
Kapitel VI: Echtes Leben
Nach der Flucht spürte Valentina den Blues. Sie gab ihm nach, kehrte zu Sienna zurück und setzte damit eine Liebe mit ungeahnter Dynamik in Gang. Geständnissen folgten Nächte mit buchstäblich umfassender Nähe. Aus vier wurde eins. Bis zum großen Knall.
Ein paar Wochen trennten mich von meiner ersten, echten SL-Beziehung. Keine Liebespartnerschaft. Aber genauso tief. Wie Schwestern eben. Adriana und ich waren unzertrennlich geworden. Wir waren beide ewig in der Sandbox. Ich baute und sie verzweifelte an den Prims.
Wir redeten über alles. Ausnahmslos. Und abends saßen wir im Pool. Bis die künstlichen Lichter dieser künstlichen Welt verloschen. Nur um uns tags darauf wieder zu begegnen. "Hallo Maus", sangen wir uns über Tausende virtuelle Meilen hinweg zur Begrüßung zu. Sie wäre die Schwester meiner Wahl gewesen. Und ist es wohl noch. Und so gingen wir miteinander um. Offen, ehrlich, ohne verbale Tabus.
Doch da atmete noch etwas anderes. Ich spürte es auf einer Einweihungsparty. Zwei liebe Bekannte, Alex und Jessy, bezogen gemeinsam ein Haus. Viele, die wir kannten, waren dort, um dieses Ereignis ausgelassen zu feiern. Ich war umgeben von lieben Menschen. Und doch – ich war einsam. Sehr sogar. Das konnten weder Adriana noch andere ändern. Ich war unvollständig. Ich wusste, was mir fehlte, ich wusste nur nicht die Person. Oder doch?
Ich tanzte, scherzte, quasselte drauf los. Es gab, seitdem ich in SL war, so viele Männer, die mir den Hof machten. Ich hätte zugreifen müssen. Aber ich tat es nicht. Mein Herz war lange vergeben. Und ich spürte ihn: den Blues.
"Wir nutzten jede Möglichkeit, uns nah zu sein"
Ein paar Tage später beschloss ich, mich wieder bei Sienna zu melden. Die Geschichte war nie zu Ende gebracht worden. Und ich hasse unerledigte Sachen. Und so sprach ich vor. Wir trafen uns - und schnell war klar, es war auch für sie nicht vorbei gewesen. Es folgten scheue erste Begegnungen. Viel zaghafter als noch ein paar Wochen zuvor. Aber erwartungsfroh. Und zärtlich. Wir bekamen neues Zutrauen. Und doch hatten wir Angst vor dem ersten Mal. Was vollkommener Unsinn war; denn das hatten wir vor Wochen schon hinter uns gebracht. Aber diesmal war alles anders. Lebendiger. Lebender! Wir kurvten um uns herum und nahmen jede Möglichkeit wahr, uns nah zu sein. Und dann passierte es. Plötzlich. Nicht geplant. Nur geahnt. Heute Nacht.
Wir ließen uns teilhaben an unserem Wesen. Den Gemeinsamkeiten, den Unterschieden. Den Abgründen. Den Fantasien. Wir beichteten uns in wenigen Stunden und Tagen so viel, worauf ein echter Partner oft jahrelang wartet – wenn er überhaupt je solchen Anteil an uns nimmt. Wir verschmolzen zu einem Wesen. Aus vier wurde eins. Wir waren oft bis tief in die Nacht zusammen. Die gehörte nur uns. Die Kontakte in SL begannen zu leiden. Und das RL auch. Keine Zeit.
"Gleichsam langsam zog ich sie an mich heran"
Was wir machten? Mit uns? Wir schrieben. Nicht mehr. Jede beschrieb sich. Und jede beschrieb, wie sie sich vorstellte, was sie mit der anderen gerne Gutes, Liebevolles und Erotisches anstellen würde. Wir waren echt gut darin. Beide geübt.
Wir waren so detailliert, dass allein die Beschreibung eines Kusses Minuten in Anspruch nahm. Vielleicht beginnend mit einer Umarmung. Einem Aneinanderkuscheln auf der Couch. Einer zärtlichen Berührung des Haaransatzes am Nacken. Dem Streicheln der Finger auf dem Schlüsselbein. Bis zur Schulter. Und wieder zurück. Mit gespreizten Fingern durch dichtes dunkles Haar fahren. Den Kopf leicht zu mir herüberdrehen. Ein tiefer Blick in die Augen. Ich selbst beschrieb mich näher kommend. Gleichsam langsam zog ich sie an mich heran. Bis wir unseren Atem spürten.
"Ich drehe meinen Kopf zur Seite. Bewege mein Gesicht sehr nah an deinem vorbei. Vergrabe meine Nase in deinem Haar. Mein Mund findet die Nähe deines Ohres. Mein Atmen, heiß und feucht an deinem Ohr. Meine Zunge findet dein Ohrläppchen. Die Ohrmuschel. Mein Atmen, sehr dicht bei dir."
