
Kapitel III: Alles andere als hautnah
Valentina zieht sich aus. Zunächst, um ihren Körper zu verändern: Eine neue Haut muss her. Und dann hat Valentina zum ersten Mal Sex. Jedenfalls in Second Life. Denn mit erotischen Spielen auf fremdem Terrain kennt sie sich längst aus.
Ich habe zwischenzeitlich Bekanntschaft mit einer Frau gemacht: Lucie. Süß, klein und neugierig. Immer zu Späßen aufgelegt und sehr düster gekleidet. Gothic-Stil. Und ähnlich lange im Grid wie ich selbst. Zusammen werden wir in den nächsten zwei Wochen allen möglichen Unsinn anstellen, schöne Orte besuchen und Klamotten kaufen. Geld haben wir uns ja verdient.
Allerdings: Slingo ist mir zwar weiterhin hold, aber zu eintönig geworden. Deswegen lebe ich doch nicht hier, um ständig vor diesen Automaten zu stehen! Lucie hat ihr Glück beim Tanzen und Strippen in Clubs und Discotheken versucht. Aber sie ist der Sache bald überdrüssig geworden.
Ich habe endlich so viel Geld übrig, dass ich mir eine neue Haut kaufen kann. Bislang habe ich drei kostenlose Skins getragen: Die erste Haut war einfach. Ohne echte Konturen. Ohne Schatten. Die zweite hatte ein Tattoo. Blöd, wenn man es nicht mehr haben will. Oder es nicht zu den Klamotten passt. Die dritte war eine Beigabe zu einem Shape. Ein Shape ist wie ein inneres Skelett. Es gibt die Größe und die Form des Körpers wieder.
Ich habe mir einen modifizierbaren gekauft und ein paar Feineinstellungen vorgenommen, die mich von anderen mit dem gleichen Shape unterscheiden sollen. Ich bin deutlich größer als andere Frauen und muskulöser. Ein äußeres Zeichen von Stärke und Überlegenheit. Die Anbaggereien von Männern reduzieren sich schlagartig. Weil ich auch sie überrage. Vor allem in Heels.
Keine Lust auf Fototapete
Nun ist also eine Haut angesagt. Ich teleportiere mich abseits jeden Trubels, um ungestört zu sein. Ich entkleide mich vollständig und probiere alle Demo-Skins durch, die ich in der Tasche habe. Anprobieren – entscheiden – kaufen. Sie gehen von "schlecht für viel Geld" bis zu fotorealistischen Skins, die meist ein paar 1.000 Lindendollar kosten. Doch die will ich nicht. Damit sehe ich aus wie eine wandelnde Fototapete.
Ach wäre Lucie nur hier. Die könnte mir bei der Wahl helfen. Aber sie ist nicht mehr in meiner Freundesliste. Nach einiger Zeit wurden wir einander überdrüssig. Sie driftete immer mehr in die Halbwelt des Gothic ab. Die Musik gefällt mir eigentlich ganz gut – nur die Typen nicht. Und ich war ihr wohl zu "Mainstream". Also verschwanden wir gegenseitig von der Liste. Niemand von uns ist böse oder nachtragend. So ist das in SL. Es stehen viele Tausend andere Menschen zur Verfügung.
Sex in mehreren Gängen
Das wird noch ein paar Mal so gehen. Nach einem Monat hat Valentina die Spuren ihrer Vergangenheit abgelegt. Und damit alle Menschen, die sie kennen gelernt hat. Sie ist in Second Life keine echte Bindung eingegangen. Auch nicht bei den beiden Malen, als Valentina so etwas wie Sex hat.
Das eine Mal ist mit einem 18-Jährigen; mindestens - so hofft sie. Zumindest hat er es gesagt. An einem Sonntagmorgen nach dem Aufstehen. Reine Neugierde bei ihr. Geilheit bei ihm. Vor allem als er hört, dass sie doppelt so alt ist. Eine erfahrene Frau also. Sie ist schnell fertig mit ihm. Bei einem gemütlichen Kaffee und zwei Zigaretten.
Das wars? Darum die Aufregung? Ihr Freund in RL steht plötzlich neben ihr. "Was machst du denn in diesem Bumsschuppen da? Was sind das für Bälle? Sag mal, haben die da Sex?" - "Nee ...", wird sie sagen. "Das kann man nun wirklich nicht so nennen. Nenn’ es Pixelshow. Das ist passender."
Das zweite Mal ist schon besser. Ein Italiener. Der weiß wenigstens eine Frau zu umschwärmen. Eine Stunde lang lässt Mr. Lover-Lover seinen Charme spielen. Und es wirkt. Valentina lässt ihn gewähren. Der Sex, so die Sprachbarriere es zulässt, ist okay. Nichts Besonderes, aber ein Anfang.
