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Kapitel IV: Eine Schusterin wird geboren

Valentina wünscht sich endlich eine sinnvolle Aufgabe - und soziale Kontakte. Die Idee: Schuhe bauen. Nach einem Grundlagenkurs stürzt sie sich aufs Übungsgelände und bastelt, was die digitalen Bausteine hergeben. Bald folgt der erste Schuhladen, eine berufliche Partnerschaft - und Stress. Denn als "Schusterin aus Leidenschaft" verbringt sie manchmal zwölf Stunden am Stück vor dem Rechner.

Ich streune jetzt schon seit sechs Wochen hier herum. Alles lose Kontakte. Die meisten schaffen es nicht mal, eine Woche auf meiner Liste zu stehen. Ich irre ziellos durch die Gegend. Hänge in Clubs ab. Kaufe jeden Tag Klamotten. Und Haare.

Neue Outfits ohne Ende: kein Problem, wenn das Inventar Tausende Klamotten bereithält.

Ich besitze über 1.000 Perücken. In allen Farben, Längen und Frisuren. Bestimmt zum 20. Mal habe ich meinen Style komplett geändert. Aus putzig wurde sexy. Daraus Zigeunerin, Spinnenlady, Hofdame, ägyptische Tänzerin. Das geht in Sekundenschnelle. Ich habe alles im Inventar, das auf fast 10.000 Einzelteile angewachsen ist - von Socken bis zu eingerichteten Häusern inklusive des Bilderrahmens für den Kamin. Selbst eine fliegende Untertasse ist drin. Manchmal sortiere ich stundenlang mein Inventar, ohne letztlich einen Überblick zu bekommen.

Valentina merkt: Ohne Beschäftigung und feste Kontakte macht alles keinen Sinn. Aufhören?

Ich habe Tausende Lindendollar verdient und fast alles wieder ausgegeben. Für mich und für Freunde. Von jetzt an muss ich nie wieder etwas kaufen und könnte mich doch monatelang täglich umziehen, ohne dass ich etwas zweimal anziehen müsste. Davon träumen Frauen!

Aber: Was soll mir das bringen? Ich bin es leid, ohne Beschäftigung und ohne feste Bekanntschaften durch die Gegend zu laufen. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, meinem virtuellen Leben ein Ende zu setzen. Alles zu verschenken, was ich transferieren kann. Mein Geld wegzugeben. Um dann zu verschwinden. Aber ich will noch nicht aufgeben.

Vom Schneemann zum Schmuckdesign

Valentina lernt digitales Bauen: Nach simplen Schneemännern folgt ein Crash-Kurs der VHS Goslar.

Second Life ist ein Ort, an dem Menschen auch Fantasien verwirklichen und schöpferisch tätig sein können. Auch Valentina will kreativ werden. Nur wie? Programmieren, Scripten? Für wen und was? Und: Sie muss das erst lernen. Einen kleinen Abendkurs hat sie schon hinter sich gebracht. Die Teilnehmer bastelten ein paar Prims (digitale Bausteine), setzten sie zusammen und legten sie an. Und schon liefen sie als Schneemänner durch die Gegend. Aber das reicht bei Weitem noch nicht. Im Forum von SLinside hat Valentina nun einen Kurs zur Schmuckherstellung entdeckt – an der virtuellen Volkshochschule Goslar. Für 50 Lindendollar lernt sie den Umgang mit Prims kennen - und Shelly, die sich einen kleinen Schuhladen gebaut hat.

Mit Shellys Hilfe eröffnet Valentina zwei Schuhläden. Der Umsatz bleibt zunächst gering.

Schuhe! Das ist doch einmal eine Aufgabe! Ich habe allerdings kaum Ahnung von der Komplexität, wie sie in geometrischen Figuren stecken kann. Und so ist es ein mühseliger Weg, den Prims eine Form zu geben, die, mit anderen Prims zusammengenommen, so etwas Ähnliches wie einen Schuh ergeben.

