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Interview

Leben in einer neuen Welt

Für ihr Erstlingswerk "Das Leben ist kein Ponyhof" hat Nachwuchsjournalistin Lara Fritzsche eine Schulklasse auf dem Weg zum Abi begleitet. Ein zentraler Befund der Autorin: Diese Generation ist immer online. Was das veränderte Mediennutzungsverhalten für den Journalismus bedeutet, darüber sprach die 25-Jährige mit Medien Monitor.

Nachwuchsautorin Lara Fritzsche.

Medien Monitor: Als Sie Ihr Buch über die "unbekannte Welt der Abiturienten" veröffentlichten, lag ihre eigene Schulzeit nur sechs Jahre zurück. Wie fremd ist Ihnen das Leben der heutigen Abiturienten bereits?

Lara Fritzsche: Es hat sich schon eine Menge verändert, das zeigt sich zum Beispiel am Mediennutzungsverhalten. Die Jugendlichen leben hier in einer ganz neuen Welt - mit einer natürlichen Kenntnis von Symbolen, die allen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, fremd sind. Das merkt man zum Beispiel an einer Menge Automatismen beim Navigieren auf einer Website, bei der Benutzung von T9 oder im Umgang mit dem I-Phone.

Das Credo heutiger Abiturienten: "Das Leben ist kein Ponyhof."

In Ihrem Werk beschreiben Sie die Abiturienten, die Sie begleitet haben, als Teil einer Generation, die immer online ist. Was bedeutet das für den Alltag der Jugendlichen?

Die Jugendlichen informieren sich fast ausschließlich im Internet und kommunizieren dort auch viel untereinander in sozialen Netzwerken. Auch die Fernsehnutzung hat sich verändert: Die Abiturienten zappen nicht mehr durch die Programme, sondern laden sich gezielt die Sendungen herunter, die sie gern zu einem bestimmten Zeitpunkt sehen wollen. Außerdem nutzen sie oft mehrere Medien gleichzeitig: Die Verbindung zum Internet steht immer, dann läuft oft noch der Fernseher, sie tippen auf ihrem Handy herum und räumen vielleicht ganz nebenbei noch ihr Zimmer auf.

Das heißt, klassische Informationsmedien wie etwa die Tageszeitung spielen gar keine Rolle mehr?

Die Jugendlichen kennen schon noch die Tageszeitung, die die Familie zu Hause abonniert hat. Manche kaufen sich auch eine Frankfurter Allgemeine Zeitung, um sich dann damit ins Café zu setzen und sich ein wenig zu inszenieren. Aber mein Eindruck ist in der Tat, dass die meisten sich nur noch im Netz informieren.

Zur Person

Die Nachwuchs-Journalistin Lara Fritzsche widmet sich bei ihrer Arbeit mit Passion dem Lebensgefühl der heute 16- bis 35-Jährigen. Die Kölnerin startete ihre Karriere noch während der Schulzeit als freie Mitarbeiterin des Kölner Stadtanzeigers, wo sie nach dem Abitur volontierte und als Redakteurin tätig war. Während ihres Bachelor-Studiums der Psychologie und Literaturwissenschaft in Bonn arbeitete Fritzsche frei unter anderem für Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung, Spiegel Online und die Süddeutsche Zeitung. Sie erhielt zahlreiche Journalisten-Preise, unter anderem den Theodor-Wolff-Preis, den Axel-Springer-Preis, den Emma-Journalistinnen-Preis, den Hanns-Seidel-Preis und den Antonius-Funke-Preis. Seit November 2009 ist Fritzsche Redakteurin beim Magazin Neon und lebt in München.

Die Jugendlichen haben im Internet Zugang zu einer schier unendlichen Masse an Informationen. Haben Sie den Eindruck, dass die Abiturienten auch besser informiert sind als ihre Vorgängergenerationen?

In gewisser Weise schon. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Informationen über das Wichtigste vom Tage im Netz sehr schnell und leicht zugänglich sind. Aber das Wissen, das die Abiturienten hier erwerben, ist oft ein oberflächliches - das beklagten zum Beispiel auch die Lehrer, mit denen ich für mein Buch gesprochen habe. In einem Wissensquiz würden die Jugendlichen gut abschneiden, aber an einem tieferen Verständnis für die Zusammenhänge mangelt es offenbar oft.

Wie muss Journalismus auf das veränderte Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen reagieren?

