Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Online-Journalismus

Kreativität und Risiko: Fehlanzeige

Reportagen via iPhone, ein 360-Grad-Video über die Schäden nach dem Erdbeben in Haiti und eine interaktive Fotostory über den Mauerfall: All das findet jüngst im Online-Journalismus statt, nur nicht in Deutschland. Innovationen kommen meist aus dem Ausland - und zwar nicht nur aus Europa und den USA.

Dortmund. "Da haben die Medien 20 Jahre Zeit, um dieses großartige Spektakel mal etwas anders darzustellen, aber ich sehe überall wieder nur die gleichen öden Geschichten", sagt Marcus Bösch und spricht dabei über den Berliner Mauerfall. Der Hörfunkjournalist ist unter anderem für die Deutsche Welle (DW) tätig, wo er sich in seiner Blogschau und dem Gemeinschaftsblog "lab" mit technischen und inhaltlichen Innovationen im Netz beschäftigt. "In Deutschland findet in dieser Hinsicht nicht viel statt. Kreativität kommt meist woanders her." Dabei biete das Internet tolle Möglichkeiten, die häufig mit einfachen Mitteln umgesetzt werden könnten. Grund genug, sich einen Überblick über Trends zu verschaffen, wie es Bösch im Gespräch mit angehenden Redakteuren des Instituts für Journalistik getan hat.

In einer interaktiven Damals-Heute-Fotoshow hat die New York Times das 20-jährige Jubliäum des Mauerfalls in Berlin aufbereitet.

Ein realtiv simples, aber mitunter sehr wirkungsvolles Instrument kann ein interaktives Fotoelement sein: Die New York Times hat davon in ihrer Online-Berichterstattung über das Jubiläum des Mauerfalls Gebrauch gemacht. Der User kann per Maus mithilfe zweier übereinander gelegter Fotos den Zustand eines Ortes von 1989 mit 2009 vergleichen. Mit diesem Tool lassen sich Veränderung und Fortschritt spielerisch dokumentieren. In Kombination mit Ausschnitten einer Stadtkarte und kurzen Erklärtexten hat die New York Times auf diese Art eine sehr kurzweilige Fotostory produziert, "die trotz oder gerade wegen ihrer Einfachheit alles in den Schatten stellte, was in deutschen Online-Medien zu diesem Thema angeboten wurde", sagt Bösch.

Bilder sagen mehr als Worte

Überhaupt sei den deutschen Online-Medien die "geniale Einfachheit" von Fotostorys nicht bewusst. Dabei kommen viele Produktionen nicht etwa aus den USA oder Westeuropa, sondern gerade aus ärmeren Kontinenten wie beispielsweise Afrika. So bietet etwa "A Developing Story" eine Sammlung von Multimedia-Specials zu Themen aus Entwicklungsländern, häufig umgesetzt von NGOs und Amateur-Journalisten aus eben jenen Gebieten. Ein Skatepark in Uganda mag nicht unbedingt zu einer Zeitungs-Reportage taugen. In Bildern ausgedrückt aber offenbart sich eine Welt, die wir so nicht kennen. Der User kann im Netz und dank vieler guter Bilder in ein Leben weit weg von unserer "ziviliserten Welt" eintauchen. Im Fokus steht eine rudimentäre Skateanlage in Uganda, die weit mehr vom Land preisgibt, als es eine Zeitungs-Reportage mit ihrer beschränkten Länge jemals vermitteln könnte.

Der Fotojournalist Yann Gross hat mit Bildern erreicht, was Reportagen sollen: Atmosphäre erzeugen und Stimmung vermitteln.

"MOJO" noch ein Fremdwort

Marcus Bösch: "MOJO" wird groß.

"MOJO" bedeutet Mobile Journalism und bezeichnet im Allgemeinen das journalistische Berichten mittels eines mobilen Endgerätes. In Deutschland sieht man noch kaum Journalisten, die vom Handy aus arbeiten - mindestens der Laptop sollte es schon sein. "Man muss die technische Entwicklung aber nur um ein paar Jahre verlängern und wird zugeben müssen, dass die Berichterstattung mithilfe eines iPhones aller Wahrscheinlichkeit nach zum Standard werden wird", sagt Marcus Bösch. Dieser Trend ist schon jetzt in Ländern Afrikas sichtbar: "Voices of Africa" heißt das Pilotprojekt der Stiftung "Afrika Interaktive Medien". Mitarbeiter rüsten auf dem schwarzen Kontinent Journalisten mit moderner Mobilfunktechnik auf und lehren ihnen eine objektive Berichterstattung. Um 400 Prozent ist die Zahl der Handynutzer in Afrika nach Angaben der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) im vergangenen Jahrzehnt gestiegen. Da es an der Infrastruktur und Festnetzen in Afrika hapert, findet das Internet dort meist in mobilen Endgeräten statt. "Ich bin mir sicher, dass in Zukunft jeder Mensch immer und überall ins Internet kommt", sagt Bösch. Das mobile Endgerät werde dabei eine zentrale Rolle spielen, deswegen sei es schon jetzt an der Zeit, sich als Journalist mit den Möglichkeiten der Handy-Berichterstattung zu befassen.

