Kommunikation der Krise(n): Aufgeheizt und ausgereizt?!
Das Jahr 2008: ein Jahr der Krise(n). Neben der Finanzkrise hatten die Medien ein weiteres Lieblingsthema, das zwar leise, dafür aber stetig und umso alarmierender daher kam: die Klimadebatte. Medien Monitor erklärt, warum dieser mediale "Notruf" bei den Rezipienten dennoch nur zu ungeheuerlicher Gelassenheit und informierter Apathie geführt hat.
Dortmund. Wie eine Flutwelle schwappte die Dauerkommunikation der Krise 2008 auf uns herein: Das Klima verändert sich in dramatischer Geschwindigkeit. Die Pole schmelzen, Tierarten sterben aus und ganz Holland wird bald im Meer versunken sein. Wie können wir dabei eigentlich noch ruhig schlafen - Glühwein trinken und Karneval feiern?
Auf dem Servierteller: Horrornachrichten
Der Grund: Nachrichten wie die des Wärmeschocks im Arktischen Ozean verschwanden auch im Jahr 2008 ebenso schnell wieder aus den Schlagzeilen wie die Gans vom Weihnachts-Servierteller.
Und so ist die Debatte der Politiker über Glühbirnen(tagesschau.de) Billigflieger und CO2-Ausstoß wieder einmal den altbekannten Mediengesetzen gefolgt. 24 Stunden nach einer Fast-Welt-Untergangs-Nachricht wurde eine andere Sau durch das Dorf getrieben. Eine Nachricht wie zum Beispiel die der Eiszeit zwischen Madonna und Guy Ritchie oder Boris Becker und seiner frisch verlobten, aber dann doch noch entflohenen Freundin.
Und seien wir mal ehrlich: Diese (seichten) Nachrichten waren es dann auch, die uns das gefrorene Blut in den Adern wieder warm werden ließen. Nach Schreckensmeldungen wie sie auch die ZEIT verbreitete:
Die Schlagzeile: "Das Desaster naht früher als erwartet". Weiter hieß es:
"Das arktische Packeis verschwindet schneller als bislang angenommen, mit dramatischen Folgen auch für Deutschland. Der WWF warnt in einem Bericht davor, dass das arktische Packeis schneller schwindet als bislang befürchtet. "Schneller, stärker, früher" heißt der Bericht den der World Wide Fund for Nature (WWF) in Berlin vorgelegt hat. "Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse" haben die Autoren zusammengefasst und kommen so zu einer düsteren Prognose: Die Folgen des Klimawandels werden Mensch und Tier nicht nur viel eher, sondern auch weitaus drastischer treffen als bisher vermutet".
Nun liegt es in der Natur der Nachrichten, nicht immer nur erfreulich zu sein. Und es ist gut, dass die Menschen informiert werden. Auch über unerfreuliche Dinge.
Darüber, dass Tiere aussterben, dass die Pole schmelzen und Naturkatastrophen zunehmen werden. Schließlich sollen die Medien nicht die Funktion der Feuerwehr übernehmen und zu retten versuchen, wenn es bereits brennt.
Klimakrise: Das kleinere Übel
Doch was sagen eigentlich die Rezipienten zu dieser Dauerkommunikation der Krise? Verheulte Augen und ein schreckensgeweiteter Mund– dies waren wohl die Reaktionen, als das Thema Klima vor einigen Jahren Einzug in die Medien hielt.
Heute hingegen werden selbst Titel wie "In 13 Jahren wird die Welt untergehen" oder "Es bleibt nicht mehr viel Zeit" kaum eines Blickes mehr gewürdigt. Völlig abgenervt von der Endlos-Schleife der Klima-Berichterstattung wird weitergeblättert, weggeklickt und weiter gezappt. Gnadenlos. Denn schließlich hatte es im vergangenen Jahr auch eine andere Krise auf die Titelblätter geschafft: die weltweite Finanzkrise, die die Klima-Krise in den Schatten stellte.
Dazu die die Süddeutsche im Oktober mit dem Titel "Warum retten wir nicht unsere Erde?"
"Zur Rettung unserer Konten würden wir zig Milliarden an Steuern zahlen. Bei dem Planeten, auf dem wir und unsere Kinder zu leben haben, sieht das anders aus".
Und die Antwort auf diese Frage? Der Tenor: Die Finanzkrise trifft uns alle. Plündert unsere Konten und vermiest uns unseren Karibik-Urlaub. Dagegen sind die paar Stürme und Hurrikans im Herbst doch harmlos.
