Kritisch, aber höflich
Shozo Yorozu ist ein disziplinierter Mensch und angenehmer Gesprächspartner. Der 40-Jährige kommt überpünktllich zum Interviewtermin. Der Japaner ist in Saijo geboren, studiert seit 2004 in Dortmund Wissenschaftsjournalismus und kennt das japanische Mediensystem aus eigener, langjähriger Erfahrung.
Medien Monitor: Vor deinem Studium an der TU Dortmund warst du in Japan bereits als Journalist und Fotograf tätig. In welchen Ressorts?
Shozo Yorozu: Von 1996 bis 2000 habe ich für die große japanische Regionalzeitung Hokkaido Shimbun geschrieben. In der Redaktion war ich zuständig für die Polizeiberichterstattung und politische und wirtschaftliche Lokalthemen. Eigentlich habe ich Physik und Umweltwissenschaften studiert, aber als japanischer Journalist muss man sich mit vielem, wenn nicht mit allem auskennen.
Arbeiten die japanischen Redakteure eher arbeitsteilig wie im angelsächsischen Sprachraum oder sind sie wie in Deutschland ein "Mädchen für alles"?
Die Journalisten recherchieren Informationen am Telefon, Internet oder im direkten Gespräch mit Informanten. Sie schreiben auch die Artikel. Für das Layout ist eine eigene Editor-Abteilung zuständig, die fertige Seiten an die Redaktionen sendet. Nur bei Großereignissen oder Panoramabildern werden professionelle Fotografen eingesetzt. Ansonsten fotografiert auch der jeweilige Journalist.
Nur wenige Japaner trauen dem Internet

Wie wird man in Japan Journalist?
Die Ausbildung ist ganz anders als in Deutschland. Volontariat und Praktikum kennen wir gar nicht. Die Verlage setzten auf junge, frische Leute, die ein abgeschlossenes Fachstudium von einer Hochschule vorweisen müssen und sich dann direkt bewerben. Meistens gibt es neben den Gesprächen auch einen Einstellungstest und danach eine kurze Probezeit von drei Wochen. Dabei lernt man von älteren, erfahrenen Journalisten, wie man effektiv recherchiert und schreibt, wie man sich seine Zeit richtig einteilt und wie Vertrauen in einem Informantengespräch aufgebaut wird.
Japan gilt als ein hochtechnologisiertes und technisch innovatives Land. Informieren sich die Japaner eher in der traditionellen Zeitung oder in den "neuen Medien"?
Die Menschen lesen in erster Linie Zeitungen. Die Auflagen sind sehr hoch, so dass sogar eine Regionalzeitung wie die Hokkaido Shibun sehr viele Ausgaben pro Tag verkauft. Außerdem gibt es oft zwei Ausgaben: eine morgens, eine abends. Dem Internet trauen viele Japaner noch nicht so richtig. Natürlich informieren sie sich auch auf den Nachrichten-Webseiten, aber die überregionalen Qualitätszeitungen wie die Yomiuri Shibun haben eine Auflage von über 13 Millionen und dominieren die öffentliche Meinung.
Journalistische Selbstzensur

Stichwort "Öffentliche Meinung". Wie beurteilst du den Status der Pressefreiheit in deinem Heimatland?
Grundsätzlich ist das Recht auf freie Meinungsäußerung und unabhängige Presse im Gesetz verankert. Das breite Parteispektrum mit der aktuell konservativ-nationalen Regierung bietet viel Raum für politische Diskussion. Die großen Zeitungsverlage und Rundfunkanstalten sind gegenüber den Eliten in Wirtschaft, Politik und Militär aber sehr vorsichtig eingestellt. Die Journalisten sind kritisch, aber höflich. Nur ein paar kleine Magazine verbreiten radikale Meinungen. Große Skandale werden natürlich von allen Medien thematisiert.
In Deutschland schont die Presse den Staat und seine Vertreter selten mit harscher Kritik. Warum die vorsichtige Haltung der japanischen Journalisten?
Diese Einstellung gehört zu unserer politischen und medialen Kultur. Die meisten Journalisten legen sich selbst eine distanzierte und gemäßigt kritische Haltung zu, eine Art Selbstzensur. Es gibt eben diesen Konsens zwischen den Mächtigen des Landes und der Presse, ein stilles Abkommen, das beiden Seiten nützt. Das japanische Mediensystem funktioniert.
Gibt es absolute Tabuthemen?
Über den japanische Kaiser wird traditionell nur sehr zurückhaltend berichtet. Gleiches gilt für die Kriegsverbrechen unseres Landes im Zweiten Weltkrieg oder aktuelle militärische Aktionen. Ein Journalist, der in Japan über diese Themen berichtet, bewegt sich auf sehr dünnem Eis. Es kommt vor, dass die Autoren von kritischen Artikeln Morddrohungen per Brief oder Telefon erhalten. Oft stecken rechtsradikale und nationalistische Kreise hinter solchen Aktionen.
Keine Informationen ohne Presseclubs

Berüchtigt sind die japanischen Presseklubs. In diesen Gruppen innerhalb von Verwaltungen, Polizei und öffentlichen Einrichtungen werden die Informationen weitergetragen. Warst du schon in Presseklubs und findest du die Kritik von ausländischen Journalisten an ihnen gerechtfertigt?
Ja, während meiner Redakteursarbeit war ich selbst in mehreren dieser Klubs. Ohne sie kann man im japanischen Journalismus keine Kontakte knüpfen und gelangt somit nicht an Informationen. Die Kritik kann ich nachvollziehen. Die Arbeit war durch die Presseklubs manchmal sehr beschwerlich, aber für die älteren Kollegen sind sie einfach nicht wegzudenken.
Japan gilt aufgrund seiner Lage und Kultur als sehr abgeschottetes Reich. Wie hintergründig informieren die Medien über ausländische Themen?
Eine durchschnittliche Tageszeitung berichtet zu weniger als 10 Prozent über Geschehnisse außerhalb Japans. Amerika und Europa sind allerdings regelmäßig in den Schlagzeilen. In den letzten Jahren entwickelten sich auch viele asiatische Länder zu wichtigen Wirtschaftspartnern, weswegen diese Staaten immer öfter in den japanischen Medien auftauchen.
Alternativ wurde der Beitrag mit Schwarz-Weiß-Fotos illustriert, die japanische Zeitungsleser in verschiedenen Situationen zeigen.
"Big in Japan" - Ein Rundgang über den stärksten Zeitungsmarkt der Welt
Text: Janis Brinkmann
Bilder: flickr.com/hira3; flickr.com/iMorpheus; flickr.com/Gullevek