Steckbrief "Marcus Bösch"

- 1976 in Frankfurt geboren
- Mittlerweile Wunsch-Kölner
- 2005 - 2007: Volo bei DW
- Freier Redakteur für die DW
- Produzent der Blogschau
- Autor des DW-Blogs "lab"
- Verfechter von Kreativität

Marcus Bösch selbst hat bei der Bundestagswahl 2009 für das "WahlBlog" der tagesschau via Handy berichtet. Das habe sehr gut funktioniert und sei gerade für Live-Berichterstattungen ein probates Mittel für Journalisten. "Dass die Qualität eines Bildes oder Videos bislang noch nicht perfekt ist - geschenkt. Auch das wird sich in naher Zukunft ändern und der User ist prinzipiell an authentischem Material interessiert", sagt Bösch. "Ein Online-Medium hat mit dem einstigen Papierprodukt nicht mehr viel zu tun. Noch sträuben sich die großen Medienhäuser in Deutschland, weil sie Angst vor einem drohenden Kontrollverlust haben." Dabei habe es "dort draußen" schon immer Menschen gegeben, die klüger sind. Nur durch die technische Entwicklung sei das jetzt viel offensichtlicher als vorher. Er selbst plädiert für einen "kontrollierten Kontrollverlust". Die Journalisten müssten sich ja nicht sofort in ein Blog begeben, "aber etwas mehr Mut zum Risiko und etwas mehr Experimentierfreudigkeit" würden dem Online-Journalismus hierzulande gut tun. Eine gelungene Online-Produktion, die den multimedialen Ansprüchen im Netz gerecht wird, ist ein Spezial über das Leben auf den Galápagos-Inseln.

Das Online-Spezial über das Leben auf den Galápagos-Inseln bietet vor allem Videos und Slideshows. Dem User bleibt dabei selbst überlassen, wie er sich durch das Spezial klickt, was ihn also interessiert - und was nicht.

Zaghafte Annäherungsversuche

Den Umgang der Online-Medien mit Multimedialität vergleicht Bösch mit dem natürlichen Argwohn vor dem Neuen, dem Unbekannten. Das Internet stelle nach wie vor eine relativ neue Kulturtechnik dar, die man erst erlernen müsse. Und bislang gehen viele Journalisten lieber den bequemen Weg und befassen sich nur rudimentär mit dem Phänomen Internet: "Das Leben ist verdammt schön - ohne das Internet! Das ist der Leitspruch vieler Journalisten, die sich als nicht besonders technikaffin einschätzen und es auch nicht sein wollen", sagt Marcus Bösch. Ein Generationsproblem hält er aber für blanken Unsinn (O-Ton Marcus Bösch / 1:27 Minuten):

Dennoch sei das Trial-and-Error-Prinzip in den Köpfen der Macher noch nicht so richtig angekommen. "Klar gibt es im Internet und dort im Online-Journalismus unendlich viele Möglichkeiten und klar stellen sich viele Darstellungsmethoden oder neue Ansätze im Nachhinein als Quatsch dar. Dennoch halte ich es für falsch, sich nicht damit zu beschäftigen", sagt Bösch. Großartige Innovationen aus dem eigenen Land fallen ihm momentan nicht ein. In den USA ist man da schon wesentlich weiter. Ein Fotojournalist wie Danfung Dennis, der als "embedded journalist" nach Afghanistan reist und dort mit einer "Canon 5dmkII" gleichzeitig ein qualitativ hochwertiges Video dreht, das zu einer Filmreportage ausufert ("Battle for Hearts and Minds"), sei in Deutschland (noch) nicht vorstellbar (im Video HD ausschalten).

Veröffentlicht: 28.05.2010
1 Kommentar
answer #1) Marcus homepage - 29.05.2010 - 12:18

Hi Stefan,

 

danke für die schöne Zusammenstellung. Hab ich echt behauptet: "Ich bin mir sicher, dass in Zukunft jeder Mensch immer und überall ins Internet kommt", sagt Bösch." - wenn, dann möche ich mich mal hier direkt davon distanzieren. Das mag für große Teile der Bevölkerung in zahlreichen Ecken und Enden der Welt gelten, aber sicher nicht für eine sehr sehr große Zahl von Menschen an anderen Ecken und Enden.

 

Best,

Marcus

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