In einer Sandbox übe ich mich darin, Schuhe zu bauen. Alles für den Mülleimer. Vorerst. Dann plötzlich beginnt die wohl intensivste Zeit, die ich ingame und im RL bislang habe. Innerhalb von nur einer Woche sind Dutzende Schuhpaare entstanden. Einfache Dinger. Mit Unterstützung von Shelly aus dem digitalen VHS-Kurs richte ich meinen ersten kleinen Laden in einer deutschen Kleinstadt-Sim ein. Die Schuhe werden gelegentlich von netten Menschen gekauft, die solche Anfänger-Schuhe gar nicht nötig haben. Ich weiß das gut genug, sage aber nichts. So sind beide Seiten zufrieden. Die, die mich unterstützen wollen. Und ich, die dadurch tatsächlich motivierter wird! Ein zweiter Laden folgt, doch wirklicher Lohn bleibt aus.

Pumps, Plateauschuhe und weitere Probleme

Ergebnis unzähliger Experimente: eine Auswahl ihrer Kollektion.

In den Sandboxen probiere ich alle möglichen Schuhe aus. Stiefel, Highheels, Plateauschuhe. Nichts passt so richtig. Bis zu dem Moment, als ich die Form hinter der Form begriffen habe.

Und dann geht auf einmal alles wie von selbst. Ich kann mich auf einen Schuh konzentrieren. Mir die Form vorstellen und ihn anfertigen. Immer neue Experimente entstehen. In langen Versionen-Reihen. "Highheel-rot-100-vers.3.01" oder "xtreem-100-metall-vers.5.11". Schließlich entspringen aus meinen Versuchen brauchbare Heels. Dazu Pumps, ein Sortiment an Herrenschuhen, ein paar Freebies und Low-Price-Produkte.

Doch das Leben als unbekannte Schusterin mit einem Shop in einer schlecht besuchten Sim ist zäh. Zudem gibt es ständig Probleme in der Sandbox. Andere wollen da auch bauen. Platznot also. Manchmal sitzen irgendwelche Heinis auf den großen Schuhmodellen herum und machen Arbeiten unmöglich. Wieder andere haben "nur mal schnell eine Frage": ´Entschuldigung, erklärst du mir mal eben SL und weißt du wie man hier reich wird und sind die Dinger hier kostenlos, kann ich die mitnehmen?’ Das nervt!

Doch abermals kommt Valentina der Zufall entgegen. In Gestalt von Tarn und Kaitlyn. Sie ermöglichen ihr den Zugang zu einer riesigen Sandbox und einen ersten großen Laden. Umsonst bzw. für einen Betrag, der den Namen gar nicht erst verdient.

Manchmal zwölf Stunden am Stück in der Sandbox

Ein eigenes, riesiges Baugelände lässt den Suchtfaktor dramatisch ansteigen.

In der Sandbox entstehen immer neue Dinge. Sogar ein Denkerstuhl. Eine Art Hochsitz. Bunt. Mit Lineal und Zirkel dran. Ein Schriftzug über dem Stuhl kündet davon, dass hier schwer gedacht und gearbeitet wird. Und: Es wird immer respektiert.

In den folgenden Wochen arbeite ich hart und ausdauernd an neuen Kreationen. Mein soziales Leben bleibt vollkommen auf der Strecke. Manchmal zwölf Stunden am Stück kann man mich dort sitzen, denken und basteln sehen. Manchmal bis morgens früh hänge ich vor dem Rechner und baue. Dann schleppe ich mich ins Bett, stehe auf und arbeite erneut.

"Endlich hatte ich ein soziales Umfeld" (Interview IV)

Martin Gehr: Das also war deine Vorstellung von Spaß nach Feierabend? Weiterbauen? Du kommst doch in RL schon aus der Baubranche!

Valentina Bechir: Das ist etwas anderes. In RL baue ich nicht selbst, sondern raunze Leute zusammen, die mit dem Bauen noch vor Feierabend aufgehört haben *lacht*. Außerdem hat es mich am Anfang wirklich entspannt. Ich vergleiche das mit Menschen, die puzzeln. Die bauen auch. Danach hängt das Bild im Wohnzimmer neben dem röhrenden Hirsch. Sie zeigen, was sie geschaffen haben.

