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Kuriose Krankheiten in der medizinischen Fachliteratur

Kleine Historie: Konsolen-Krankheiten in der medizinischen Fachliteratur

Die Konsolen-Krankheiten sind keineswegs ein Phänomen der heutigen Zeit. Die medizinische Fachliteratur beschäftigt sich mit ihnen, so lange das Medium Videospiele existiert.

Auf den Spielhallen-Klassiker "Space Invaders" lässt sich die erste diagnostizierte Konsolen-Krankheit zurückführen.

"Spielen Sie in einem gut beleuchteten Raum und spielen Sie nicht, wenn Sie müde sind." Den meisten Videospielern dürften derartige Warnhinweise bekannt sein. Die wenigsten von ihnen werden sich darüber aber ernsthaft Gedanken machen. Die Folgen: Wiiitis, ein PlayStation-Daumen oder Eiternde Nintendinitis. Klingt komisch? Durchaus, aber die Begriffe tauchen so tatsächlich in der medizinischen Fachliteratur auf. Eine der ersten so genannten Konsolen-Krankheiten wurde am 28. Mai 1981 von dem Medizin-Studenten Timothy McCowan im "New England Journal of Medicine" beschrieben. Er beobachtete an sich eine "schmerzhafte Steifheit des Handgelenks." Die Ursache war schnell gefunden: McCowan hatte einige Abende in einer Spielhalle verbracht, der Schmerz rührte vom schnellen Strecken und Beugen seines Handgelenks und Unterarms beim Spielen von "Space Invaders". Die Bezeichnung für die Erkrankung lag also nahe: "Space-Invaders"-Handgelenk. Auf das Konto von Nintendo geht gleich eine ganze Reihe von Konsolen-Krankheiten. Ebenfalls im "New England Journal of Medicine" beschreibt der Rheumatologe Richard Brasington im Mai 1990 den Nintendo-Daumen, der kurze Zeit später unter dem Begriff Nintendinitis durch die Presse geht. Zunächst beobachtet Brasington das Symptom bei seiner Schwägerin, die mit starken Schmerzen in ihrem Daumen zu ihm kommt, nachdem sie fünf Stunden am Stück mit dem Super Nintendo ihres Sohnes gespielt hatte. Als der Rheumathologe die Krankheit an einem zweiten, ebenfalls erwachsenen, Bekannten beobachtet, schlägt er vor: "Man sollte die Sportverletzung Nintendinitis nennen." Kurze Zeit später bekommt das Thema weltweit mediale Aufmerksamkeit. So schreibt der Spiegel 1990 zur Markteinführung des Game Boy: "Die Folgen sind absehbar, US-Ärzte haben sie schon bei computerbegeisterten Kindern gefunden: dicke Hornhaut am Daumen, verkrampfte Hand - Diagnose: Nintendinitis".

Nintendo wird zur Kasse gebeten

Das Spiel "Mario Party" für das Nintendo 64 löst in den USA eine Beschwerdewelle aus: Bei bestimmten Mini-Spielen kann es zu Verletzungen der Hände kommen.

Der Game Boy ist es auch, der den kanadischen Radiologen David Miller dazu veranlasst, ebenfalls 1990 im "Canadian Medical Association Journal" über den Nintendo-Nacken zu schreiben, den er an seinem Sohn beobachtet. Schuld an dessen Nackenschmerzen sei laut Miller die ungesunde Haltung beim Spielen: Kinn auf der Brust, Ellbogen gebeugt, den Monitor nah an sein Gesicht haltend. "Die Schmerzen müssen sehr heftig gewesen sein, weil er tatsächlich das Spiel aufgab und mit seiner Schwester Barbie spielte", schreibt Miller. Etwas schwerwiegender ist die Eiternde Nintendinitis, deren Ursache im exzessiven Spielen des Nintendo 64-Spiels "Mario Party" liegt. Hier muss der Spieler bei einigen Mini-Spielen den Analogstick des Controllers mit der Innenfläche seiner Hand schnell rotieren lassen, was zu Verbrennungen oder Risswunden führen kann. Der australischen Kinderarzt Guan Koh beschreibt den Fall 2000 im "Medical Journal of Australia". Neben 14 Tagen Spielverbot verschreibt Koh seiner 9-jährigen Patientin zweimal täglich gewechselte Verbände mit antiseptischer Salbe. In den USA muss Nintendo für ähnliche Fälle tief in die Tasche greifen. Auch hier kommt es durch das Spielen von "Mario Party" zu Verletzungen an den Händen der Spieler. Nach einer Beschwerdewelle von besorgten Eltern, erklärt sich Nintendo bereit, jeden amerikanischen "Mario-Party"-Käufer kostenlos mit vier Schutzhandschuhen zu versorgen.

DualS(c)hock-Controller

Die Vibrationen dieses Contollers können zum Platzen kleiner Blutgefäße führen.

Konsolen-Krankheiten sind allerdings kein Phänomen älterer Konsolen-Generationen. Auf den Namen PlayStation-Purpura hört eine Erkrankung, die im vergangenen Jahr von der australischen Dermatologin Susan Robertson im "Australasian Journal of Dermatology" beschrieben wird. Durch die Vibrationsfunktion seines DualShock-Controllers platzen bei einem 16-Jährigen kleine Blutgefäße unter der Haut seines Zeigefingers. Die Folge sind kleine rote Beule an den entsprechenden Stellen. Im Juni 2007 schreibt der spanische Arzt Julio Bonis Sanz im "New England Journal of Medicine" über eine spezielle Sehnenentzündung in seiner Schulter. Da seine einzige körperliche Belastung in den vergangenen Tagen darin bestand, "Wii Sports" zu spielen, nennt er seine Verletzung akute Wiiitis. In seinem Aufsatz warnt der Arzt bereits vor weiteren Folgen: "Zukünftige Spiele könnten verschiedenen und unerwartete Muskelgruppen beanspruchen. Ärzte sollten sich auf viele, möglicherweise rätselhafte Formen der Wiiitis einstellen."

Text: Stefan Stöckmann
Fotos: Taito, Nintendo, Sony

Veröffentlicht: 09.06.2011
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