
"Klingonen, die knurren, beißen nicht"
Die sechzehnte FedCon im Bonner Maritim Hotel ist ein großes Schaulaufen der Trekkie-Zunft. Dabei sind einige Stars der Serien und Filme sind ohne Kostüm und Maske fast genauso schwer zu erkennen wie die Fans mit ihren bunten Uniformen und geschminkten Gesichtern.
Elisabeth Thentie ist ein solcher Fan. Maskiert als Ferengi kann man das menschliche Gesicht unter der faltigen Gummi-Nase und zwischen den rieseigen falschen Ohren gerade noch erahnen. Seit ihrer Jugend ist sie Star-Trek-Fan. Ihre beiden erwachsenen Töchter haben sie zu den vorangegangenen FedCons mitgenommen und so auf den Geschmack gebracht.
Die Töchter begleiten ihre Mutter auch dieses Mal - und zeigen von Scham keine Spur. Wieso Scham? Weil ihre Frau Mama für eine Ferengi höchst unanständig unterwegs ist. Bei den Ferengi gelten bekleidete Frauen als ausgesprochen frivol. Eine anständige Frau ist bei ihnen selbstverständlich nackt. So erklärt sich auch der Aushang an einer Pinnwand als typischer Trekkie-Scherz: "Heiß!!! Ferengi-Frauen ziehen sich an - Live und exklusiv".
Der kleine große Fähnrich Kim
Dem Raumklima bei der FedCon wäre nackte Haut durchaus angemessen. Die heiße Juni-Sonne brät durch die Fensterscheiben im Foyer des Maritim Hotels. In der Hitze drängen sich die Fans vor den Karten-Schaltern. Ein großer, kräftiger Mann mit langen, schwarzen Haaren bahnt sich einen Weg durch die Menge. Das ist doch nicht…? Ich starre ihn an. Er starrt zurück. Das ist Garrett Wang. Als Fähnrich Kim in der Serie Raumschiff Voyager wirkt er klein, geduckt und scheu. Im wirklichen Leben ist der kleine Kim einen Kopf größer als ich und hat die eindeutig lässigere Frisur von uns beiden.
Erst recht nicht wieder zu erkennen ist der Schauspieler Armin Shimerman – zumindest für alle, die ihn nur in seiner Rolle als der Ferengi Quark kennen. Da haben es die Fans leichter, die auch die Fantasy-Serie "Buffy im Bann der Dämonen" schauen. In dieser Serie spielt Shimerman den Schul-Rektor Snyder, natürlich ohne Ferengi-Ohren. Wer aber genau hinschaut, entdeckt auch an dem Menschen Armin Shimerman etwas, das zum Markenzeichen von Quark dem Ferengi geworden ist: sein verschmitztes Grinsen.
Sternenkrieger als Türsteher
Ich gehe weiter zur Pressekonferenz. Dort sehe ich die Stars nicht nur im Vorbeihuschen. Auf dem Weg stelle ich meine Kamera ein. Eine braun geschminkte Hand fährt mir plötzlich dazwischen und hält mich am Arm. "Ausweis!" Ich gucke verdutzt hoch – und schaue ins Gesicht eines Klingonen. Der Zwei-Meter-Kerl macht als Weltraum-Krieger gehörig Eindruck. Statt in gurgelndem und zischendem Klingonisch fragt er mich in astreinem Bayerisch: "Hob’n Sie oan Ausweis?" Von seiner Sorte werden mir auf der FedCon noch viele begegnen: Die Klingonen vom Fanclub Khemorex Klinzhai sind als Gruppe angereist.
Plaudern mit den Stars
Die Pressekonferenz ist nett – aber nicht gerade überraschend: Die Stars sparen nicht an Lob für Deutschland und die deutschen Fans. Kate Mulgrew (Captain Janeway) reißt immerhin einen ziemlich irischen Witz. Auf die Frage, ob Star Trek ihr Leben verändert habe, entgegnet sie: "Es hat mein Leben völlig verändert. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß – dann hätte ich nicht gewusst, ob ich dafür betrunken genug bin."
