LHC: Wie aus Verwirrung Panik entsteht

- Fast so abgedreht wie der Name: Die Bilder vom LHC.
Dortmund. LHC, Large Hadron Collider, so heißt der neue Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf. Bei der Bezeichnung fängt die Verwirrung schon an. Und die Übersetzung "Großer Hadronen-Kollidierer" hilft auch nur dann weiter, wenn bekannt ist, was "Hadronen" sind. Um ihr Publikum nicht zu sehr zu verwirren, begnügten die meisten Medien sich mit der Nennung des englischen Namens und nannten den Hadronenbeschleuniger lieber "Protonenbeschleuniger". Ein Proton ist ein positiv geladenes Teilchen – so viel kann man einem Rezipienten zumuten.
Das Drama beginnt
Doch wie ließ sich nun beschreiben, was der LHC eigentlich tut? Die Journalisten begannen, diejenigen zu interviewen, die es wissen mussten – Physiker, die direkt mit dem neuen Teilchenbeschleuniger arbeiten. Und hier begannen die Missverständnisse. Um sich für den Laien verständlicher zu machen, griffen viele Wissenschaftler auf einen Vergleich zurück. Die Energien, die man erzeuge, wenn zwei Protonen aufeinanderstießen, wären in etwa so groß wie Energien, die kurz nach dem Urknall geherrscht hätten. Wohlgemerkt nach.
Was offenbar als Versuch gedacht war, die Experimente im LHC irgendwie zumindest in die Nähe der Vorstellungskraft der "Normalsterblichen" zu rücken, führte bei den Medien zu Jubel. Endlich hatte man ein Wort, ein Phänomen, mit dem der Rezipient etwas anfangen konnte: Urknall!
Medien simulieren den Urknall
Und so kam es, dass fast alle Medien sich auf den Urknall-Vergleich stürzten. Nur wurde aus dem "kurz nach dem Urknall" schnell "beim Urknall", bis schließlich herauskam: Die Forscher in Genf wollen den Urknall simulieren! Das klang gut, griffig und man konnte sich mit etwas Fantasie durchaus etwas darunter vorstellen. Nur stimmt es eben nicht. Doch dieser Irrtum setzte sich fest und wollte auch nicht mehr verschwinden. Auch Spiegel Online, die Süddeutsche Zeitung und diverse ARD-Rundfunkanstalten, darunter der Deutschlandfunk, berichteten von der "Urknall-Simulation".
Die Panik vor dem großen Schwarzen

- Wilde Gerüchte und Spekulationen veranlassten viele Medien, eine Frage zu stellen: Was ist eigentlich ein schwarzes Loch?
Der Urknall-Irrtum war aber die harmlosere Folge der fehlerhaften Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Medien. Denn bald schon kam das Gerücht auf, bei den Experimenten könnten wohlmöglich schwarze Löcher entstehen! Schwarze Löcher, das wusste man vom Hörensagen, sind gefährlich! Wie riesige Staubsauger saugen sie alles, wirklich alles auf! Eine Schwarze-Löcher-Panik begann sich breit zu machen. Die Medien sahen sich gezwungen, durch Experteninterviews gegenzusteuern – nach dem Motto: "Nein, die schwarzen Löcher, die entstehen könnten, wären viel zu klein und völlig ungefährlich". Doch irgendwie gelang es nicht so richtig, die Panik einzudämmen. Es mag daran gelegen haben, dass auch den Journalisten nicht ganz klar war, was denn nun eigentlich ein schwarzes Loch ist und wie und warum ein solches im LHC entstehen könnte. Dieser Unsicherheit seitens der Journalisten war es dann wahrscheinlich auch zuzuschreiben, dass Panikmacher, wie der Chemiker (jawohl, Chemiker) Otto Rössler, von den Medien teilweise als ernst zu nehmende Kritiker behandelt wurden, so zum Beispiel vom Bayerischen Rundfunk. (Hier ist alles in einem Beitrag zu finden: Urknall, schwarze Löcher, pseudo-seriöse Wissenschaftler, kurz gesagt: hörenswert!).
Otto Rössler bekam so viel Aufmerksamkeit in den Medien, dass sich das Komitee für ElementarTeilchenphysik (KET) zu einer Stellungnahme gezwungen sah. Darin heißt es:
Und wer hat Schuld?
So wurden in der Berichterstattung über den größten Teilchenbeschleuniger der Welt immer neue Erklärungen und Beruhigungsversuche von Seiten der Medien und der Wissenschaftler nötig. Wer letztendlich an dem Chaos um den LHC Schuld hat, lässt sich nicht sagen. Doch es ist ein tolles Beispiel dafür, was passiert, wenn hochkomplexe Vorgänge, die am Rande des Vorstellbaren liegen und die viele Wissenschaftler wahrscheinlich selbst nicht richtig verstehen, von diesen an Journalisten weitergegeben werden, die natürlich noch weniger verstehen und die ganze Sache dann ihren Lesern erklären müssen. Man kann nur hoffen, dass sowohl Wissenschaftler als auch Journalisten aus der Sache gelernt haben. Und wir dürfen uns jetzt schon auf die Berichterstattung im Frühjahr freuen, wenn der LHC wieder in Betrieb gehen soll.
Text: Maike Krause
Teaserfoto: flickr.com/Image Editor




