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Kapitel V: Villa Kunterbunt

Valentina sehnt sich nach einem Zuhause. Die Lösung: das WG-Projekt "Villa Kunterbunt". Hier trifft sie zum ersten Mal auf Sienna. Und noch etwas geschieht: Valentina, die Menschenfrau, und Valentina, die Avatarin, verschmelzen immer mehr zu einem gemeinsamen "Ich".

Sehnsucht nach Geborgenheit: „Ich brauche einen Platz, an den ich mich zurückziehen kann.“

Wenn man sein halbes Leben an einem öffentlichen Ort verbringt – im Grid - sehnt man sich nach einem Platz, an den man sich zurückziehen kann. Ich brauche ein Zuhause. Einen Ort mit vier Wänden, in dem ich allein sein kann. Oder auch verlässlich auf Leute treffe, die ich treffen möchte.

Zum Beispiel meinen besten Freund Big M. Wir beide bauen oft in der Sandbox zusammen. Ich habe ihn in seinem Laden kennen gelernt, als ich dort etwas kaufte. Er baut technischen Schnickschnack, aber hervorragend gemacht. Wir verstanden uns auf Anhieb, weil wir eine sehr ähnliche Vorstellung von vollständig sinnfreiem Erzählen haben. Und das kann stundenlang dauern. Ich habe mit ihm zum ersten Mal so richtig gelacht. Vor dem Rechner und darin!

Liegen und lachen - alles, was gut tut: Big M. wird Valentinas bester Freund.

Ein Spaß mit ihm hat auch dafür gesorgt, meinen Wohnwunsch zu verstärken: Eines Abends chatte ich ihn an. Er möge doch bitte schnell mal kommen, ich habe ihm etwas zu zeigen. *zwinker* Er materialisiert neben mir. In einem Haus. Klein, aber mein. Ich offenbare ihm die einzigen zwei Räume. Weitgehend unmöbliert. Als er dann so richtig beeindruckt ist, packe ich das Haus mit allen Innereien wieder in die Tasche. In Sekundenschnelle ist das Massivhaus verschwunden und wir stehen wieder in der leeren Sandbox. Ich habe sehr gelacht, weil es so verrückt ist. Nur war dieses Lachen auch mit Melancholie verbunden, die Sehnsucht nach einem Zuhause größer geworden: Denn mit einem Haus im Inventar auf Reisen zu sein und ab und an Rast machen zu können - das ist vom Gefühl einer Heimat weit entfernt.

Mehr als nur Zweck: Vier Menschen, eine Villa

Die Kunterbunt-WG (von links): Ottoa, Adriana, Sienna (sitzend) und Valentina.

Ich initiiere also das Projekt Villa Kunterbunt. Eine Art WG soll entstehen. Und das Haus wird schnell voll. Drei Frauen und ein Mann: Sienna, Adriana, Ottoa und ich. Wir finden uns zunächst in einer Zweckgemeinschaft wieder, die zu einer Erinnerung werden soll, die niemand – zumindest, was die drei Frauen betrifft – jemals vergessen wird.

Auch im Domizil auf Tropicana (oben) spielt ein Pool die Hauptrolle. Schwimmen ist allerdings Nebensache.

Wir suchen ein großes Grundstück. Denn das Wort Villa wird Programm. Sienna hat ihre Villa, einen ehemaligen geräumigen Club, in der Tasche. Viele Zimmer, zwei Balkone und ein Pool. Der Pool wird zum Dreh- und Angelpunkt für tiefe Gespräche, Albernheiten, kecke Pläne – und zum Ort der ersten Annäherung. Ein Pool wird künftig in jedem unserer Häuser stehen. Zuerst in der original Villa Kunterbunt. Später in unserem kleinen Haus auf Tropicana Island. Und in dem nächsten Haus wird wieder einer stehen. Er gehört zu uns.

Nicht zum Pool gehören Textilien jeglicher Art. Ein Zeichen. Wir machen uns frei. Äußerlich und innerlich. Wir reden über uns hier und dort. Bringen die Welten durcheinander. Mit Absicht. Wir werden die besten Freundinnen oder Partner. Alles nimmt seinen Ursprung in einem Schwimmbecken. Wie die Ursuppe, die alles Leben gebar.

Mit dem Haus, dem Pool und uns selbst erreichen wir zum ersten Mal etwas, das uns abgleiten lässt. In diese virtuelle Welt. Vollständig. Wir trennen nicht mehr. Und bald wissen wir umeinander.

Sienna.

Aus anfänglicher Verwirrung wird Hingabe: Valentina (links) und Sienna.

Eines Abends am Pool sind nur noch Sienna und ich übrig. Wir "spielen" ein bisschen miteinander – ein Gespräch mit verbalem Überhang. Ein Gespräch, aus dem Aufmerksamkeit erwächst. Für das Wort. Geschrieben. Einzeln, in endlosen Kolonnen. Die Worte fließen. Bilden Gedanken, die als Wünsche und Fantasien zurückkehren. Zögerlich erst. Dann machtvoll.