Sienna kicherte und wandte sich bei den Berührungen, die bloßes Vorspiel waren und schon für sich ewig dauerten. Es war vor allem nicht wichtig, ob wir angezogen auf einer Couch saßen oder uns nackt im Bett tummelten. Wir haben aus jeder Situation heraus jede heraufbeschworen! Und uns fallen lassen.
"Ich beuge mich über dich. Beiße leicht in deinen Nacken." - "Mir stehen die Haare zu Berge und habe eine furchtbare Gänsehaut!" - "Dann wird es dir sehr gefallen, dass ich mich bis zu deiner Schulter vorknabbere. In winzig kleinen Schritten. Deine Arme halte ich vorsichtshalber einmal fest. Und wenn ich schon dabei bin ..."
Wir erkundeten wahrlich jedes Körperteil auf das Genauste. Achteten auf Reaktionen. Probierten. Wie weit kann man das beschreiben? Bis zu jenem Punkt. Dem Höhepunkt. Nicht gespielt und, wenn wir es zuließen, mühelos erreicht. Nach Stunden. Gefühlte und erlebte Stunden. Das war noch am Morgen danach spürbar.
Und auf einmal siehst du in den Spiegel, fragst dich, warum dein Freund dir kein solches Lächeln zaubern kann und merkst: Du bist verliebt! Und damit hast du verloren. Oder alles gewonnen. Nur, wo führte es uns hin?
Es führte uns im Grid überall hin. Vor Animationsbälle, Tools. Und wieder weg davon. Das war nicht unsere Welt. Wir waren besser als jeder Animationsball. Nur der Tanz. Der gehörte dazu. Und eine Couch. Eine Sauna. Selten ein Bett. Und am letzten Abend, an dem wir Sex hatten – es mag gelogen erscheinen: ein Pool! Ich hatte das verdrängt, weil niemand beim letzten Mal weiß, dass es das letzte Mal ist. Wir auch nicht.
Eine Beziehung ging zu Bruch - und ein Rechner
Wir waren nur wenige Wochen zusammen. Wir verkündeten im Grid und im öffentlichen Forum unsere Liebe. Wir stießen auf wenig Unverständnis. Weder in Hinsicht auf Liebe in einer virtuellen Welt noch auf unsere besondere Beziehung. Ein gefährliches Spiel – wie sich uns später zeigte. Und so kam es, dass ich aufflog.
Vier Monate, nachdem ich zum ersten Mal "im Spiel" war. An jenem Abend ging eine Beziehung zu Bruch - und ein Rechner. Der Rechner, an dem ich so lange und ausdauernd gesessen hatte. In Form einer Übersprungshandlung hatte mein Freund seine Wut und Verzweiflung freigelassen: Während ich im Bad war, nahm er meinen Computer vom Schreibtisch und warf ihn vom Balkon. Aus dem fünften Stock. Ich hatte nur Glück, dass ich regelmäßige Sicherungen mache, sonst wären alle Daten und mit ihnen auch Erinnerungen verloren gewesen.
Ich verbot mir die Liebe, weil ich keine Wahl hatte. Eine Wahl zwischen RL und SL konnte es nicht geben. Ich erwachte an einem Samstagabend in meinem ersten Leben. Welcome back. Mein Ausstieg war total. Vollkommen. Draußen schien sich das Wetter nicht geändert zu haben. Es war Nacht und viel zu kalt. Wie damals im März.
Ein paar Tage später sagte ich im Forum von SLinside auf Wiedersehen. Meinen Freunden und Menschen, die ich nicht kannte. Die Resonanz war enorm. In Blogs und persönlichen Nachrichten trauerte man einer Schwester hinterher. Einer Freundin. Einer Schreiberin mit spitzer Feder und einem Lachen für übermütige Männer. Selbst solche antworteten, von denen ich kaum etwas gehört hatte. Sie alle waren erschüttert und traurig.
(Zum Thread bei SLinside samt Abschiedsbrief)
Ich nannte die realen Gründe. Ihnen zum Trost. Mitzuteilen, dass es mir irgendwie gut ginge. Und ich nicht bereute. Und ich sagte noch etwas. Öffentlich. Und meinte es so: "Ich werde dich niemals vergessen, Sienna!"
Und auch euch, ihr Männer und Frauen, die ihr Avatare steuert und ihnen euer Leben einhaucht: Auch euch werde ich nie vergessen!
First Life? Erzähle mir davon. Ich bin neugierig!
Valentina Bechir
~*Schusterin*~
Kapitel IV: Eine Schusterin wird geboren
Kapitel III: Alles andere als hautnah
Kapitel II: Wo soll die Reise hingehen?
Kapitel I: Das Ende
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Text und Fotos: Valentina Bechir







