, ja bitte!

Text: Fabian Schwane
Bilder/Screenshots: Fabian Schwane, Demand Media

Veröffentlicht: 26.02.2010
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