Und außerdem bringt die Finanzkrise doch was Gutes mit sich, mag sich dann noch der ein oder andere BILD-Leser denken. Zumindest die, denen sich der Titel "Krise rettet Klima" ins Gedächtnis gebrannt hatte.
"Die Rezession reißt die Welt in die Krise. Aber sie hat auch etwas Positives: Sie bremst Klimawandel und Erderwärmung!
Klimaexperte Gernot Klepper, Institut für Weltwirtschaft, zu BILD: "Rezession bringt Klimaschutz und Weltrezession bringt massiven Klimaschutz!" Kleppers Prognose: "Allein, wenn sich das chinesische Wirtschaftswachstum halbieren sollte, geht der Anstieg der Treibhausgas-Emissionen um ein Viertel zurück. Es könnte sogar sein, dass die weltweite Konjunkturkrise kommendes Jahr das globale Emissionswachstum stoppt."

- Rezipienten wurden auch über die positiven Folgen der Klimaerwärmung aufgeklärt.
Auf der Spitze des Eisberges: die BILD-Zeitung
Na also, da haben wir es doch. Kein Anlass zur Sorge. Da werden Negativ-Schlagzeilen wie "UN-Klimabericht: Diese Tierarten sterben aus und wir Menschen müssen unser Leben total ändern" doch lieber wieder verdrängt.
"Teil 2 des UN-Klimaberichts - ein neuer Schock! Milliarden Menschen werden die Folgen der Erderwärmung schmerzlich spüren: Kein Wasser mehr, sie verdursten oder verhungern, müssen sich neue Lebensräume suchen".
Und was können Normalos gegen diese trüben Aussichten tun? Die Tipps der BILD für Klimabewusste Leser: "Wir müssen härter zu uns sein! Wir müssen essen, was die Erde verdauen kann! Die Heimat neu entdecken."
Ausgezeichnete Idee, wenn man sich diese Schreckens-Meldung "Zerstören Hurrikane unser schönes Mallorca?" desselben Blattes in Erinnerung ruft.
"Schwarze Wolken jagen über den Himmel, schwere Regentropfen fluten auf die Strandpromenade von El Arenal, Sturmböen zerfetzen die Werbeschilder der Kioskbesitzer. Ein Hurrikan trifft Mallorca.
Ein Horror-Szenario für Millionen Sommerurlauber, das schon bald Wirklichkeit werden könnte!"
Das Thema Klima: Geliebt und Gehasst
Dass uns das Klima bald Angst und Schrecken bereiten wird, wussten die BILD-Leser (exklusiv?) also bereits 2007.
Und dennoch: Wissenschaftler und Redakteure strampelten sich auch 2008 mal wieder mächtig ab. Es schien, als hätten sie einzig und allein den Ernst der Lage verinnerlicht. Die Folge: Die Themen 2008 wie etwa der G-8-Gipfel in Heiligendamm (süddeutsche.de), die Pendlerpauschale (tageschau.de) und der neu gewählte Obama (spiegel.de) wurden gern einmal mit der Klima-Berichterstattung gekoppelt.
Das Thema Klima war 2008 einfach das Liebkind der Wissenschafts-Redakteure. Ganz im Gegenteil zu vielen Rezipienten, vor allem denjenigen natürlich, die sowieso nicht nach Mallorca fliegen.
Mediale Wiederholung lässt Wahrheit sterben
Und so betrachteten diese das Schauspiel auch im Jahr 2008 aus sicherer Entfernung.
Denn genau diejenigen Medien, die die Klimaproblematik zum Thema machen, schwächen es. Und das, obwohl ihr eigentliches Ziel ist, jeden Einzelnen der Gesellschaft zu informieren und zu alarmieren. Doch jede Wiederholung schwächt sich selbst. Stumpft ab. Denn ein Schock folgt dem Nächsten. Und so kann auch das Foto der drei Eisbären auf einer dahin schmelzenden Eisscholle nicht mehr erschrecken. Das Ende ihrer Art lässt uns kalt.
Und das ist wahrlich die Spitze des Eisberges. Denn die serielle Monotonie betäubt den Schrecken, den sie eigentlich auszulösen versucht. Krasser gesagt: Die mediale Wiederholung lässt die Wahrheit sterben. Ungeheuerliche Gelassenheit und informierte Apathie - das waren wohl die Reaktionen der Rezipienten auf den Medien-Hype der Klimaberichterstattung 2008.
In einer Epoche, die eine einzige Krise zu sein scheint. Was bleibt zu tun? Auf keinen Fall die Krise kriegen.