Am Anfang ist die Verwirrung. Ein verbales Augenzwinkern. Ein Zugeständnis. Die Neugierde auf den anderen wird zunehmend Bestandteil unserer Welt. Und gleitet in die erste Welt ab. Unsere Zuneigung und Hingabe sind zwar im wirklichen Leben passiert, aber nur in Second Life wird es gelebt. Nur hier. Weil es im Real Life keine Chance hat. Zu viele unbekannte Variablen.

Das zweite Leben: Aus dem Spiel wurde Ernst

Hier verschwand ich vollkommen in einer Welt, die ich einst als vermeintliches Spiel installierte. Mein Denken wurde eingenommen von Menschen, die ich nicht kannte. Nur einen Schatten ihrer. Ich kannte das, was sie von sich preisgaben. Mehr nicht. Und das, was ich zwischen den Zeilen zu lesen vermochte. Mein Tag begann damit, dass ich bereits an den Abend dachte, wenn ich wieder im Grid sein würde. Es begleitete mich den ganzen Tag. Mühsam schüttelte ich es immer wieder ab. Es war allgegenwärtig. In Gedanken war ich bei ihnen. Bei Schuhen. Bei neuen Experimenten. Bei Prims und Pixeln.

Valentina und Sienna: heiße Nacht, schnelle Trennung.

An einem Abend kamen wir uns nah. Näher als je zuvor. Verbaler Austausch auf pixeligem Untergrund und voll animiert. Feuer ist heiß. Erst recht hohes Feuer. Und schnell. Es breitete seine lodernden Arme um uns aus. Verschlang uns fast. Und aus. Ganz plötzlich. Die Erkenntnis, dass die andere anders ist? Vorbei. Wir waren wir. Einzeln. Nicht kompatibel. Wir hatten dafür gesorgt, dass uns nichts anhaben kann. Nicht einmal wir uns selbst. Langes Leben, dicker Panzer. Schmerzunanfällig. Eine semipermeable Membran. Raus geht alles, was du zulässt. Aber es kommt nichts zurück. Und ich konnte es nicht zulassen!

Ich trennte mich von Sienna fast so schnell, wie ich mich eingelassen hatte. Doch es war noch nicht vorbei. Das wusste ich nur noch nicht.

Adriana.

„Psychodelic Dreams“ im Haus (oben, Adrianas Ecke) und auf der Tanzfläche.

Auch wenn es kaum nachvollziehbar scheint, ist Adriana diejenige, die ich am liebsten hatte und habe. Mit Bestürzung nahm sie das Finale des Projektes Villa Kunterbunt auf. Wir hatten uns seit dem ersten Tag in der riesigen Villa ein Zimmer geteilt. Es wild und bunt eingerichtet. Psychodelic Dreams. Prassten mit den Prims, als gäbe es kein Morgen. Teilten ein großes Zimmer und den Traum von einem ganz bestimmten Bett. Wir hatten es bis zum Schluss nicht. Es wurde aus dem Sortiment genommen, als wir uns endlich entschieden hatten. Back to the 80’s war unser erster Abend. Tanzend. In knalligen Farben. Back to the 60’s unsere Umgebung.

Ein Ende wollte sie nicht, ich auch nicht. Nachdem ich mich von Sienna zunächst getrennt hatte, war die Nähe zu ihr unerträglich. Ich war, ohne es zu wollen, schon viel zu sehr eingestiegen. Hatte viel zu viel von mir selber eingebracht. Und so musste ich fliehen. War der Panzer doch nicht so dick? Hatte er eine unentdeckte Lücke? Als ich auszog, nahm ich Adriana mit.

Neue Träume nach der Flucht: Adriana (links) und Valentina.

Am anderen Ende der Welt, auf Tropicana Island, fanden wir vertraute Gesichter und freundliche Menschen. Sie ließen uns bei sich wohnen. In einem lichtdurchfluteten Haus. Von dort schwärmten wir aus. In unsere Träume. Träume vom Schuhimperium. Von einer Partnerschaft mit einem Mann – jede für sich. Von den kleinen glücklichen Momenten mit uns und unseren Freunden.

Adriana ist heute noch bei mir. Öfter in RL als dort im Grid, das ich so meide. Nach dem ungebremsten Fall.

Freunde: "Als säßen sie vor dir ..." (Interview 5)

Beste Freundinnen - nicht erprobt, aber gefühlt: Valentina (links) und Adriana beim Lunch.

Martin Gehr: Wie definierst du Freundschaft? Was sind Freunde für dich?