Zur kritischen Frage, warum die jüngste Serie "Enterprise" nach vier Staffeln abgesetzt worden ist, meldet sich Jonathan Frakes zu Wort: "I have no clue." Der Mann, der Star Trek als Schauspieler und Regisseur mitgeprägt hat, will also "keine Ahnung" haben. Immerhin räumt er das Gerücht aus der Welt, Matt Damon werde im elften Star-Trek-Film den jungen Captain Kirk spielen.
Kunst und Krempel
Ich mische mich wieder unter die Trekkies. In den oberen Etagen des Hotels können Fans ihre eigenen Kunstwerke zum Thema Star Trek ausstellen. Liebevoll gemacht sind die kleinen und großen Werke allemal. Aber Einiges mutet sehr merkwürdig an. Der Klingone Worf in rotem Hut und rotem Mäntelchen wirkt doch deutlich femininer, als man den knorrigen Kerl aus "Raumschiff Enterprise" kennt. Ich lasse mich aber von umstehenden Trekkies belehren, dass er in diesem Aufzug tatsächlich in der Serie zu sehen war.
Trotzdem sind die Arbeiten von Dietrich Kerner eher mein Fall. Als kleiner Junge hat er sich mit schwarzem Filzstift Mister Spocks Augenbrauen ins Gesicht gemalt. Heute schnitzt und schmirgelt er aus PVC-Platten Bildschirme und Armaturen von Raumschiffen. Acht Stunden und mehr arbeitet er an einem Stück. Inzwischen versteigert er sie im Internet. "Sonst wird’s zu viel für mein Wohnzimmer. Und die Materialkosten muss ich auch wieder reinholen."
Fiktive Währungen - echte Preise
Auf der FedCon fehlt auch das profesionelle Merchandising nicht. An den Verkaufsständen fühle ich mich wie auf einem Basar. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn mir einer der Händler gleich einen Teppich verkaufen wollte. Besucher fachsimpeln und begutachten die Fan-Artikel: Fotos und Poster, Action- und Zinnfiguren, Autogramme, Sammelkarten, Modelle von Raumschiffen und Waffen. Die Währungen auf den Preisschildern heißen Credits, Latinum oder gar Wuppi-Wuppi. Was so niedlich klingt, steht oft zusammen mit weniger niedlichen Zahlen. Umgerechnet in Euro wird leider 1:1.
Betty Kaufmann (42) aus Köln, die als Vulkanierin ihre Runde macht, trägt es mit einem Schulterzucken: "Man ärgert sich über die Preise und geht schnell wieder." Ihre blaue Sternenflotten-Uniform hat sie nicht gekauft, sondern selbst genäht. Die anderen Fans zu treffen, sei ihr sowieso das Wichtigste. Sie freut sich – ganz untypisch für die sonst eher kühlen Vulkanier – auf die große Fan-Party am Abend. Hier geht es zum Interview mit Betty.
Simon Matthe (21) aus München denkt sehr praktisch über die hohen Preise: "Wenn Star Trek kein Geld macht, dann ist die Serie weg." Simon hat als er fünf Jahre alt war zum ersten Mal mit seinen Eltern "Raumschiff Enterprise" gesehen. Aus der Kindheitserinnerung ist mehr geworden: Simon sagt, dass wir von Star Trek lernen können. "Es ist die Vision einer positiven Zukunft, in der die Menschheit vereint ist und zusammen mit anderen intelligenten Lebewesen aus dem Weltall lebt." Hier geht es zum Interview mit Simon.
An der Klingonen-Bar
Ganz friedlich geht es im Universum von Star Trek allerdings auch nicht zu. Die Klingonen sind zum Beispiel ziemlich rohe Gesellen – auf der Leinwand und bei der FedCon. An der Klingonenbar "Zum tanzenden Gach" hocken sie mit ihren Kelchen zusammen, trinken Blutwein und gurgeln den Zuschauern hin und wieder etwas auf Klingonisch zu.
Rock auf Klingonisch – Musik begleitet die wilden Zecher. (682kb; 0:43min)
Als ich sie fotografiere, zischen und schreien sie in einem besonders unfreundlichen Tonfall. Ein stilecht kostümierter Bajoraner klopft mir auf die Schulter und spendet mir Trost: "Du weißt doch – Klingonen, die knurren, beißen nicht."
Text: Sebastian Quillmann;
Fotos: Sebastian Quillmann, FedCon, www.startrek.com












