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Macht Journalismus krank?

Foto: Thomas Pieruschek/aboutpixel.de

Nackenschmerzen, schlaflose Nächte, in denen man über den nächsten Artikeln grübelt, Reizbarkeit und das Gefühl, einfach leer zu sein – Burnout heißt die moderne Bezeichnung für völlige seelische und physische Erschöpfung, unter der viele Journalisten leiden. Besonders betroffen sind die Freien, so das Ergebnis einer Eichstätter Studie. Sie nehmen fast alle Aufträge an, weil sie sonst befürchten, beim nächsten Mal leer auszugehen.

Dortmund. Ein Journalist ist 24 Stunden bei der Arbeit, immer auf der Suche nach spannenden Themen und allzeit bereit. "Das ist ein Mythos, der krank macht", sagt die Journalistin und Biologin Carola Kleinschmidt, die ein Buch zum Thema geschrieben hat. "Viele kokettieren sogar damit: Ich bin ein Workaholic. Sie finden es auch völlig normal, am Wochenende zu arbeiten oder dass ihre Familie zurücksteht, wenn die Redaktion anruft."

Foto: Sven Brentrup/aboutpixel.de
Ein schöner Wunschtraum: entspannt im Grünen arbeiten.

Während viele Journalisten mit einer solchen Flexibilität einerseits versuchen, auf dem Arbeitsmarkt überhaupt zu bestehen, brennen sie andererseits seelisch und physisch aus. Judith Pfeuffer hat für ihre Diplomarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt 151 Pressejournalisten im Raum München zu diesem Thema befragt. Dabei kam heraus, dass mehr als die Hälfte von ihnen unter leichtem, ein knappes Drittel unter mittlerem und jeder fünfte von ihnen sogar unter hohem Burnout litt. Burnout bedeutet übersetzt "ausgebrannt sein". "Es beschreibt den Zustand der inneren Leere und ist letztendlich eine Depression", definiert Kleinschmidt. Diese Depression wird vor allem durch permanente Arbeitsbelastung verursacht, erklärt die Frankfurter Psychoanalytikerin Inge Hammeran: "Mal eine Nacht durcharbeiten und ranklotzen verursacht keinen Burnout, sondern das Gefühl, ständig und dauerhaft mehr machen zu müssen, als man kann."

Risikogruppe freie Journalisten

Foto: Judith Pfeuffer
Judith Pfeuffer hat zum Thema Burnout geforscht.

Besonders gefährdet sind laut Pfeuffers Studie vor allem freie Journalisten: "Es sind fast doppelt so viele freie wie fest angestellte Journalisten von hohem Burnout betroffen", so Pfeuffer. "Sie haben einen größeren finanziellen Druck und nehmen fast alle Aufträge an, weil sie fürchten, sonst keine mehr zu bekommen. Außerdem klagen viele über die schlechte Zahlungsmoral der Auftraggeber."

Nach Carola Kleinschmidts Recherchen zu ihrem Buch "Bevor der Job krank macht" tragen vor allem die Faktoren Zeitdruck, Leistungsdruck und Unsicherheit zur psychischen Belastung bei. Gerade freie Journalisten würden unter der Unsicherheit und dem Stress leiden, sich immer wieder neue Auftraggeber suchen und um Anerkennung kämpfen zu müssen: "Da kommt ja nicht immer gleich: ,Ach Hurra, auf dich haben wir gewartet.’ Das ist einfach anstrengend."

"Auch von innen heraus keinen Stopp"

Foto: Linda Wabel
Ungesund: immer bereit, ständig unter Zeitdruck, keine Ruhepausen.

Als Ausgleich zum Stress zu rauchen oder Alkohol zu trinken, scheint unter Journalisten allerdings nicht besonders verbreitet zu sein. Unter Pfeuffers Befragten ist der Genussmittelkonsum nicht höher als im Bundesdurchschnitt. Im Vergleich leiden ihrer Studie nach doppelt so viele Frauen wie Männer unter Burnout im fortgeschrittenen Stadium. "Hier ist häufig die Doppelbelastung und schwere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Grund", analysiert Pfeuffer.

Zu wenig Zeit und eine große Unsicherheit um den Arbeitsplatz – nicht nur das stresst viele Journalisten. Auch der Druck, immer das Beste aus einem Thema herausholen zu wollen, beeinflusst ihr psychisches Wohlbefinden. Doch der Leistungsdruck kommt nicht nur von Chef und Kollegen. Vielmehr treiben laut Kleinschmidt Ehrgeiz und Perfektionismus einen Großteil der Journalisten an: "Das heißt, sie geben sich auch von innen heraus keinen Stopp." Auch die Psychoanalytikerin Inge Hammeran sieht darin einen großen Stressfaktor: "Viele denken: Nicht mein Chef, sondern ich selbst will das ja. Gegen den eigenen Willen und Druck ist man oft viel machtloser als gegen den Druck, der von außen kommt."

78 Prozent lieben ihren Beruf trotzdem

Foto: Carola Kleinschmidt
Carola Kleinschmidts Tipp: in der Freizeit mit anderen Dingen beschäftigen.

Dieser innere Antrieb vieler Journalisten erklärt vermutlich auch, warum bei Pfeuffers Umfrage trotz der psychischen Beschwerden 78 Prozent der Befragten ihren Beruf wieder wählen würden: "Es ist paradox. Obwohl sie jammern und sich eine bessere Bezahlung und mehr Arbeitsplatzsicherheit wünschen, würden sie sich wieder für den Beruf entscheiden."

Um einen Burnout zu vermeiden, empfiehlt Carola Kleinschmidt Journalisten, in ihrer Freizeit das Gegenteil ihrer Arbeit zu tun: "Also zum Beispiel sich zu bewegen, etwas Spielerisches zu tun, statt auch noch in der Freizeit den Spiegel zu lesen und Arte zu gucken." Denn viele Journalisten vergäßen, dass man "bei einem so anspruchsvollen Beruf mit so großen Unsicherheiten viel für seine persönliche Entwicklung tun muss. Die Befriedigung aus dem Beruf reicht nicht für ein Leben."

Text: Linda Wabel
Fotos: Thomas Pieruschek/aboutpixel.de, Sven Brentrup/aboutpixel.de, Judith Pfeuffer, Linda Wabel, Carola Kleinschmidt
Teaserfoto: Petra Engeljehringer/aboutpixel.de

Veröffentlicht: 19.07.2007
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