Valentina Bechir: Ich möchte gerne abstufen: Es gibt Bekannte. Da sehe ich keinen Unterschied in SL oder RL. Dann gibt es viele freundliche Menschen. Das sind welche, die sich zur Not nachts um Fünf ein Bein für dich ausreißen, weil du irgendein Problem hast. Und dann gibt es Freunde. Freunde sind Menschen, die dir nah sind, weil sie dich an sich heranlassen. Du darfst in ihr Innerstes schauen und du hast keine Scheu, ihnen das Gleiche zu ermöglichen.

M: Hast du dieses Verständnis von Freundschaft auch genauso auf SL angewandt oder dort anders interpretiert?

V: Bei meiner Definition ist es vollkommen egal, ob du diese Menschen leibhaftig im Wohnzimmer hast oder dich mit ihnen über ein Glasfaserkabel unterhältst. Ich unterscheide allenfalls in erprobte und neue Freundschaften. In SL habe ich zu kurz gelebt, um sie zu den erprobten zu zählen. Aber die Gefühle waren die gleichen.

M: Wir haben schon einige Freunde von dir kennen gelernt, zuletzt Big M., Ottoa, Sienna und Adriana. Welche Freunde sind dir in deiner SL-Zeit noch besonders wichtig gewesen?

V: Auf jeden Fall MiaLuce Boucher und Filomenia (Lesen Sie hier ein Interview mit MiaLuce Boucher, das wir bereits vor einigen Monaten mit ihr für dieses Projekt führten.). Mia habe ich im Forum von SLinside kennen gelernt. Wir haben schnell festgestellt, dass wir uns sehr viel zu sagen haben. Sie ist eine tolle Frau. So jemanden lässt man einfach nicht gerne zurück. Vielleicht rette ich auch sie in mein wirkliches Leben. Mit Adriana ist das jedenfalls schon geschehen: Wir bleiben außerhalb von SL in Kontakt, mailen uns fast täglich. Und wenn ich aus dem Urlaub zurückkehre, den ich nun brauche, um alles zu verarbeiten, dann treffen wir uns vielleicht in Köln.

Filomenia habe ich auf der Einweihungsparty von Alex und Jessy kennen gelernt. Sie ist furchtbar interessant, vielseitig und unglaublich liebevoll. Jedenfalls in der Art, wie ich sie kennen lernen durfte.

"Es lebt sich offener, aber verborgen hinter Daten"

„Es ist ein Geschenk, jemanden deinen Freund nennen zu dürfen.“

M: Was ist das grundlegende Problem, im virtuellen Raum eine soziale Bindung mit dir eigentlich unbekannten Menschen einzugehen? Diesen Menschen nicht "fassen" zu können? Und damit meine ich nicht "anfassen", sondern ihn ganz zu erleben, face-to-face.

V: Zunächst einmal ist es ein echtes Geschenk, jemanden deinen Freund nennen zu dürfen. Das grundlegende Problem ist, dass du darauf angewiesen bist, den Menschen so "zu fassen", wie er über sich schreibt. Du hast kaum eine Möglichkeit, Dinge zu verifizieren. Im Grid reduzierst du dich auf das Wesentliche. Dein eigenes Wesen. Das gibst du entweder preis oder behältst es für dich. Nur wenn du es wagst, dich so zu zeigen, wie du es in RL kaum kannst, lernst du die Menschen dort mit ihren Träumen und Abgründen kennen. Es lebt sich offener – aber verborgen hinter Computerdaten.

Wenn Freunde dich berühren: Zu Valentinas Geburtstag gab es auch virtuell Geschenke.

M: Was ist nötig, um solche sozialen Bindungen im virtuellen Raum ernsthaft zu betreiben statt oberflächlich zu bleiben und immer mal wieder blabla-Small-Talk zu halten?

V: Wichtig ist, dass du deine Freunde wirklich "berühren" kannst und dass sie dich berühren können. Du erlebst sie und ihre Geschichten so, als säßen sie vor dir. Ich bedaure all die "Paaady-Schweine" in den ewigen Diskotheken. Die haben keine Ahnung, was sie verpassen. Ich bin sogar ziemlich sicher, dass die auch in RL an einem Mangel an Tiefe leiden.

M: Nun, Valentina, Kapitel V hat viele offene Fragen produziert, was den Fortgang deiner Geschichte betrifft. Erzähl’ uns, wie es weitergeht. Ich glaube, dann klärt sich sicher einiges.

V: Ja, das ist wahr. Okay, das finale Kapitel also. Und das intimste.

"Gleichsam langsam zog ich sie an mich heran. Bis wir unseren Atem spürten." Valentinas Rückkehr zu Sienna wird zum emotionalen Höhepunkt. In der Liebe verschlungen, lösen sich die Schutzmechanismen der 35-Jährigen auf. Die Katastrophe scheint unausweichlich. Kapitel VI.

Text: Valentina Bechir; Interview: Martin Gehr; Fotos: Valentina Bechir/Second Life

Veröffentlicht: 16.08.2007
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