Politikerbuch
Kluger Zug von Schmidt und Steinbrück
Drei Wochen ist "Zug um Zug" auf dem Markt. Was ist im Gedächtnis geblieben vom Werk der Männerfreunde Helmut Schmidt und Peer Steinbrück? Vor allem eine Medienlandschaft, die sich bereitwillig für eine politische Werbekampagne einspannen ließ.

- Da freut er sich: Peer Steinbrück (SPD) war der Medienrummel um sein Buch sicher kein Dorn im Auge.
Es ist ein Buch, das Geschichte schreiben könnte, ein "Kanzler-Macher-Buch", ein Buch, das politische Weichen auf Jahre zu stellen vermag. Vor gut drei Wochen kam "Zug um Zug" auf den Markt, seitdem hält es sich hartnäckig in der Bestseller-Liste der großen Literaturportale, so hartnäckig, wie die Verfasser Helmut Schmidt und Peer Steinbrück sich auf der großen Bühne der deutschen Medienlandschaft postiert haben.
Doch Hand aufs Herz: Wie viel ist dem öffentlichen Gedächtnis geblieben von "Zug um Zug", das zu bewerben die beiden Autoren nicht müde wurden? (Inhaltlich tendiert diese Zahl wohl gegen Null.) Der ein oder andere aufmerksame Leser der überregionalen Presse erinnert sich vielleicht noch an das verkehrt aufgestellte - und genüsslich breitgetretene - Schachbrett auf dem Umschlag des Buches. Dann kommt lange nichts.
Nur das mediale Echo hallt nach
Das mediale Echo, das auf das Werk der beiden SPD-Männer folgte, hallt dagegen noch immer nach.
Was haben sie gesendet, geschrieben, getitelt. Die Medien schrieben den einfachen Abgeordneten Steinbrück stark, machten ihn wahlweise zum "Reservekanzler Steinbrück" ("Handelsblatt"), zum "Kanzlerkandidat Steinbrück" ("Spiegel") oder zum "Staatsmann Steinbrück" ("Financial Times Deutschland").
Vereinzelt wurden auch kritische Stimmen laut. Das Polit-Magazin "Cicero" zeichnete übertrieben nach, wie Steinbrück zum "Retter in der Not" gekürt wird. Das Satire-Blatt "Titanic" ironisierte die Hoffnungen, die in den Ex-Finanzminister gesetzt werden. Und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" nannte ihn nüchtern einen "Kanzlerkandidatenkandidaten". Doch derartige Berichterstattung ging in der Breite des Pressespiegels unter.
Durch die Bank fragten die deutschen Meinungsmacher zudem, ob ein Volksheld wie unser Altkanzler und ein ausgewiesener Finanzexperte eine derartige Aufmerksamkeit nötig hätten. Vielleicht.
Politische Werbekampagne durch "Jauch" und "Spiegel"
Die eigentliche Frage ist eine andere: Hat die Medienlandschaft es nötig, sich derart als Marionette einspannen zu lassen? Dass "Die Zeit" (herausgegeben von Helmut Schmidt) sich auf einen solchen politischen Werbefeldzug einlässt, ist keine große Überraschung.
Doch die Schlagzeilen machten andere: Leitmedien mit dem Anspruch zumindest angestrebter Objektivität, denen eine Instrumentalisierung dieses Ausmaßes nicht zuzutrauen war: "Er kann es" titelte der "Spiegel", "Günther Jauch" lud die beiden obendrein zur die beste Talk-Sendezeit ein. Dabei verrieten Schmidt und Steinbrück nicht mal etwas Neues. Auch eine eindeutige Antwort auf die Frage nach einer Kanzlerkandidatur ließ der ehemalige Finanzminister vermissen.
Eine "Win-Win-Win-Situation" für alle Beteiligten
Wieso also machten die Medien eine Nachricht zur Nachricht, die gar keine ist? Wieso boten sie eine Plattform dieser Größenordnung, warben bereitwillig für einen Politiker? Die Gründe lassen sich erahnen - für alle Beteiligten war es eine "Win-Win-Win-Situation".
Für die Medien ist Steinbrück ein dankbarer Protagonist, er ist ihr Liebling. Denn er liefert lesenswerte Geschichten, wie die vom lang ersehnten Retter, wie die vom Aufstieg nach dem Fall. Steinbrück ist zuverlässiger Quotenlieferant: Gerade in Zeiten einer voranschreitenden Personalisierung von Politik-Berichterstattung, die längst auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ereilt hat, lassen sich triste Themen über ihn transportieren.
Helmut Schmidt unterdessen beweist eindrucksvoll, dass sein Wort auf nationaler Ebene noch immer schwer wiegt. Wie zu Zeiten seiner politischen Karriere spielt der Meister der Inszenierung mit den Medien - und sie spielen gerne mit. Obendrein nutzt Schmidt die Gelegenheit, sein Buch öffentlichkeitswirksam zu bewerben.
Mediale Präsenz als Rezept für Steinbrücks Karriere
Und Peer Steinbrück? Ihn schien der ganze Rummel um seine Person, um die ungeliebte "K-Frage", noch am ehesten kalt zu lassen. Dabei ist genau das - eine dezente Zurückhaltung bei gleichzeitiger Medienpräsenz - das perfekte Rezept für ihn: Er verärgert seine Partei nicht (weiter) mit seinen Vorstößen, hält sich als möglicher Kanzlerkandidat aber trotzdem im Spiel.
Nach außen hin schien den beiden der Hype um eine Steinbrück'sche Kanzlerkandidatur schon nach kurzer Zeit selbst sauer aufzustoßen. Schmidt schimpfte, Politik-Berichte sollten wieder mit Inhalten gefüllt werden - was aus seinem Mund mit einem leicht sarkastischen Beigeschmack daherkommt. Steinbrück unterdessen reagierte zuletzt gereizt auf die geifernden Fragen der Journalisten, die seinen für sie so selbstverständlichen Anspruch auf das Kanzleramt bestätigt hören wollten - auf der Jagd nach der Schlagzeile, die keine hätte sein dürfen. Zumindest nicht so breit abgebildet, zumindest nicht so früh. Gewählt wird immerhin erst 2013.
Die Medien machten "Zug um Zug" zum "Kanzler-Macher-Buch"
Um die Werbung für ihr Buch kümmern sich der Altkanzler und sein medial designierter Nachfolger immerhin weiter persönlich. Sie tourten durch die Republik, Abend für Abend, von Bühne zu Bühne. Für die politische Selbstdarstellung dagegen bedienten sie sich gerne einer Plattform, die sich ihnen bereitwillig untertan gemacht hat. Wer will es ihnen verübeln?
Übrigens: "Zug um Zug" beinhaltet Gespräche der beiden Männerfreunde, in denen sie sich zu aktuellen Debatten äußern und großzügig gegen Politik und Wirtschaft austeilen. Die Ansichten en detail filterten die Medien leider nicht heraus, dafür eine ausgeklügelte Werbekampagne für Peer Steinbrück. (Und ein verkehrtes Schachbrett.) "Zug um Zug" ist also gar kein "Kanzler-Macher-Buch". Es wurde dazu, weil die Medien es dazu machen wollten.
Eins muss man Schmidt und Steinbrück lassen: Sollte das ihre Strategie gewesen sein, so war es ein kluger Zug.
Text: Henrik Veldhoen
Foto: Dietmar Meinert / pixelio.de - Teaserfoto: tommyS / pixelio.de
