"Keiner hat an Essen geglaubt"

Das Ruhrgebiet ist Kulturhauptstadt 2010 - noch vor 20 Jahren wäre diese Aussage wohl auf große Skepsis gestoßen. Auch heute mag so mancher noch nicht an das Tourismusziel Ruhrgebiet glauben. Doch die Region hat die Juroren überzeugt: als Underdog.
"Ich war mit schlechtem Gewissen hingekommen, traurig sicher, diese Agglomeration könne es nicht zur Kulturhauptstadt schaffen." So beschreibt der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg in einem Zeit-Artikel seinen Besuch in der Stadt Essen. Muschg, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste, war als Mitglied einer Jury gekommen, die entscheiden sollte, welche beiden Städte auf europäischer Ebene für die Kulturhauptstadt vorgeschlagen würden.
"Keiner hat an Essen geglaubt", sagt auch Ulrike Vetter von Tourismus NRW. "Aber wir haben das Rennen gemacht!" Und das sogar auf ganzer Linie: Von den zwei Städten, die der europäischen Jury vorgestellt wurden, hatte Essen Priorität, vor Görlitz. Als "ein einziges Atelier, alles andere als taktvoll, aber durchpulst vom Rhythmus eines großen Herzens" beschreibt Muschg seinen Eindruck der Stadt, des Ruhrgebiets. Totgesagte leben eben doch länger - die Städte Regensburg, Lübeck, Potsdam, Bremen, sie mussten sich mit einer Absage begnügen.
Was ist so faszinierend am Ruhrgebiet, dass sich eine Jury dafür entscheidet? Bis zur Wirtschaftskrise regierte in NRW vor allem der Geschäftstourismus: Große Messen waren das Ziel vieler Anreisender. Aber das Ruhrgebiet hatte eine Sonderstellung, war Flaggschiff des Landes. Als erstes fällt natürlich die Industriekultur in die Waagschale, die es in der Region auf engstem Raum gibt, enger als sonst nirgendwo in Deutschland.
Doch das ist es nicht allein, was das Ruhrgebiet zum Ruhrgebiet macht. "Auch die Themen Wandern, Radfahren und Städtereisen zeichnen das Ruhrgebiet aus", sagt Vetter. Für jeden sei etwas dabei, von der Museumseisenbahn bis zum Theater. Und natürlich gibt es diese gigantischen Leuchttürme: Zeche Zollverein, das sollte man stets bedenken, ist bereits Weltkulturerbe. Doch auch die anderen Städte zeigen ihre kulturelle Seite deutlich. Der Landschaftspark Duisburg Nord etwa, entstanden aus einem ehemaligen Hüttenwerk, in dem nun Lichtinstallationen ein völlig neues Bild der alten Industrie zeichnen. Oder der Gasometer in Oberhausen. "Der ist ein Traum für ungewöhnliche Ausstellungen", so Vetter.
Für NRW war das Ruhrgebiet deswegen Kandidat. Köln, Münster und der Kreis Lippe ebenso. Doch sowohl auf Landes-, als auch auf Bundesebene fiel die Wahl auf Essen. Und damit auf das Ruhrgebiet. Dass Deutschland die Kulturhauptstadt stellen würde, war bereits festgelegt. Die europäische Jury hatte somit nur noch zwischen Essen und Görlitz zu entscheiden. Der Rest ist Geschichte.
