Lebe deine Liebe
Die Medien suggerieren es: Jeder Mensch braucht einen Partner, um glücklich zu sein. Wer alleine ist, sollte sich schnellstmöglich jemanden suchen. Die Nachfrage an Partnerbörsen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Besonders das Internet bietet die Möglichkeit, wesentlich vernetzter zu suchen. So finden sich Paare aus den unterschiedlichsten Regionen zusammen, die sonst wahrscheinlich nie die Wege gekreuzt hätten. Die Auswahl ist nahezu unbegrenzt, Suchkriterien können spezifisch eingegeben werden. Doch die Welt der Partnerbörsen ist längst nicht mehr nur Tummelwiese von Liebessuchern, sondern Suchenden aller Art: Sex-Sucher und auch Online-Liebende. Viele von ihnen finden auch das, was sie suchen – mich selbst eingeschlossen.
Mein Freund, aus dem Internet
Auf einer Mädchenschule gibt es keine Jungen. Logisch. Für mich war dies der entscheidende Grund, solch eine Schule zu wählen. Doch als ich in die Pubertät kam, wurde das schon mal zum Problem. Früher wurde es gelöst, indem die Mädchen zur Tanzschule gingen, heute setzen sich viele vor den Computer zuhause und entdecken die Welt des Internets.
So war es zumindest bei mir. Mit zwölf oder dreizehn Jahren habe ich mich mit der Technik auseinandergesetzt und schnell gemerkt, wie man andere Menschen kennen lernen kann. Anfangs waren es nette Chats, die vorzugsweise mit Jungen am anderen Ende der Welt – Australien, Kanada, aber auch manchmal Süddeutschland – geführt wurden. Als ich älter wurde, kam der Gedanke auf: Warum nicht auch auf diese Weise einen Freund finden? In der Schule gab’s ja keine.
Also schaute ich immer mal in die Kontaktanzeigen, die mein damaliger Provider unterstützte. Jedes Mitglied konnte kostenlos eine "Kleinanzeige" schalten und so auf neue Freunde hoffen. Selbst eine zu schalten, das kam für mich nicht in Frage - ich wollte schon aussuchen.
Im Mai 2003 habe ich dann die Anzeige meines jetzigen Freundes gelesen. Wir waren im selben Alter, hatten ähnliche Interessen, wohnten auch nur 20 Kilometer voneinander entfernt. Zuerst schrieben wir viele E-Mails, erzählten von unseren Träumen, Wünschen und dem bisherigen Leben. Partnerschaften und Liebe wurden dabei nie zum Thema.
Jan und ich haben uns mehr als ein halbes Jahr lang auf diese elektronische Weise ausgetauscht, bevor die Idee aufkam, sich zu treffen. Das stellte sich dann als etwas kompliziert heraus – ich war im Abistress und er war gerade im Begriff, sein erstes Semester an der Uni zu beenden.
Das erste Treffen nach einem Jahr
Doch auch diese Zeit ging vorüber und wir haben uns im Frühjahr, mehr als ein Jahr nach der ersten Mail, in meiner Stadt am Bahnhof getroffen. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, weil ich immer wieder gelesen hatte, dass Kriminelle auf diese Art ihre Opfer finden – doch die Neugier war größer als die Angst. Als wir uns dann sahen, merkte ich, dass er ein ganz normaler junger Mann war und die Befürchtungen verschwanden. Wir verbrachten einen schönen Nachmittag, redeten viel, lachten noch mehr und tauschten Telefonnummern aus.
Die kommende Woche trafen wir uns wieder, gingen ins Kino, verabredeten uns zum Frühstück im Café. Nach zehn Tagen besuchte ich ihn und nach dem Treffen waren wir ein Paar. Das war vor fast drei Jahren.
Wenn mich damals jemand fragte, wie wir uns kennen gelernt haben, war es etwas komisch, die Geschichte zu erzählen. In meinem Kopf schwirrten die Vorurteile, dass Menschen im Netz suchen, weil sie hässlich sind und viel zu schüchtern und überhaupt nicht beziehungsfähig. Dazu wollte ich natürlich nicht gehören.
Meine Motivation war vielmehr, dass die Partnersuche auf diesem Weg so einfach ist. Man hat auf Anhieb mehrere Menschen in der Umgebung, die auch alleine sind. Die Anonymität ist sicherlich sehr hilfreich, weil man nichts zu verlieren hat. Für mich war es schön, jemanden zuerst von der Seele her kennen zu lernen. Und ich bin froh, dass mir mein Freund auch optisch gefällt.
Liebessehnsucht und moderne Technik
Für mich selbst war der Weg über die Internetbörse der einfache, anonyme, interessante. Um herauszufinden, welche Sehnsüchte andere Menschen stillen wollen, habe ich mich wieder in diese Welt begeben, diesmal auf eine öffentlich zugängliche Seite: www.friendscout24.de.
Die Seite wirbt damit, dass sie "Deutschlands Partnerbörse Nr. 1" ist. Die Anmeldung ist einfach, ein paar Daten eingeben, dann das Profil anlegen. Als Nutzername habe ich mir "Liebessucherin" ausgedacht, schließlich befinde ich mich ja auf der Suche nach Liebe. Damit ich keine Hoffnungen wecke, die ich hinterher nicht erfüllen kann und will, schreibe ich in mein Freitextfeld, dass ich aus Recherchegründen das Profil schalte.
Und kurze Zeit später kommen die ersten Nachrichten. "Flirtanfragen" mit dem Betreff "Möchte Ihnen etwas sagen..."
Flirtanfragen kann ich auch selbst versenden. Normalen Mail-Kontakt aufnehmen kann ich nicht, weil ich kein Premium-Mitglied bin. Auf diese Weise lerne ich mehrere Männer kennen – die Frauen schreiben nicht, obwohl ich in meiner Anzeige betone, dass ich Kontakt zu beiden Geschlechtern suche. Dabei fallen mir vor allem drei Typen von Nutzern auf:
Trennung zwischen Realität und Virtualität?
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Anzahl der Kontakte. In den fünf Monaten, die ich bei friendscout angemeldet war, erhielt ich über 100 Nachrichten – und das, obwohl mein Profil eindeutig nicht darauf ausgelegt war, jemanden kennen zu lernen. Auch hatte ich kein Foto online gestellt, was laut einer Studie von Jan Skopek, Universität Bamberg, die Chancen auf eine Nachricht enorm erhöhen würde.
Der Anbieter friendscout bestätigt diese These: Denn jede Woche habe ich eine "Flirtstatistik" erhalten, in der meine neuen Profilbesucher aufgelistet waren (meistens um die 40 bis 50). Und daneben stand ein Werbefeld, das mich dazu animieren wollte, ein Foto einzustellen, weil die Profile mit Foto jede Woche etwa 100 neue Besucher hatten.
An der hohen Zahl der Nutzer – laut friendscout gibt es 6,2 Millionen (Stand Mai 2007) – sieht man: Das Internet ist mittlerweile ein so wichtiger Bestandteil unserer Kultur geworden, dass die meisten nicht zwischen Realität und der Internet-Virtualität unterscheiden. Ich habe nur Menschen kennen gelernt, für die das Internet ein Ort des realen menschlichen Kontakts ist. Auch Wissenschaftler Jakob Pastötter sieht die Grenzen als überholt an: "Ein Kontakt im Internet ist genauso real, wie ein Treffen in einer Bar."
Zum Experteninterview mit Jakob Pastötter
Zu den Kontakttypen
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Text: Kerstin Artz, Fotos: friendscout24.de; flickr.com