M: Du sagst, am Anfang war es entspannend. Später nicht mehr?

V: Als ich nur gebaut habe, außerdem kaum feste Kontakte im Grid hatte, mich kein Mensch kannte, ich zwei Läden verwaltete, die für ein ständig kleineres Konto sorgten ... da war alles ganz in Ordnung. Gelegentliche Gespräche mit dem Sim-Owner, auf dessen Plattform ich sein konnte. Mit Kait, die mich dort überhaupt erst hingebracht hatte und selbst etwas baute. Das wars. Am Ende eines Tages schaltete ich den Rechner oft aus, ohne mich von jemandem zu verabschieden.

Meist in der Sandbox aktiv, muss sich Valentina auch um Werbung und Läden kümmern.

M: Und später?

V: Das war ein schleichender Prozess. Ich war in der Sandbox, musste aber eigentlich nach neuen Absatzmöglichkeiten Ausschau halten. Läden, Kioske, Werbeflächen. Was ich mit einem Laden verdiente, reichte gerade mal, um die anderen mitzufinanzieren. Suchen, verhandeln, aufbauen. Verschwinden und wieder von vorne. Meine Teilhaberin Adriana und ich hatten auch ein paar Mitarbeiter, meist Newbies, die sich für uns die Hacken abliefen und gute Standorte ausfindig machten.

Ihre Schuhmodelle sprechen sich rum. Anfragen von Unternehmern folgen.

M: Wurdet ihr durch eure Werbeplakate und eure Ladenpräsenz auch von außen angesprochen?

V: Ja, häufig von "Jungunternehmern" - Newcomer, die eine Geschäftsmeile aus dem Boden stampften und sich von Designern erhofften, dass sie für den notwendigen Traffic sorgen. Meist vergessen solche Newcomer aber, dass die neue Sim gute Eigenwerbung braucht. Ich habe ein kleines Vermögen in solche hoffnungslosen Projekte gesteckt. Als ich bekannter wurde, lud man mich auch zu digitalen Modenschauen ein. Anfragen kamen aus Frankreich, Italien und Deutschland. Aber die musste ich aus Zeitmangel leider absagen. Es kamen außerdem Leute, die Änderungen an den Schuhen haben wollten. Das nahm zwar viel Zeit in Anspruch, aber ich habe diesen Service immer kostenlos angeboten. Und bei all dem merkte ich auf einmal: Ich hatte Leute um mich herum, die mir ein soziales Umfeld boten.

M: Das muss doch ein gutes Gefühl gewesen sein. Denn das war es doch, was du dir gewünscht hattest: Feste Kontakte. Und das Gefühl, gebraucht zu werden.

V: Das ist richtig, aber es sorgte auch für Stress. In SL und RL. Ich habe schon in RL keinen ruhigen Job. Immer unterwegs. Auf Baustellen. In Verhandlungen. Geldsorgen und Termindruck sind beim Bauen Tagesgeschäft. Und in SL habe ich selten in so vielen Fenstern gleichzeitig gechattet und dabei gebaut, Werbung gefahren und Geschäfte geführt. Das übertrug sich auf mein wirkliches Leben. Mein Freund fing damals an, sich echte Sorgen zu machen. Ich war übernächtigt, gereizt. Unausstehlich.

Damals haben wir das erste Gespräch über die Sucht geführt. Das heißt, er war besorgt, ich war einfach nur angepisst. Streit kam und ging. Und ich vergrub mich in Second Life.

M: Hat die Beziehung damals schon einen Knacks erlebt, so dass du deshalb bereiter warst, dich auf deine spätere Liebe Sienna einzulassen?

V: Weiß ich nicht. Ich war in der Zeit gar nicht genügend reflektiert.

M: Wie ging es dann weiter?

V: So richtig turbulent wurde es mit dem Projekt "Villa Kunterbunt" und echten, engen sozialen Kontakten und damit auch neuen Verpflichtungen. (Kapitel V)

Text: Valentina Bechir; Interview: Martin Gehr; Fotos: Valentina Bechir/Second Life

Veröffentlicht: 16.08.2007
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