Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

"Liebe Freunde der unredigierten Videokolumne…"

ZEIT-Feuilletonchef Jens Jessen hat sich verplappert. Eine missglückte Pointe in seinem Videoblog Anfang Januar reichte aus um ihn zum Hassobjekt zu stilisieren. Die Zeit für uninszenierte und unredigierte Videoblogs bei Online-Zeitungen schien vorbei. Ist sie aber nicht.

Kann das Vloggen nicht sein lassen: Jens Jessen

Gibt es nicht zu "viele besserwisserische deutsche Rentner, die den Ausländern hier in Deutschland das Leben zur Hölle machen und vielen anderen Deutschen auch"? Diese Frage hat sich Jessen am 11. Januar in seinem ZEIT-Videoblog gestellt und musste für seinen Zynismus büßen. Zig Leser schrieben ihm Hassbriefe, einer stellte Jessen die Gegenfrage, ob er ihm "bei Gelegenheit den Schädel eintreten" dürfe. Von der FAZ wurde er kritisiert, von der BILD zum Hassobjekt stilisiert und in den Wahlkampfreden von Roland Koch stigmatisiert. Mittlerweile ist die Erregung um Jessens Person abgeklungen. Als Konsequenz wollte dieser mit dem Videobloggen (auch "Vloggen" genannt) aufhören, hat sich schließlich aber nur eine einmonatige Pause gegönnt.

Vlogs sind keine journalistische Domäne

Vlogs und Videokolumnen

Ein Vlog (Kurzform für Video-Weblog) bezeichnet eine Webseite, deren Inhalt größtenteils aus Videobeiträgen (Heimvideos, Musikclips, Meinungsbeiträgen etc.) besteht. Vlogs können auch in Online-Auftritte eingebettet sein wie z.B. "Matusseks Kulturtipp" auf SPIEGEL online. Eine Videokolumne ist eine Unterform der Vlogs. Die Meinungsbeiträge sind kurz, erscheinen periodisch und werden normalerweise frei, das heißt ohne abzulesen, vorgetragen.

Man merkt Jessens verkrampftem Auftreten an, dass er nicht der geborene Vlogger ist - wie sollte er es auch sein? 1955 wurde er geboren, die Vlogs knapp fünfzig Jahre später. Und als Printjournalist stand er höchst selten vor der Kamera. Populär wurden Vlogs auch nicht durch professionelle Journalisten sondern durch Opfer der Tsunamikatatrophe in Südostasien, die Ende 2004 ihre Amatuervideos ins Netz stellten. Mit den schneller werdenden Datenübertragungsraten in den letzten Jahren, erfreuen sich Vlogs in ihrer Erstellung und Verbreitung auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit. Das wissen auch die Verlage und fördern diese Form der Crossmedialität auf ihren Websites.

Ähnlich wie Blogs werden auch Vlogs von Laien wie auch von professionellen Journalisten betrieben, sind inhaltlich nur schwer zu kategorisieren und divergieren auch qualitativ stark. Je nach Definition kann eine Internet-Fernsehsendung wie Ehrensenf oder ein auf Video festgehaltener Blick in den Redaktionsalltag wie auf WELT online ein Vlog sein. Die Videokolumne ist eine Sonderform der Vlogs. Sie erscheint periodisch und zeigt den Vlogger selbst, der einen Meinungsbeitrag zu einem Thema abgibt und in der Regel frei spricht. Letzteres bereitet einigen ehemaligen Printjournalisten Schwierigkeiten, siehe Jessen. Merke: Ein guter Journalist macht noch keinen guten Vlogger.

Kein informeller Mehrwert

Spiegel-Vlogger Nr. 1 Matthias Matussek ist Online-Journalist 2007.

Warum machen sich renommierte Journalisten in den Vlogs zum Narren? Der Spiegel schreibt, dass Videoblogs "im Zweifel eher die eigene Eitelkeit als eine große Zielgruppe" bedienen. Und dass, obwohl Matthias Matussek in den eigenen Reihen seit Oktober 2006 erfolgreich vloggt. Das Medienmagazin V.i.S.d.P. verlieh ihm für seinen Kulturtipp 2008 den Goldenen Prometheus als Online-Journalist des Jahres. Der Vorwurf, dass Vlogs der Selbstdarstellung von Autoren dienen, lässt sich trotz der Auszeichnungen nur schwerlich widerlegen. Denn die Informationen ließen sich genauso gut in einem Artikel verwerten. Auf dieser Ebene haben Videokolumnen gegenüber Artikeln also keinen Vorteil.

Von Mensch zu Mensch

Der intellektuelle Vlogger von ZEIT online: Gero von Randow

Gero von Randow von ZEIT online sieht Videokolmunen als "eine neue Form der öffentlichen Äußerung, plaudernd, im Parlando und spontan". Der Leser wird zum Zuschauer und die Distanz zwischen ihm und dem Autor schmilzt dahin. Der Journalist wird greifbar. Er ist nicht mehr bloß ein Name, sondern eine Person. Er schreibt keinen Kommentar, sondern trägt seine Meinung frei vor. Die meisten Vlogger sehen genau darin den Mehrwert. Denn genau auf dieser betont subjektiven Ebene liegen die Vorzüge der Vlogs. Die Medien nähern sich dem Leser bzw. Nutzer und können ihn so besser an ihr Produkt binden. Doch genau diese Nähe wurde für Jessen kurzzeitig zur ernsthaften persönlichen Bedrohung.

Vlogs sind lässig und schludrig

Rhetorisch unschlagbar, aber manchmal schludrig: Oliver Gehrs von WatchBerlin

Die Vlogs sind kurz - nur selten über fünf Minuten - und ähnlich bequem wie Fernsehen. Sie vollziehen schon jetzt die oftmals prophezeite Verschmelzung von Print, Radio und Fernsehen. Vor allem aber sind sie nicht so steif wie Zeitungsartikel. Sie wirken nicht nur lockerer, sondern sind es. Gerade der plaudernde Ton gefällt vielen Nutzern und ermöglicht eine Kommunikation auf Augenhöhe. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Problematisch ist jedoch die spontane und freie Vortragsweise. Denn nicht nur Jessen hat sich verplappert, auch bei anderen Vloggern wie dem Medienjournalist Oliver Gehrs kommt es häufiger zu Ungenauigkeiten. So wird aus Nordkoreas Diktator Kim Jong-il dessen Vater Kim-Il sung und Spiegel-Chef Aust schreibt plötzlich anderer Journalisten Artikel. Diese Schludrigkeit kommt bei Zeitungsartikeln seltener vor. Ob die journalistische Sorgfaltspflicht wichtiger ist als der Unterhaltungsfaktor muss jeder Leser und Zuschauer selbst entscheiden. Aber, liebe Videokolumnisten, was spricht gegen das Redigieren von Videokolumnen?

Axel Kopp: "Vlogs sind wie Gummibärchen."

Veröffentlicht: 11.04.2008
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