"Keiner lässt seinen Kumpel im Stich"
Von Katharina Bons
Bottrop. Sie arbeiten noch heute in dem Beruf, der das Ruhrgebiet am meisten geprägt hat: Dirk Smolnikar und Jörg Müller sind Bergmänner, Kumpels. Warum nur der Beruf des Fußballprofis mit dem des Bergmanns konkurrieren kann, wie die Arbeit unter Tage heute aussieht und was einen Kumpel auszeichnet, verraten die beiden Mitvierziger im ersten Teil des Interviews.
Frage: Ihr habt beide Bergmechaniker gelernt und die Technikerschule besucht. Was genau ist eure Aufgabe heute auf dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop?
Dirk Smolnikar: Wir betreuen das Gebiet "Lean-Processing", also eine Prozessoptimierung. Wir führen Gespräche mit den einzelnen Revieren. Wir haben vier Reviere, die produktiv sind, in dem Sinne, dass Kohlen gefördert werden. Es werden Zahlen aufgelegt, die zeigen, wo gibt es Probleme, wo kann man Verbesserungen anleiern, was kann getan werden, damit wir effektiver und vor allem kostengünstiger werden.
Jörg Müller: Wir fahren dann auch an und gucken uns die Arbeitsplätze und -schritte unter Tage an und sprechen mit den Mitarbeitern. Unsere Aufgabe ist es, denen zu helfen, damit die ihre Arbeit leichter und schneller machen können. Wir arbeiten zirka 40 Stunden in der Woche, davon 20 Stunden unter Tage. Der Rest ist Büroarbeit
Wie sieht der Arbeitsalltag von euren Kollegen aus, die komplett unter Tage arbeiten?
Smolnikar: Wir sind in der Regel vierschichtig belegt - 5, 11, 17 und 23 Uhr. Bei einer Fünf-Uhr-Schicht ist der Kollege meist um 4.15 Uhr schon da, zieht sich dann in der Kaue um, bekommt einige Informationen von seinem Reviersteiger und geht in die Grube. In 1000 Metern Tiefe fährt er dann mit dem Zug. Wenn er um fünf Uhr anfährt, ist er in der Regel um sechs Uhr da, wo er arbeitet. Das sind so fünf, sechs Kilometer.
Müller: Von der Geschwindigkeit ist das ungefähr so, wenn man an einer Schranke steht und da kommt ein Güterzug mit endlos vielen Waggons. (lacht)
Smolnikar: Dann steigen die Leute aus, treffen sich an einem Informationspunkt unter Tage. Da werden dann noch einmal die aktuellen Arbeiten abgesprochen. In der Regel weiß jeder, was er für eine Tätigkeit zu tun hat. Wenn die dann an den Arbeitsplätzen angekommen sind, sprechen die kurz mit den Kollegen, die dann im Schichtwechsel sind. Ganz wichtig ist für uns, dass der Betrieb nahtlos läuft, also keine Stillstandszeiten kriegt. Und dann nehmen die ihre Arbeit auf, sodass der Betrieb eigentlich kontinuierlich rund um die Uhr läuft – ausgenommen Samstag und Sonntag. Die Arbeitszeit vor Ort ist in der Regel sechs Stunden, denn das, was wir hingehen, müssen wir auch wieder zurück gehen.