Bei Spiegel Online gibt es für Digital Natives ständig etwas Neues zu entdecken.

Um den Ansprüchen der Digital Natives gerecht zu werden, muss relativ schnell, relativ viel produziert werden. Eine Seite, auf der sich fünf Stunden lang nichts tut, ist für einen Digital Native nicht mehr interessant. Aber Spiegel Online zeigt zum Beispiel, dass man schnell recherchierte Geschichten auch mit seriösem Nachrichtenjournalismus kombinieren kann.

Das heißt, Journalismus sollte Tempo zu machen und sich nicht etwa darauf konzentrieren, Nachrichten einzuordnen?

Sicher sind auch die tieferen, meinungslastigen Analysestücke gewünscht, aber womöglich weniger, als das mancher Journalist gern hätte. Und wenn, dann werden diese Stücke vielleicht auch noch eher auf dem Papier gelesen. Mein Eindruck ist, dass die Mehrheit im Netz schnelles Infotainment möchte. Und darauf muss man reagieren.

Unspektakulärer Beginn einer Blitzkarriere

Nein, Lara Fritzsche wollte nicht schon mit fünf Jahren Karla Kolumna werden. Ihre journalistische Karriere begann ziemlich unspektakulär. "Meine Mutter hat mir da zu Schulzeiten mal so einen Artikel über die Junge-Zeiten-Redaktion des Kölner Stadtanzeigers hingelegt und dann dachte ich: Da könnte ich ja mal hingehen", erzählt die heute 25-Jährige. Mit Rundfunk hat sie nicht viel am Hut - Fritzsches Passion gilt klar dem Print: "Das Schreiben ist für mich das Wichtigste", sagt sie: "Wenn ich etwas so schreibe, dass der Leser sich denkt: ,Stimmt, das habe ich doch auch schon gesehen, aber jetzt verstehe ich was es bedeutet.' - das ist ein gutes Gefühl."

Welche Konsequenzen hat das für die Qualifikationsanforderungen an junge Journalisten? Muss man heute die eierlegende Wollmilchsau sein, die vom Termin Texte, Töne, Bilder und ein Video mitbringt und all das möglichst schnell fürs Netz zusammenbaut?

Infos to go mit der Welt-App: Für viele Jugendliche ist das I-Phone bereits ständiger Begleiter.

Die Herausforderungen ändern sich, das ist klar. Wer zum Beispiel früher aus einem Termin nur einen Zeitungstext machen musste, soll nun oft vorab etwas für online liefern. Für viele bedeutete das eine enorme Umstellung. Aber teilweise wird die Situation in meiner Wahrnehmung auch etwas zu hochgekocht: Es ist zum Beispiel längst nicht bei jeder Tageszeitung Usus, dass der Reporter auch ein Video vom Termin mitbringt, und das wird wohl auch morgen noch nicht so sein.

Was wird das Thema Ihres nächsten Buches?

Keine Ahnung. Ein Buch zu schreiben, war eine tolle Erfahrung, zumal ich das Gefühl hatte, in "Das Leben ist kein Ponyhof" viele Themen, über die ich schon einmal geschrieben habe, bündeln und so Zusammenhänge herstellen zu können. Aber ein Jahr Recherche, ein Jahr schreiben: Das war auch anstrengend. Jetzt freue ich mich auch erst einmal wieder, mich Geschichten zu widmen, die ich innerhalb von zwei Wochen abschließen kann.

Wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft? Wo wollen Sie in fünf oder zehn Jahren stehen?

Darüber mache ich mir im Moment keine Gedanken. In der heutigen Medienwelt kann man so etwas sowieso nicht planen. Wenn ich so wie jetzt bei Neon meine Geschichten machen kann, dafür nicht nur einen Tag Zeit habe und sie im besten Fall auch noch von der Idee bis zum fertigen Produkt selbst betreuen kann, dann bin ich super zufrieden.

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Lara Fritzsche analysiert die Generation der heute 16- bis 35-Jährigen: Generation Casting - selbst die Wohnungssuche wird zum Schaulaufen, das Handy als Accessoire und Allzeitbegleiter und das Phänomen Flaterate-Saufen.

Das Interview führte: Barbara Wege
Fotos: Bettina Fürst-Fastré, Kiwi-Verlag, Barbara Wege, Axel-Springer-Verlag

Veröffentlicht: 13.01.2010
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