Musikfernsehen reloaded
Wer Musikvideos sehen will, schaltet schon lange nicht mehr MTV oder Viva ein. Onlineplattformen wie YouTube bieten das gleiche, nur ohne nervige Werbung. MotorTV, der WebTV-Ableger des Downloadradios MotorFM, startet nun einen neuen Versuch: Klassisches Musikfernsehen im Internet. Ein sinnvolles Konzept?
Dortmund. Bei den ersten Rumzickereien des MotorTV-Players kommen Zweifel auf, ob MotorTV wirklich die Rettung des Musikfernsehens ist: Statt Musikvideos bekommt man erstmal eine "Buffering"-Anzeige zu sehen – das heißt, die Dateien werden zwischengespeichert. Das heißt vor allem: Warten auf das Programm. Auf Dauer ein wenig monoton, also schnell auf den "Kein Stream?"-Button geklickt. Vielleicht ist die genutzte Flashplayer-Version zu alt? Für diesen Fall bietet die Seite einen Link zur neuesten Adobe-Flashplayer-Version. Ansonsten kann man auch eine Mail an das Support-Team schicken. Die MotorTV-Macher scheinen durchaus mit Schwierigkeiten technischer Natur zu rechnen. Tatsächlich gibt es zwischendurch manchmal verruckelte Bilder, wenn der Stream nicht läuft, wie er sollte.
Musikgenuss ohne Werbepausen
MotorTV ähnelt dem Radiosender Motor FM sehr: Die Klangfarbe der Musik ist mit Punk, Rock, Alternative und Indie im Prinzip die gleiche. Ein besonderes Augenmerk liegt auf jungen deutschen Bands. Gestartet ist Motor TV im Herbst 2006 als IPTV-Sender (IPTV = Internet Protocol Television, also internetbasiertes Fernsehen). IPTV – jedenfalls mit dem Endgerät Fernseher – kann allerdings nicht jeder Fernsehzuschauer empfangen: Neben einem möglichst neuwertigen Fernseher benötigt man Zusatzgeräte wie eine Settopbox. IPTV über den PC als Endgerät ist dagegen relativ einfach: Man benötigt dazu lediglich einen Computer samt Internetanschluss – DSL sollte es schon sein – und einen Flashplayer, den man kostenlos im Internet herunterladen kann.
Wenn aber alles so klappt, wie es sollte, kann man das aktuelle Programm jetzt in einem kleinen Playerfenster verfolgen: Aktuelle Musikclips, kurze Bandinterviews, Backstagereportagen, Clips von Usern. Eine Moderation gibt es nicht, dafür aber bislang auch noch keine Werbepausen – ausgenommen kurze Trailer, die für das eigene Programm werben. Das Ganze ist kostenlos, man muss sich nirgendwo anmelden. Kann man aber: Auch bei MotorTV kann man eine eigene Profilseite anlegen, wie man es von sozialen Netzwerken wie StudiVZ oder Facebook kennt. Bei MotorTV wird bevorzugt die Lieblingsmusik abgefragt. Die Beiträge kann man sich jedenfalls auch ohne Anmeldung anschauen.
Ganz nah dran an den Stars
Bei "Du auf MotorTV" haben User eigene Videoclips eingestellt. Diese wurden vorher von der Redaktion ausgewählt – wahlweise auch von Redaktionsmitgliedern selbst erstellt. Ansonsten scheint die Mehrzahl der Videos von Graphikanimateuren zu stammen – dafür würden die meisten Videos es aber auch durchaus auf ein Kurzfilmfestival schaffen. Oder aber man schaut mit der "Auslandsspionage" ein wenig über den Tellerrand und entdeckt mit etwas Glück eine noch völlig unbekannte finnische Band für sich. Außerdem gibt’s die üblichen Band-Interviews – aber MotorTV begleitet auch Gruppen wie die Noiserock-Band Sonic Youth auf Tour oder ist bei Aufnahme-Sessions mit dabei. So nah ist man den Bands als Hörer nur sehr selten.
Mickriges Playerfenster schreckt ab
Das Live-Gefühl würde sich aber noch mehr einstellen, wäre das Player-Fenster mit zehn mal acht Zentimetern nicht so mickrig. Vielleicht könnte man sich noch mit dem Gedanken anfreunden, "gemütlich" mit dem Laptop auf dem Schoß Musikfernsehen zu schauen – aber in Zeiten von Wände füllenden Flachbildschirmen braucht's zur Gemütlichkeit mehr als ein 80-Quadratzentimenter-Fensterchen. Den Couchbonus können MTV und Viva also weiterhin für sich verbuchen, zumal der DVB-Fernsehversuch von MotorTV offenbar nur als kurzer Testlauf gedacht war.
DVB-T in weiter Ferne
Zur bundesweiten Fernehausstrahlung über DVB-T oder DVB-H fehlen nämlich leider zwei Dinge: Technik und Geld. Längst noch nicht alle Haushalte sind mit DVB-T-Receivern ausgestattet, in Gegenden wie dem Bergischen Land könnte es mit dem Empfang generell schwierig werden. Abgesehen davon soll die Empfangsqualität von MotorTV laut User-Kommentaren sehr schlecht gewesen sein. Bislang gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass MotorTV sich an ein neues DVB-Experiment wagt. Erst recht nicht außerhalb von Berlin, das Zentrum des ersten Versuchs war. Grund sind vor allem die unüberschaubaren Kosten.
Echte Alternative für Punk-Hörer
MotorFM ist ein privater Radiosender, der seit 2004 on air ist. In Berlin und Stuttgart ist MotorFM analog-terrestrisch zu empfangen, ansonsten über Webstream. Der Sender hat sich auf die Fahnen geschrieben, "alternative Musikpropaganda" zu betreiben. Die Nachrichten werden von der Netzeitung übernommen. Einer der geschäftsführenden Gesellschafter ist der 43-jährige Tim Renner, der bis 2004 Präsident der Plattenfirma Universal war.
Dabei hat MotorTV großes Potenzial: Der Radiosender MotorFM ist unter Alternative/Punk/Indie-Hörern bereits ein fester Begriff. Ein sehr spezielles Publikum, das die Marke "Motor" bereits gut angenommen hat. Noch dazu dürften die MotorFM-Hörer zu denen gehören, denen seit dem Ende von Viva2 etwas im deutschen Musikfernsehen fehlt: die Musik, die sie mögen – und gutes Musikfernsehen ohne Klingeltonwerbung. Gegenüber Musiksendern wie MTV oder Viva hat MotorTV auch in der Online-Variante zahlreiche Vorteile: Es gibt kaum Werbeunterbrechungen, zudem laufen wirklich Musikvideos, während MTV die Sendezeit mit Datingshows und Realitysoaps verschwendet. Allerdings wird man MotorTV nur dann zu schätzen wissen, wenn man auch mit der Musikauswahl einverstanden ist. Wem schon die Playlist von Radiopendant MotorFM zu speziell ist, für den ist MotorTV keine Alternative für MTV und Viva.
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Die Homepage des Berliner Radioprogramms Motor FM
Das Konzept von Motor TV
Motor TV Geschäftsführerin Monika über Motor TV und DVB-T
Text: Anja-Kristin Willner, Fotos: Anja-Kristin Willner, flickr.com/[charlie cravero], flickr.com/pilot_micha


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