Klein, aber kreativ: Die Süddeutsche sucht Slam-Poeten

- Die SZ lädt zum Poetry Slam.
München. Die Süddeutsche (SZ) ist seit jeher etwas für die Intellektuellen und Schöngeistigen unter uns 82 Millionen Deutschen. Wen wundert es, dass das Web-2.0-Projekt künstlerischer ausfällt als die Initiativen mancher Medienkonkurrenten. Man greife eine junge, aber anspruchsvolle Kunstform auf, hebe sie ins Netz und würze sie mit ein wenig Politik - schon ist ein kreativer und intelligenter Beitrag zur Bundestagswahl für die Zielgruppe U35 fertig. So einfach?
Die SZ beweist jedenfalls, dass Politik und Kultur keine Gegensätze sind. Dass sie damit einen Beitrag zur Meinungsbildung vor der Wahl leistet, darf stark bezweifelt werden. Aber das ist sicher auch nicht das Ziel des Slam-Wettbewerbs. Immerhin bringt der Wettbewerb junge Leute dazu, sich überhaupt mit politischen Themen auseinanderzusetzen und dazu Stellung zu beziehen, denn ohne eigene Meinung wird kein guter Slam-Beitrag zustande kommen.
Qualität statt Quatsch
Beim ZDF-Projekt "Open Reichstag" hat die Möglichkeit, eigene Videos hochzuladen, Freaks angelockt, die die Chance witterten, ein wenig öffentliche Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wie groß ist die Schar der Freaks, die sich mithilfe der SZ austoben wollen?
In einem literarischen Wettbewerb tragen mehrere Autoren dem Publikum selbstgeschriebene Texte vor. Die Zeit des Auftritts ist dabei meist begrenzt. Die Zuschauer entscheiden per Applaus, welcher Auftritt ihnen am besten gefallen hat. Dabei spielt neben dem Inhalt des Textes auch die Vortragsweise eine entscheidende Rolle.
Klein, es gibt sie praktisch nicht. Der Nutzer findet tatsächlich ambitionierte Hobby-Dichter, die ihre ganze Kreativität in den Wettbewerb zu legen scheinen. Schräge Vögel und peinliche Selbstdarsteller - Fehlanzeige. Was macht die Süddeutsche anders als das ZDF? Die Ursachen können vielfältig sein. Vielleicht ist die Süddeutsche bei den talentfreien Selbstblamierern einfach nicht bekannt. Wer die Süddeutsche kennt, hat genug Grips, einen ordentlichen Beitrag zu verfassen, für den er sich später nicht schämen muss, oder seine freakigen Momente im heimischen Wohnzimmer zu belassen.
Die ZDF-Fraktion mag es so formulieren: Fernsehen erreicht eben doch viel mehr Menschen als Printmedien. Während SZ für die Applaussuchenden eine bedeutungslose Buchstabenkombination ist, wissen sie, dass beim ZDF mit etwas Glück Millionen zusehen.
Wahrscheinlich ist der in Aussicht stehende Gewinn ein gutes Auslesekriterium: Schließlich hat nicht jeder Interesse, für sueddeutsche.de am Wahlwochenende aus dem Bundestag zu berichten.
Wie es der Süddeutschen auch gelungen sein mag, fest steht: Das Experiment "Slam die Wahl" wird von den Nutzern ernstgenommen. Sogar Sulaiman Masomi, ein gestandener Slam Poet, nimmt am Wettbewerb teil. Ein Ritterschlag:
Einziger Kritikpunkt: Vom Wesen des Poetry Slam hat man sich bei "Slam die Wahl" doch einige Meter entfernt. Denn ein Poetry Slam zeichnet sich normalerweise dadurch aus, dass das Publikum über den Applaus abstimmt, welcher Künstler den Slam gewinnen soll. Es geht eben nicht darum, Experten zu gefallen oder vor einer Fachjury zu bestehen, sondern gemeinsam mit dem Publikum Spaß zu haben.
Der Poetry-Slam von sueddeutsche.de ist in vollem Gange.
Auf www.youtube.com/szpoetry können die Nutzer zurzeit über die Beiträge der besten acht Kandidaten abstimmen.
Das Finale findet am 21. August statt.
Charmantes Projekt mit kompetenter Jury
Trotzdem: "Slam die Wahl" ist nicht einer dieser verunglückten Versuche arrivierter Medien jung zu wirken, sondern ein kreativer Ansatz, der sich von den sonstigen trommelwirbelbegleiteten Aktivitäten anderer Medien wohltuend abhebt. Statt auf eine Jury mit großen, jugendlichen Namen zu setzen, zählt bei der Süddeutschen dann auch in erster Linie Kompetenz. Zwar ist mit Claudia Roth ein echter Promi dabei, doch Slam Poet Sebastian23, SZ-Feuilleton-Redakteurin Christine Dösse und sueddeutsche.de-Chef Hans-Jürgen Jakobs komplettieren das Team. Auf große PR-Aktionen zum Start des Wettbewerbs hat man verzichtet. Und während andere Projekte wie die studiVZ-Wahlzentrale "eine bedeutende Rolle im Bundestagswahlkampf spielen wollen", sind die Ansprüche hier angenehm bescheiden: "Unser politischer Korrespondent Thorsten Denkler hatte die Idee und wir fanden sie gut, weil wir denken, so Jüngere für die Bundestagswahl interessieren zu können".
Der SZ ist es gelungen, ein kleines, charmantes Netz-Projekt auf die Beine zu stellen, das junge Nutzer anspricht und trotzdem der Qualität entspricht, für die die Süddeutsche als Printprodukt bekannt ist.
YouTube-Kanal der Süddeutschen zum Poetry-Slam-Wettbewerb "Slam die Wahl!"
Dortmunder Lesebühne: Vier der bekanntesten Slam Poeten Deutschands treten regelmäßig im Domicil auf
Website des Slam Poeten Sulaiman Masomi
Die Geschichte des Poetry Slams
Text: Paulina Henkel
Fotos: Matthias Stich, gruene, oH/sueddeutsche.de
Montage: Paulina Henkel