- Die beiden Bergmänner an ihrem zweiten Arbeitsplatz im Bergwerk Prosper-Haniel. Foto: privat
Was zeichnet einen Kumpel aus?
Smolnikar: Ich denk mal, dass der Kumpel ziemlich ehrlich ist und dir auch vor den Kopf sagt, was er denkt. Und der Kumpel ist vielseitig einsetzbar. Der macht jetzt zwei, drei Jahre die Tätigkeit und dann kann man den ruckzuck "umprogrammieren", dass der eine andere Tätigkeit ausübt.
Müller: Keiner lässt seinen Kumpel im Stich. Und die Sprache ist häufig so laut, dass die anderen meinen, man hätte Streit.
Sind denn alle im Bergbau Beschäftigten Kumpel, auch die aus den sogenannten "weißen Bereichen", also der Verwaltung?
Smolnikar: In gewissen Sinne, sind wir alle Kumpels. Auch die Kollegen über Tage sind alles Kumpels. Bergleute selbst sind alle Kumpels. Natürlich gibt’s dann da verschiedene Positionen unter den Kumpels, der eine ist Aufsichts-Hauer, der andere ist Steiger, der andere ist der Abteilungsleiter - aber selbst den Abteilungsleiter würde ich als Kumpel bezeichnen.
Wie seid ihr dazu gekommen, Bergmänner zu werden? Gab es in eurer Familie eine Tradition?
Smolnikar: Ich habe in meiner Verwandtschaft einen Onkel, der auf dem Bergwerk Walsum gearbeitet hat, auf dem ich dann später auch angefangen habe. Als ich Kind war, hat der viel davon erzählt, auch wie gut die Kameradschaft da ist und wie viel Geld er verdienen konnte. Der Bergmann war damals ein sehr angesehener Beruf. Das hat natürlich auch ein bisschen verlockt, das gute Geld und die guten Aufstiegsmöglichkeiten. Man kann sich sehr schnell verbessern. Das war damals so die Sache, dass ich gesagt habe: Da fängst du auch an.
Müller: Ich wollte eigentlich Elektrotechnik studieren, und wollte vorher eine Lehre machen als Energieanlagenelektroniker. Ich habe dann eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekommen und da hat man mich gefragt, ob ich Interesse hätte, vorwärts zu kommen. Sie würden mir eine Lehre als Bergmechaniker anbieten mit anschließender Technikerschule, weil Führungskräfte gebraucht wurden. Das hörte sich interessant an und da habe ich gesagt: Das mach' ich jetzt. In meiner Verwandtschaft sind alles Metzger gewesen, weiter in die Vorfahren zurück, gab's auch mal einen Bäcker.
Habt ihr eure Entscheidung je bereut?
Smolnikar: Ich könnte mir nicht vorstellen, was anderes zu machen – vielleicht Fußballprofi (lacht). Ich bin froh, dass ich es so gemacht habe. Was den Bergmannsberuf auszeichnet, ist dass er sehr, sehr flexibel und abwechslungsreich ist. Es ist keine Monotonie drin.
Aber als Außenstehender stellt man sich den Beruf oft unangenehm vor: das Arbeiten in der Tiefe, kein Tageslicht, die Wärme ...
Müller: Das ist so ungefähr wie der Lokführer in der U-Bahn.
Smolnikar: Für Außenstehende ist das ein Problem. Wenn ich sag: Komm ich nehm' dich mit auf 'ne Besucherfahrt. Dann heißt es oft: Oh, das ist doch alles so eng und so dunkel, und da sind ja keine Fenster, was ist denn, wenn mal was ist. Wir steigen in den Korb und haben ein Loch unter uns von 1000 Meter Tiefe, wir unterhalten uns und nehmen 'ne Prise Schnupftabak dabei. Wir realisieren gar nicht mehr, was um uns passiert.

- Jörg Müller (48) hat 1977 bei der Deutschen Steinkohle AG angefangen. Er wohnt in Oberhausen in einer Bergbausiedlung. Foto: Bons
Aber jeder Beruf hat doch irgendwelche Schattenseiten.
Smolnikar: Garantiert gibt es auch Schattenseiten. Wenn ich jetzt mal drei, vier Jahre zurück versetze in Gedanken, da habe ich ein Revier geführt mit 160 Mitarbeitern. Der Betrieb hatte nur Probleme geologischerseits, das heißt, wir hatten da total Schwierigkeiten unsere Leistungen zu bringen. Da hing das Bergwerksziel dran. Und da hatte man auch schwierige Situationen mit den Vorgesetzten. Auch dass ich mit 49 Jahren aufhören muss zu arbeiten, stört mich.
Wo wir schon bei Problemen sind, mit welchen Gefühlen blickt ihr auf das Jahr 2018, wenn der heimische subventionierte Steinkohlebergbau auslaufen soll?
Smolnikar: Erstmal blicken wir auf das Jahr 2012, da kommt die Revisionsklausel. Bis dahin muss es unser Ziel sein – und das ist auch unser Job hier hauptsächlich – dass wir über Prozessoptimierung kostengünstig die Kohlen versuchen zu fördern und alles Mögliche daran setzen, Kosten einzusparen. Damit wir dann 2012 sagen könnten: Ja, wir brauchen nach 2018 unseren Bergbau noch, als heimische Energiereserve.
Müller: Das ist die eine Seite der Schere, die wir selbst beeinflussen können. Die andere Seite sind der Weltmarktpreis und die Frachtraten, wo wir wenig Einfluss drauf haben. Wir können also nur unsere Seite optimal gestalten und hoffen, dass die andere Seite sich für uns gut entwickelt.



Hallo:ich habe eine Frage an Sie:sagen Sie mir bitte die "Efektiven"Arbeitzeit unter Tage egal auf welchen Grubenwerk.Ob Sie mir etwas in die Richtung per E-Mail abscheicken können.Mit freundlichen Glückauf.