Ein drittes Mal leitet Valentina fast selbst ein. In einem Laden, in den nur Frauen gehen. Keine Lesben. Das ist ihr wichtig! Zum einen ist sie Hetero. Zum anderen vermutet sie sowieso nur Männer hinter den Fassaden der schnell zur Sache kommenden Avatarinnen. Und wenn schon Mann, dann einen, der so aussieht! In dem Club tanzen echte Chippendales. Sie strippen für Geld und sind käuflich. Geld hat sie und so flirtet sie und feilscht um den Preis. Nur der Blick zur Uhr hält sie davon ab; es ist mitten in der Nacht. Der Stripper, den Valentina als "besten Flirt mit einem Mann im Netz" bezeichnet, schickt ihr noch ein paar Tage danach Nachrichten. Sie reagiert aber nicht.
Danach habe ich für sehr lange Zeit keinen Sex mehr. Er hat in Second Life eine Bedeutung für den, der danach sucht, oder als mögliche Folge einer engen Bindung. Manche probieren’s mal aus. Andere nie. Aber einen besonderen Stellenwert hat er wohl für die Wenigsten. Zumindest bei denen, die ich kenne oder kannte.
Experimente, Spielarten, Grenzgänge (Interview III)
Martin Gehr: Du redest sehr frei über Sex, Valentina.
Valentina Bechir: Unbedingt. Im richtigen Leben ist Sex wichtig. Nicht übertrieben wichtig. Aber ich muss mich mitteilen, damit mein Partner – wenn er schon nicht von alleine darauf kommt – weiß, wie mit mir umzugehen ist. Und in der digitalen Welt bin ich noch offener. In einem durch Anonymität geschützten Rahmen bin ich sogar zu Experimenten fähig, die für mich im RL schwer umsetzbar wären.
M: Damit beziehst du dich sicher auf deine Erfahrungen, die du außerhalb von SL gemacht hast - in Sex-Chats. Wie weit gehst du bei solch virtuellem Sex?
V: Das ganze Programm. Zutexten, bis der Arzt kommt. In seltenen Fällen auch Telefonate oder der Tausch privater erotischer Fotos.
M: Aber das machst du nur, wenn du nicht gerade in einer Beziehung lebst, oder?
V: Doch, auch. Das mache ich unabhängig von Partnerschaften. Wobei ich – um das metaphorisch auszudrücken – sagen darf: Ich hole mir Appetit, aber essen tue ich zuhause.
M: Und das findest du normal?!
V: Martin, ich habe nie behauptet, "normal" zu sein. Ich liebe das Spiel. Und den Grenzgang. Wann ich dabei einmal Grenzen überschreiten würde, wie es in Second Life passiert ist, war nur eine Frage der Zeit. Ich hatte aber nie den Drang, eine lesbische Seite an mir zu entdecken. Dass ich sie doch habe, steht auf einem anderen Blatt.
M: Du hast bisher Wert darauf gelegt, immer mal wieder eine sexuelle Komponente hineinzubringen. Gleichzeitig sagst du aber, es spielte eine untergeordnete Rolle in SL. Wie passt das zusammen?
V: Sex spielte auch für mich in SL eine eher sekundäre Rolle. Das wird sich in den folgenden Geschichten auch zeigen. Überleg’ mal: Ich habe vier Monate in SL verbracht. Im Schnitt sechs Stunden täglich. Mein Sexanteil – ich rechne hier Kuscheln auf einer Couch nicht dazu – bewegt sich im einstelligen Prozentbereich. Wie im RL auch.
M: Hast du beobachtet, wie andere damit umgehen?
V: Manche Begegnungen lassen den Schluss zu, dass es einige nur deswegen nach SL verschlägt. Pubertäre Neugierde auf Pixelsex. Oder dauergeil auf alles, was danach aussieht. Um ein Beispiel zu nennen: Ich war mit Adriana, meiner guten Freundin in SL, Mitbewohnerin und Geschäftspartnerin, mal in einem Bettenladen. Wir wollten für unsere erste virtuelle Wohnung ein Bett kaufen. Dort liefen nackte Männer um uns herum und hielten uns um Sex an. Mit "Ich will nicht" kommst du da nicht weiter. Die sind hartnäckig. Also haben wir als Finte Preise pro Stunde genannt, die sie unmöglich bezahlen konnten. Die haben dann schnell neue Opfer gesucht.
M: Das würde sich im wirklichen Leben nicht jeder so einfach trauen.
V: Richtig. Du kannst zwar im Grid jede Spielart von Sex finden, wie im RL auch. Nur in Second Life ist es riskanter, weil es offener stattfindet. Die Hemmschwelle ist geringer. Du kannst dich hier nicht so gut verstecken. Man muss seine Häuser gut sichern, um nicht von Spannern beobachtet zu werden.
M: Was kann man dagegen tun?
V: Wir haben unsere Privatbereiche mit Skyboxen geschützt: Im Unterschied zu Häusern am Boden, die man als Besucher sehr schnell sieht, bevorzugen viele SL-Bewohner ein Haus in luftiger Höhe. Zum Beispiel auf 600 Meter. Entweder als echtes Haus oder als geschlossene Box. Natürlich wird man dort auch gefunden. Aber schwerer. Andere Möglichkeiten sind verdunkelte Scheiben und verschlossene Türen. Und auch spezielle Tools, die ungebetene Gäste in den Orbit schießen.
Kapitel I: Das Ende
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Text: Valentina Bechir; Interview: Martin Gehr; Fotos: Valentina Bechir/Second Life






